HSBI-Absolvent Jonathan Dertenkötter will mit seiner Firma aktiv den Ausbau erneuerbarer Energiesysteme vorantreiben
Mehr Sonnenstrom für OWL – dieses Ziel verfolgt Jonathan Dertenkötter mit
seinem 2022 gegründeten Unternehmen „SE Solutions GmbH“. Ein
praxisintegriertes Elektrotechnik-Studium, der Master Integrierte
Technologie und Systementwicklung (ITSE) und weitere Angebote der
Hochschule Bielefeld (HSBI) erleichterten ihm den Weg zur Gründung.
Minden/Bielefeld (hsbi). SE Solutions steht für Sustainable Energy – unter
dieser Firmierung bietet Jonathan Dertenkötter mit seinem Team Lösungen
für nachhaltige Energiesysteme an. Konkret konzipiert, plant und baut der
Ingenieur der Elektrotechnik, der am Campus Minden der HSBI studiert hat,
Photovoltaikanlagen bis 1000 kW und nimmt diese in Betrieb. Auf Wunsch
auch direkt mit der neuen Wärmepumpe, einer Ladestation und dem
entsprechenden Energiemanagementsystem. Und das sowohl für Ein- oder
Mehrfamilienhäuser als auch für Gewerbebetriebe oder eine Mischung aus
beidem. Gewerbliche und öffentliche Auftraggeber berät er zudem auf dem
Weg zu ganzheitlichen, nachhaltigen Energielösungen.
Strom aus Sonnenergie zu gewinnen, ist nicht erst seit dem Ukraine-Krieg
stark nachgefragt. Für immer mehr Privathaushalte und Unternehmen sind
Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit ebenso wichtig wie eine auf Dauer
kostengünstige und unabhängige Energieversorgung. Die Bundesregierung
setzt zudem im Rahmen der Überarbeitung der EEG-Einspeisevergütungssätze
und des Jahressteuergesetzes 2022 sowie mit Förderprogrammen auf Bundes-,
Landes- und kommunaler Ebene hohe Anreize für den Wechsel von Gas- oder
Ölheizungen zu Wärmepumpen in Verbindung mit Photovoltaik oder
Solarthermie. Und die aktuelle Heizungsdebatte um das Verbot von Öl- und
Gasheizungen ist in aller Munde.
Photovoltaiknutzung selbst vorleben
„Die Technologien sind da, wir müssen sie nur endlich nutzen“, so der
28-Jährige. Und weil es momentan auch an den Fachleuten zur Umsetzung
fehlt, hat er sich für die Gründung von SE Solutions entschieden. „Mit
einer PV-Anlage macht dann auch ein Elektrofahrzeug richtig Spaß“,
berichtet der überzeugte Teslafahrer. „Wir haben unseren Fuhrpark rein
elektrisch aufgebaut, mit aktuell zwei Nutzfahrzeugen und fünf PKW als
Vertriebsfahrzeugen. Es gibt entsprechende Fördermittel und wir stehen zu
100 Prozent hinter unserer Mission. Ich kann nicht mit dem Diesel zum
Kunden fahren und etwas über erneuerbare Energiesysteme und
Ladeinfrastruktur erzählen, es aber selbst nicht vorleben“, so
Dertenkötter.
Ein Weg mit vielen Wendungen
Der Weg zur Gründung des Unternehmens war jedoch einer mit einigen Stopps
und Wendeschleifen: Nach der Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton
beim Südwestfunk verschlug es den gebürtigen Thüringer auf der Suche nach
einem dualen Elektrotechnik-Studium zur Bielefelder Firma Goldbeck und zum
Campus Minden der HSBI. Im dortigen praxisintegrierten Studium wechseln
sich zwölfwöchige Theoriephasen an der Hochschule mit elfwöchigen
Praxisphasen im Unternehmen ab. „Das Konzept hat mich überzeugt, weil
Theorie und Praxis ideal ineinander greifen“, so der junge Familienvater.
Während des Studiums warf ihn ein tragischer Kletterunfall aus der Bahn,
Dertenkötter ist seitdem querschnittsgelähmt. „Immerhin kann ich
inzwischen wieder an Krücken ganz gut gehen“. Trotz langer
Krankenhausaufenthalte, zahlreicher Operationen und Rehas beendete er das
Studium 2020 als Jahrgangsbester. Dann schrieb er sich in den Master
Integrierte Technologie- und Systementwicklung (ITSE) ein, ebenfalls am
Campus Minden. Hier wählte er immer wieder Themen, bei denen es um
erneuerbare Energien und intelligente Energiesysteme ging.
Als die Kommunikationsabteilung der Hochschule über ein von ihm
mitentwickeltes Tool zur wirtschaftlichen Bewertung und richtigen
Auslegung von Ladeinfrastruktur, erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen,
Speichersystemen und Netzanschlüssen recherchierte, fragte die Redakteurin
ihn, ob er nicht ein Unternehmen gründen möchte. Darüber hatte er auch
schon nachgedacht, ihm fehlte es aber an Know-how und Risikobereitschaft
zum Gründen. Da empfahl ihm die Redakteurin das Center for
Entrepreneurship (CFE) der HSBI, das Gründungsinteressierte begleitet und
coacht.
Unterstützung durch Professoren und das CFE
Gesagt, getan: Schnell hatte der Masterstudent eine starke
Beratungskompetenz im Rahmen des CFE-Inkubator-Programms vermittelt
bekommen. In Kombination mit dem ITSE-Master entwickelte er seine Gedanken
rund um die dezentrale Verwaltung und Steuerung von erneuerbaren
Energiesystemen weiter. „Im Modul Engineering von Informationssystemen
haben wir eine Energieanlagenregelungssoftwar
Gebäudekomplexe auf Mittelspannungsebene konzipiert und auf den Stand
eines Proof-of-Principles gehoben“, so Dertenkötter. Unter Proof of
Principle kann man ein sehr detailliertes Konzept verstehen, das aber noch
nicht in der Praxis umgesetzt wurde. Im Sommer 2022 stellte er einen
Antrag in der EXIST-Forschungstransfer-Förde
für Wirtschaft und Klimaschutz mit dem Vorhaben, diese Software
kommerziell weiterzuentwickeln und im Rahmen eines Proof-of-Concepts, also
der tatsächlichen Umsetzung, in den Praxiseinsatz zu bringen. „Das war
eine Hochrisikogeschichte, denn Softwareentwicklung bindet viele
Ressourcen und hätte uns nur für die ersten zwei Jahre rund 1,5 Millionen
Euro gekostet.“ Einen solchen Antrag zu stellen, geht im Übrigen weit über
das Ausfüllen von Formularen hinaus. „Ich musste das gesamte Vorhaben
genauestens umschreiben. Das war ein immenser Aufwand“, so der Gründer.
„Die Professoren vom Campus Minden, insbesondere Prof. Wetter, Prof. von
Uthmann, Prof. Wette und Prof. Battermann haben uns neben dem CFE in
endlosen Sessions unterstützt, wo es nur ging. Ohne diesen fachlichen
Support wäre das unmöglich gewesen.“
Der Antrag wurde jedoch nicht bewilligt, „mit Argumenten, die wir mit
Blick auf die Förderrichtlinie nicht hätten abbilden können. Dafür hätten
wir noch zwei Jahre Vorlauf und ein quasi fertiges Produkt gebraucht – und
dafür wäre dann auch der Sinn der Förderung in Bezug auf den
Entwicklungsstand nicht mehr gegeben gewesen“, so sein Resümee.
Dertenkötter schloss vorerst mit dem Thema Forschungstransfer-Förderung ab
und entschied sich, die SE Solutions GmbH zu gründen. Im September 2022
offiziell gegründet und eingetragen, lag das Auftragsvolumen Anfang 2023
bereits im siebenstelligen Bereich, „und das nur über Mundpropaganda und
dank erster Referenzprojekte, die wir schon im Voraus über einige
Kooperationen realisieren konnten“, so der Jungunternehmer.
Die hohe Nachfrage gab Jonathan Dertenkötter recht und er holte sich mit
Tim Sperlich, HSBI-Absolvent des Bachelors Regenerative Energien, einen
Kompagnon in seinen Betrieb, der die perfekte Vorerfahrung durch seine
vorgelagerte Ausbildung gepaart mit einigen Jahren Berufserfahrung im
operativen Projektgeschäft bei einem etablierten Hersteller von
Ladeinfrastruktur- und Backendlösungen mitbringt. Auch andere studentische
Wegbegleiter haben Interesse gezeigt und sind mittlerweile fester
Bestandteil des Teams von SE Solutions. Zusammen wollen sie nun
durchstarten und für mehr Sonnenstrom in OWL und Thüringen sorgen, und
bestimmt auch bald darüber hinaus.
