Eine Aufarbeitung ohne einfache Antworten
Ausstellung zeigt online und vor Ort Ergebnisse einer Studie der Uni Kiel
zu Kinderverschickungen
Die sogenannten Kinderkuren, die von 1945 bis in die 1990er-Jahre hinein
Millionen junger Menschen in Deutschland durchlaufen haben, sind erst seit
wenigen Jahren ein öffentliches Thema. Allerdings ein sehr kontrovers
diskutiertes. In enger Kooperation mit der Gemeinde hat die Christian-
Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) am Beispiel von St. Peter-Ording
untersucht, was es damit auf sich hat. Dass es keine einfachen Antworten
gibt, zeigt schon der Titel der daraus hervorgegangenen Ausstellung, die
jetzt in St. Peter-Ording von dem unter anderem für Jugend und Soziales
zuständigen Staatssekretär Johannes Albig eröffnet wurde und auch im
Internet zu betrachten ist: „Kinderkurheime in St. Peter-Ording: Orte der
Erholung, Orte der Gewalt?“
Seinen Anfang nahm dieses bundesweit bisher einmalige Projekt im März
2021, als eine Frau, die einst als „Verschickungskind“ in das Nordseebad
gelangt war, in einem Brief an die Gemeinde Erfahrungen schilderte, die
sie bis heute belasten. Bürgermeister Jürgen Ritter, frisch gewählt und
noch nicht einmal ins Amt eingeführt, reagierte prompt, redete lange mit
der Betroffenen und gründete eine kleine Arbeitsgruppe, die bereits im
August beschloss, dieses nach Ritters Worten „absoluter Sensibilität“
bedürftige Kapitel der lokalen und auch der bundesdeutschen Geschichte
wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.
Auf diese Weise kamen der Soziologe Prof. Dr. Peter Graeff und der
Historiker Dr. Helge-Fabien Hertz von der Uni Kiel an Bord. Im
Wintersemester 2022/23 und im Sommersemester 2023 betrieben sie zu dem
Thema ein fächerübergreifendes Lehrforschungsprojekt, das auf ihrer zuvor
erstellten Studie aufbaute. Mit Hilfe von mehr als zwei Dutzend sehr
engagierten Studierenden wurden die Ergebnisse in ein Ausstellungsformat
überführt, weiteres Archivmaterial ausgewertet und Interviews mit ehemals
verschickten Kindern sowie mit in den Heimen tätig gewesenen Beschäftigten
geführt.
Differenzierte Darstellung
Der Fundus an Quellen ist gerade für St. Peter-Ording groß. Wie der
Landtagsabgeordnete Werner Kalinka (CDU) in seinem Grußwort zur Eröffnung
der Ausstellung betonte, wurden dort in gut vier Jahrzehnten
schätzungsweise 325.000 Kinder für gewöhnlich drei bis sechs Wochen
betreut. Und laut Claudia Johansson von der Gruppe „Verschickungskinder
St. Peter-Ording“, die diese Ausstellung durch tiefgehende persönliche
Einblicke in ihre Erinnerungen an die Geschehnisse vor Ort maßgeblich
bereichert hat, gab es auf dem Gebiet der Gemeinde einst mindestens 43
Heime.
Für ganz Westdeutschland nennt Historiker Dr. Hertz von der Uni Kiel etwa
1.000 Heime und schätzungsweise rund zehn Millionen Verschickungen, es
handele sich mithin um einen „Prozess systematisch angeordneter
Kinderkuren“. Der große Vorteil der nun ausgestellten Ergebnisse des
Projekts ist aus Sicht von Dr. Hertz und Professor Graeff, dass die
Fokussierung allein auf St. Peter-Ording ein sehr engmaschiges Vorgehen
erlaubte und entsprechend differenzierte Bilder ergab.
Genau das stellt die Ausstellung anhand von Schautafeln und anderen
Mitteln dar.
Besonders eindrucksvoll gelingt es anhand einer großen Stele mit drehbaren
Elementen, die einen typischen Tagesablauf aus Sicht des Personals, der
Kinder und auch in aller Nüchternheit nach dem formalen Geschehen
wiedergeben.
Unterschiedliche Perspektiven
Den Blickwinkel der Beschäftigten prägt dabei das oftmals auf ärztlichen
Empfehlungen gegründete Bestreben, Kinder bei Bewegung, frischer Luft und
nahrhaftem Essen zu stärken. Hingegen blieben etlichen der Kinder von
damals Dinge wie Essenszwang, Zwang zum Mittagsschlaf, das Kontaktverbot
zu den Eltern oder sogar Toilettenverbot zwecks Disziplinierung im
Gedächtnis.
Die Ausstellung zeigt aber auch, dass insgesamt nach den aus heutiger
Sicht vielfach bedenklichen nachkriegszeitlichen Methoden der Erziehung in
Einrichtungen wie in Familien zu fragen ist. Und nicht zuletzt stießen die
Forschenden immer wieder auf einst verschickte Kinder, die mit dieser Zeit
überaus positive Erinnerungen verbinden.
Soziologe Prof. Peter Graeff wirbt deshalb darum, sich auf diese
Komplexität einzulassen: „Wir tragen mit der Ausstellung Forschung in die
Öffentlichkeit, die noch ganz am Anfang steht. Interessierte können die
Ausstellung im Museum besuchen oder die Inhalte und Hintergründe virtuell
auf der Homepage der CAU durchgehen. Wer sich auf diese Weise dem Thema
nähert, wird feststellen, wie vielschichtig es ist und dass es keine
einfachen Antworten bietet. Je mehr wir über den Umgang mit den
erholungsbedürftigen Kindern in unserer jüngeren Vergangenheit
herausfinden, desto besser verstehen wir auch heutige gesellschaftlichen
Strukturen und Dynamiken.“
Informationen zur Ausstellung
Die Ausstellung „Kinderkurheime in St. Peter-Ording: Orte der Erholung,
Orte der Gewalt?“ ist noch bis zum 23. Dezember 2023 im Museum Landschaft
Eiderstedt, Olsdorfer Straße 6 in St. Peter-Ording zu sehen, und zwar
dienstags bis donnerstags von 10:00 bis 17:00 Uhr, ab November dienstags
bis sonntags von 11:00 bis 16:00 Uhr. Zur Online-Version lautet der Link:
<www.soziologie.uni-kiel.de/de
empirische-sozialforschung/for
orte-der-erholung-orte-der-gew
