RWI: Konsum zieht deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr zurück ins Plus
Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung senkt seine Prognose
für das deutsche Wirtschaftswachstum im Jahr 2023 von 0,2 auf -0,3
Prozent, für 2024 erwartet es 2,0 Prozent. Wie schnell die deutsche
Wirtschaft sich erholt, hängt vor allem davon ab, wie schnell die
Inflation zurückgeht und infolge dessen der private Konsum wieder
anspringt. Die Arbeitslosenquote dürfte 2023 bei 5,6 Prozent, 2024 bei 5,4
Prozent liegen. Die Inflation dürfte in diesem Jahr 5,5 Prozent betragen
und im nächsten auf 2,0 Prozent zurückgehen. Das RWI erwartet für das
laufende Jahr ein staatliches Budgetdefizit von gut 50 Milliarden Euro und
für 2024 ein Defizit von knapp 18 Milliarden Euro.
Das Wichtigste in Kürze:
• Das RWI senkt seine Prognose des deutschen Wirtschaftswachstums für 2023
gegenüber März dieses Jahres um 0,5 Prozentpunkte von 0,2 auf -0,3
Prozent. Für 2024 erwartet es 2,0 statt 1,8 Prozent.
• Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland ist derzeit schwach.
Dies ist vor allem auf einen kräftigen Rückgang des Konsums der privaten
Haushalte zurückzuführen. Aufgrund der hohen Inflation zu Jahresbeginn und
der damit verbundenen sinkenden Realeinkommen schränkten die Haushalte
ihren Konsum ein. Im weiteren Verlauf des Jahres dürften mit sinkender
Inflation auch die Konsumausgaben der Haushalte wieder steigen.
• Nachlassende Probleme mit den Lieferketten haben offenbar ermöglicht,
dass Unternehmen aufgelaufene Aufträge abarbeiten konnten. Entsprechend
wurden die Ausrüstungsinvestitionen im ersten Quartal dieses Jahres recht
deutlich ausgeweitet. In diesem Jahr dürften sie um insgesamt 3,6 Prozent
zulegen, im nächsten Jahr aufgrund schlechterer Finanzierungsbedingungen
um 2,7 Prozent.
• Der Arbeitsmarkt ist mit starkem Beschäftigungszuwachs ins Jahr
gestartet, im ersten Quartal mit einem Plus von saisonbereinigt 150.000
Erwerbstätigen. Die positive Entwicklung wurde vor allem durch Zuwanderung
getrieben, die größten Zuwächse verzeichnete die
sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Jüngste
Arbeitsmarktindikatoren deuten jedoch auf einen Umschwung hin.
• Durch die schwache Konjunktur ist die registrierte Arbeitslosigkeit
gestiegen, sie dürfte im zweiten Quartal 2023 ihren Höhepunkt erreichen.
In diesem Jahr wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich auf 5,6 Prozent
steigen, im nächsten Jahr dann wieder auf 5,4 Prozent sinken.
• Bei den Tarifverdiensten sind im weiteren Verlauf große Steigerungen
angelegt, da unter anderem in gewichtigen Bereichen wie im öffentlichen
Dienst neue Tarifabschlüsse recht hohe Raten und vor allem umfangreiche
Einmalzahlungen im Rahmen der Inflationsausgleichsprämie beinhalten. Über
den gesamten Prognosezeitraum sind hohe Lohnzuwächse zu erwarten, während
die Inflation allmählich abflaut. Folglich dürften die zuletzt gesunkenen
Reallöhne ab der zweiten Hälfte dieses Jahres wieder steigen. Auf die
Jahre 2023 und 2024 gesehen dürften die Tarifverdienste um 4,8 Prozent
bzw. 4,6 Prozent zulegen, die Effektivverdienste (die tatsächlich von
Arbeitgebern an die Arbeitnehmer gezahlten Bruttoverdienste, die außer dem
Tarifverdienst die übertariflichen Leistungen enthalten), gar um 5,9
Prozent bzw. 5,0 Prozent.
• Seit Beginn des Jahres hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise
gegenüber dem Vorjahr von 8,7 Prozent auf 6,1 Prozent verlangsamt. Dies
liegt unter anderem daran, dass die Energiepreise durch die Einführung der
Strom- und Gaspreisbremse seit Jahresbeginn kaum noch zur Teuerung
beitragen. Für dieses Jahr erwartet das RWI eine Inflationsrate von 5,5
Prozent, für 2024 eine Rate von 2,0 Prozent.
• Das staatliche Budgetdefizit dürfte in diesem Jahr mit gut 50 Milliarden
Euro deutlich geringer ausfallen als im Vorjahr mit 106 Milliarden Euro.
Die Staatseinnahmen legen nur moderat zu, insbesondere weil sich die
Steuereinnahmen schwach entwickeln. Die Staatsausgaben dürften ebenfalls
nur schwach zulegen. Im Jahr 2024 dürfte das gesamtstaatliche Defizit auf
knapp 18 Milliarden Euro sinken, sowohl Staatseinnahmen als auch -ausgaben
dürften höher ausfallen als in diesem Jahr.
Zu den Aussichten für die deutsche Wirtschaft sagt RWI-Konjunkturchef
Torsten Schmidt: „Die konjunkturelle Erholung hängt davon ab, dass die
Inflation wie vorhergesagt sinkt und der private Konsum sich dadurch
belebt. Ist das nicht der Fall, könnte das BIP noch weiter zurückgehen.“
