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Wie gut repräsentiert Transkription gesprochene Sprache?

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Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligt eine Million Euro über
fünf Jahre zur Untersuchung der Relevanz von Eigenschaften gesprochener
Sprache für die grammatische Analyse

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Professor Nikolaus P.
Himmelmann, Allgemeine Sprachwissenschaft, ein Reinhart Koselleck-Projekt
bewilligt. Unter dem Titel „Taking Spoken Language Seriously / Gesprochene
Sprache ernst nehmen“ befasst sich das Projekt über einen Zeitraum von
fünf Jahren mit der Frage der Relevanz von Eigenschaften gesprochener
Sprache für die grammatische Analyse. Die Fördersumme beträgt eine Million
Euro. Reinhart Koselleck-Projekte werden ausschließlich an Forschende
vergeben, deren Lebenslauf sich durch herausragende wissenschaftliche
Leistungen auszeichnet. Gefördert wird besonders innovative und im
positiven Sinne risikobehaftete Forschung.
Gesprochene Sprache ist flüchtig. Jede Silbe dauert nur ein paar
Millisekunden. Gesprochene Sprache ist deswegen nicht direkt für eine
weitere Analyse zugänglich. Daher ist es in den Sprachwissenschaften
üblich, sie zu transkribieren und weitere Analysen auf der Grundlage des
Transkripts durchzuführen. Transkription ist zwar unvermeidlich, aber es
ist auch klar, dass ein Transkript das gesprochene Signal nicht in seinem
ganzen Reichtum repräsentieren kann. Dennoch gehen die theoretischen und
vergleichenden Arbeiten in der Linguistik von der zumeist impliziten
Annahme aus, dass die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener
Sprache in den Analysen ignoriert werden können. Eine wichtige Folge
dieser Annahme ist die Tatsache, dass linguistische Analysen und Theorien,
die Daten aus Sprachen ohne Schrifttradition – das ist die große Mehrheit
der Sprachen der Welt - oft ausschließlich auf schriftlichen
Transkriptionen gesprochener Sprache beruht. Das neu bewilligte Projekt
"Gesprochene Sprache ernst nehmen" fragt, ob diese Praxis und die ihr
zugrunde liegenden Annahmen berechtigt sind. Um diese Frage zu
beantworten, müssen zwei miteinander verknüpfte Themen näher untersucht
werden.
Erstens soll untersucht werden, was genau bei der Transkription geschieht.
Welche Entscheidungen müssen Muttersprachler und Forscher treffen, wenn
sie die gesprochene Sprache schriftlich wiedergeben? Zweitens werden die
Forscher*innen der Frage nachgehen, wann die Tatsache, dass Daten aus
ungeschriebenen Sprachen im Wesentlichen Daten aus gesprochenen Sprachen
sind, für die grammatikalische Analyse bedeutsam ist. Ist es möglich,
Phänomene, bei denen typische Merkmale der gesprochenen Sprache für
grammatikalische Analysen relevant sind, systematisch abzugrenzen von
Phänomenen, bei denen Merkmale der gesprochenen Sprache sicher ignoriert
werden können? Wie von den Gutachtern angemerkt, hat das Projekt das
Potenzial, die Grundlagen der Disziplin zu transformieren.