Der digitale Produktpass für transparente Lieferketten und zirkuläre Produkte
Wer beim Kauf eines Elektronikgeräts Informationen über das Produkt
benötigt, ist aktuell oft noch auf Anleitungen in Papierform oder
aufwendige Recherchen angewiesen. In einem aktuellen Projekt arbeitet ein
Konsortium aus Forschung und Wirtschaftsverbänden jetzt im Auftrag der EU-
Kommission an einem einheitlichen digitalen Produktpass. Dieser soll im
Rahmen einer EU-Verordnung z.B. über einen QR-Code alle
Produktinformationen entlang der Wertschöpfungskette verfügbar und
dezentral abrufbar machen.
Absolutes Must-have im Reisegepäck ist für die meisten in der Regel ein
Personalausweis oder ein Reisepass. Diese sind international anerkannte
Dokumente zur Angabe von Daten über die eigene Person. Dieser für uns
selbstverständliche Vorgang soll bald auch für Elektronik- und
Textilprodukte sowie Batterien Realität werden. Da Handys, Tablets und Co.
selbstverständlich keinen haptischen Reisepass bei sich tragen, sollen
ihre „persönlichen Daten“ in Zukunft mittels eines digitalen Produktpasses
über einen QR-Code oder RFID-Chip an jeder Stelle der Wertschöpfungskette
abrufbar sein.
Verbraucher*innen sollen so beim Kauf von Textilien, Elektronikprodukten,
aber auch Möbeln und Spielzeug mehr Möglichkeiten erhalten, sich über
wichtige Produktinformationen wie die Energieeffizienzklasse, die
Herstellungsbedingungen oder die Reparierbarkeit zu informieren, um darauf
aufbauend eine versierte und nachhaltige Kauf-entscheidung treffen zu
können. Aber auch für andere Beteiligte z.B. bei der Reparatur oder dem
Recycling ergeben sich enorme Potenziale: Bisher kann es bei hoch
miniaturisierten Elektronikprodukten schwer herauszufinden sein, welche
Rohstoffe oder toxischen Bestandteile im Produkt enthalten sind und wie
diese voneinander getrennt werden können. Damit diese Informationen immer
auch der richtigen Zielgruppe zur Verfügung stehen, sollen
nutzungsspezifische Zertifikate den Zugang reglementieren.
Die Gesamtheit der im Produktpass enthaltenen Informationen ist zum
jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig geklärt. Im Projekt CIRPASS
erarbeitet die Gruppe um Eduard Wagner am Fraunhofer IZM aktuell, welche
gesetzliche Informationspflicht bereits existiert und welche weiteren
Informationen für den Produktpass interessant sein könnten. Am Ende soll
eine Informationsarchitektur aufgebaut werden, in der geklärt wird, welche
Informationen für die Beteiligten der Wertschöpfungskette einen Mehrwert
haben und mit welchem Aufwand sie bereitgestellt werden können. Ein
Reparaturindikator, der angibt, wie gut sich ein Produkt reparieren lässt,
ist beispielsweise in Frankreich seit 2021 verpflichtend*¹ und kommt für
den digitalen, gesamteuropäischen Produktpass ebenfalls in Frage. „Auch
die Angabe der Energieeffizienzklasse ist mittlerweile vorgeschrieben.
Doch diese Informationen müssen jetzt noch einzeln ermittelt werden, und
bei anderen Werten gibt es noch keine europaweite Anzeigepflicht. Hier ein
Höchstmaß an Einheitlichkeit zu schaffen, ist ein wichtiges Ziel des
Produktpasses.“ sagt Nachhaltigkeitsexperte Eduard Wagner.
Damit 2026 die ersten Produktpässe verfügbar sind, gilt es also, viele
Akteur*innen abzuholen und einen Konsens zu den wichtigsten Informationen
zu finden. „Im Projekt haben wir 23 Stakeholder-Gruppen identifiziert, für
die wir die jeweiligen Bedürfnisse abfragen. Und das für alle drei
Sektoren“, erklärt Wagner. „Bei uns sind Materialproduzent*innen,
Elektronikhersteller*innen- sowie Reparateur*innen und Recyclingverbände
an Bord.“ Die Ergebnisse dieser Konsultationen werden dann an die EU-
Kommission weitergegeben und dienen den aktuellen politischen Aktivitäten
als Orientierung, welche in Zukunft die gesetzlichen Anforderungen
hinsichtlich des Produktpasses festlegen. Besonders berücksichtigt und
gefördert werden sollen hier auch kleinere und mittlere Unternehmen, für
die die Bereitstellung zusätzlicher Informationen einen hohen Mehraufwand
darstellen kann.
Über das Projekt:
Das Projekt CIRPASS (Collaborative Standardization of a European Digital
Product Passport for Stakeholder-Specific Sharing of Product Data for a
Circular Economy) wird von der Europäischen Union mit 2 Millionen Euro
über 2 Jahre gefördert und läuft vom 01.10.2022 bis 31.03.2024. Die
Projektleitung obliegt der French Alternative Energies and Atomic Research
Commission (CEA). Weitere Projektpartner sind neben dem Fraunhofer-
Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM die SLR Consulting,
das Wuppertal Institut, Chalmers Industriteknik, DKE, GTS, +ImpaKT, F6S,
European Research Consortium for Informatics and Mathematics (GEIE ERCIM),
E Circular Aps, GS1 in Europe, Politecnico Milano, circular.fashion,
DIGITALEUROPE, EIT InnoEnergy, TUDelft, TalTech, Veltha, energy web, BAM,
Sync Force, The Innovalia Association, Textile Exchange, the Responsible
Business Alliance, Wordline Mint, RISE Research Institutes of Sweden,
iPoint, the Global Electronics Council™ (GEC), atma.io und The Global
Battery Alliance (GBA).
(Text: Niklas Goll)
*(1) https://www.umweltbundesamt.de
elektrogeraeten-bessere
