Interview: Vom ukrainischen Kharkiv an die Hochschule Heilbronn
Die Hochschule Heilbronn unterstützt seit einem Jahr mit Fördermitteln
des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung vier Universitäten in der
Ukraine bei der
Online-Lehre.
• Seit März unterrichtet eine ukrainische Professorin von der HHN aus an
ihrer
Heimatuniversität in der Ost-Ukraine.
• Im Juni kommen acht Lehrende aus Kharkiv und Kyiv für eine
Trainingswoche an die
Hochschule Heilbronn.
Heilbronn, Juni 2023. Die Hochschule Heilbronn (HHN) hat direkt nach
Beginn des Krieges in der Ukraine ihre Solidarität für die Menschen im
angegriffenen Land gezeigt – schnell stand fest: Die HHN möchte ihre
Partnerhochschulen in der Ukraine unterstützen. Mit einem Online-
Deutschkurs für ukrainische Lehrende und Angebote für ukrainische
Gaststudierende der Partnerhochschulen wurde die Hilfe im Frühjahr 2022
konkret: Es folgte eine erfolgreiche Antragstellung beim Deutschen
Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Programm „Ukraine digital:
Studienerfolg in Krisenzeiten sichern“. Die Fördergelder des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ermöglichen es, vier
Hochschulen in der Ukraine bei der Online-Lehre zu unterstützen.
Neben Online-Lehraufträgen werden über das Projekt Stipendien an
Studierende in der Ukraine vergeben, Online-Workshops organisiert und
Lehrende bei der Weiterqualifizierung gefördert. Das Projekt wurde
erstmals im Sommer 2022 bewilligt und hat mittlerweile bereits die zweite
Förderung erhalten. Im Rahmen dieses Projekts – mit dem Namen „HHN-DITO
II“ - Digitally und internationally together in difficult times – ist seit
März 2023 die ukrainische Professorin Oleksandra Mandych an der HHN
beschäftigt. In einem Gespräch mit uns berichtet sie mehr über ihre
Tätigkeit, die Flucht und das Projekt HHN-DITO.
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Liebe Frau Mandych, seit gut drei Monaten arbeiten Sie nun an der HHN.
Könnten Sie uns kurz beschreiben, wie es Ihnen bei uns gefällt?
Ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit habe, Teil des HHN-DITO II-
Projekts an der HHN zu sein. Es ist für mich sehr wichtig, mich in einem
universitären Umfeld zu befinden, mit Kolleginnen und Kollegen zu
kommunizieren und weiter an bestehenden und neuen Projekten zu arbeiten.
Dank der Mitarbeit an dem HHN-DITO II-Projekt habe ich neue Ideen für die
Fortsetzung meiner Lehrtätigkeit und neue Erfahrungen im Bereich der
internationalen Zusammenarbeit gesammelt. Zudem hat das Thema E-Learning
und die digitale Lehre nach der Corona-Pandemie, und vor allem auch
aktuell während des Krieges in der Ukraine, an großer Bedeutung gewonnen.
Ihr Aufenthalt hier in Heilbronn ist leider durch den Krieg in Ihrem
Heimatland begründet. Würden Sie uns erzählen, wie Sie nach Heilbronn
gekommen sind?
Ja, in Heilbronn bin ich nun in Sicherheit. Es ist unmöglich, in Worte zu
fassen, wie schrecklich das Leben im Krieg ist, welche schrecklichen
Folgen der Krieg für jeden hat, welche unschätzbaren Verluste er für jeden
von uns bedeutet. Ich komme aus Kharkiv, und wir waren die ersten, die vom
Krieg erfuhren, als die Bomben- und Raketenangriffe um 5 Uhr morgens
begannen... Unsere Stadt wurde in den ersten 8 bis 9 Monaten jeden Tag und
jede Nacht angegriffen. Und das Gebiet Kharkiv ist heute immer noch eine
Region, in der aktive Militäroperationen stattfinden. Leider war ich
gezwungen, meine Heimat zu verlassen. Mein Mann ist in Kharkiv geblieben.
Er ist unser Held, er verteidigt immer noch Kharkiv. Und ich musste meinen
kleinen Sohn beschützen... Ich habe mein ganzes Leben lang, d.h. mehr als
20 Jahre lang, im Hochschulbereich gearbeitet. Ich wollte auf keinen Fall
meinen Status als Professorin der Wirtschaftswissenschaften aufgeben und
durch die Flucht nicht mehr arbeiten können. Und dann geschah ein wahres
Wunder! Ich habe mich auf eine Stelle an der HHN beworben und habe die
Möglichkeit bekommen, als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt HHN-
DITO II mitzuwirken. Ich bin dafür unendlich dankbar. Die Zeit an der
Hochschule bringt mir Freude und ermöglich mir, meiner Lieblingstätigkeit
– der Arbeit in der Wissenschaft – nachzugehen. Das bringt mir
Seelenfrieden, der sich nur schwer in Worte fassen lässt!
Sie sind im Projekt „HHN-DITO II“ tätig. In dem Projekt unterstützt die
HHN vier ukrainische Partnerhochschulen in der Online-Lehre. Was machen
Sie in dem Projekt genau, wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?
Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt HHN-DITO II halte ich
Online-Lehrveranstaltungen im Bereich Wirtschaftswissenschaften für
Doktorandinnen an einer Partnerhochschule in Kharkiv. Darüber hinaus führe
ich Online-Kolloquien sowie Workshops für Doktorandinnen in der Ukraine
durch und betreue sie bei ihren Promotionsvorhaben. Zudem umfasst meine
Arbeit die Abstimmung weiterer Veranstaltungen mit den ukrainischen
Partnerhochschulen und als Expertin für die ukrainische
Hochschullandschaft unterstütze ich auch die Koordinatorin des Projekts
mit meinem Wissen.
Können Sie einschätzen, was ein solches Projekt für Ihre Heimatuniversität
– in Zeiten des Krieges – bedeutet?
In Kriegszeiten besteht die Hauptaufgabe der Universität darin, ihre
Bildungsaktivitäten fortzusetzen. Derzeit ist dies, dank der
Digitalisierung des universitären Umfelds und digitaler Lerntechnologien,
möglich. Wir hatten bereits Erfahrung mit der Umstellung auf Online-Lehre
durch die Corona-Pandemie. Aber der Krieg hat ganz neue Herausforderungen
geschaffen – zum Beispiel wurden alle Universitätsgebäude in Kharkiv
beschädigt. Ein unglaublicher Verlust an Ressourcen, die wir über
Jahrzehnte aufgebaut hatten. Das Projekt "HHN-DITO II" zielt u.a. darauf
ab, uns Möglichkeiten für die berufliche Weiterbildung und Entwicklung zu
bieten. Wir lernen durch die Online-Workshops neue globale Trends und
bewährte Verfahren bei der Umsetzung der digitalen Hochschulbildung
kennen. Der Erwerb von Sprach-, Kommunikations- und digitalen Kompetenzen
ist derzeit ein Schlüssel zur erfolgreichen Weiterentwicklung der
Hochschulbildung. Denn wir müssen für eine wettbewerbsfähige Lehre an
unseren Universitäten sorgen.
Von 18. bis 24. Juni werden weitere acht Lehrende aus der Ukraine für eine
Trainingswoche an die HHN kommen. Was werden sie hier genau tun?
Die acht Lehrenden kommen ebenfalls im Rahmen des Projekts nach Heilbronn
und sollen in dieser Woche u.a. einen Einblick bekommen, wie die Bereiche
E-Learning und digitale Lehre an der HHN gelebt und umgesetzt werden. Dies
soll dazu inspirieren, die eigenen Kompetenzen und Ideen im Bereich der
Online-Lehre weiter auszubauen. Sie werden die Möglichkeit haben, eigene
Videos in den Medienlaboren zu produzieren, die Standorte sowie
verschiedene Projekte der HHN kennenzulernen und an einer Schulung zu den
digitalen Tools teilzunehmen. Da ich selbst in der Ukraine unterrichte,
kenne ich die Herausforderungen, mit denen die Lehrenden konfrontiert
sind, aus erster Hand. So konnte ich bei der Organisation des Programms
behilflich sein.
Möchten Sie zum Abschluss den Leser*innen noch etwas mitteilen?
Ich möchte mich bei der Hochschul- sowie Projektleitung für ihre
Unterstützung und die Möglichkeit bedanken, trotz aller Widrigkeiten
weiterarbeiten zu dürfen. Das ist heute für mich das Wichtigste. Mein Dank
gilt natürlich auch dem Mittelgeber. Ich hoffe, dass wir das Projekt HHN-
DITO II auch in Zukunft weiterführen können. Solche Projekte bringen sehr
wichtige Ergebnisse. Und wir lernen nicht nur von unseren Kolleg*innen und
verbessern nicht nur unsere Fähigkeiten, wir gewinnen auch neue, wichtige
Erfahrungen, wir gewinnen neue Freunde und knüpfen neue Kontakte – das ist
unbezahlbar. Dank solcher Programme gewinnen wir, die ukrainischen
Pädagog*innen, neue Kraft. Wir bleiben nicht stehen, sondern wir erweitern
unseren Horizont. Das ist von unschätzbarem Wert.
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Hochschule Heilbronn – Kompetenz in Technik, Wirtschaft und Informatik
Mit rund 8.000 Studierenden ist die Hochschule Heilbronn (HHN) eine der
größten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg.
Ihr Kompetenz-Schwerpunkt liegt in den Bereichen Technik, Wirtschaft und
Informatik. An ihren vier Standorten in Heilbronn, Heilbronn-Sontheim,
Künzelsau und Schwäbisch Hall bietet die HHN mehr als 60
zukunftsorientierte Bachelor- und Masterstudiengänge an, darunter auch
berufsbegleitende Angebote. Die HHN bietet daneben noch weitere
Studienmodelle an und pflegt enge Kooperationen mit Unternehmen aus der
Region. Sie ist dadurch in Lehre, Forschung und Praxis sehr gut vernetzt.
Das hauseigene Gründungszentrum unterstützt Studierende sowie Forschende
zudem beim Lebensziel Unternehmertum.
