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Europa-Universität Viadrina wirbt erfolgreich Promotionskolleg zu Kultur im NS-Deutschland ein

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Mit rund 900.000 Euro fördert die Hans-Böckler-Stiftung das
interdisziplinäre Promotionskolleg „Gebrochene Traditionen? Jüdische
Literatur, Philosophie und Musik im NS-Deutschland“, das gemeinsam von der
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), der Goethe-Universität in
Frankfurt (Main) und der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar
eingeworben wurde.

Ab dem Sommersemester 2024 werden sich neun Promovierende an allen drei
Hochschulen wissenschaftlich mit den intellektuellen und künstlerischen
Aktivitäten von Jüdinnen und Juden beschäftigen, die innerhalb NS-
Deutschlands vermittelt, offen artikuliert oder illegal verbreitet auf die
soziale Entrechtung, Ausgrenzung und schließlich Ermordung großer Teile
des europäischen Judentums reagierten.

Die Promotionen erfolgen bei Prof. Dr. Kerstin Schoor (Deutsch-jüdische
Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration, Europa-Universität
Viadrina Frankfurt (Oder)), Prof. Dr. Christian Wiese (Martin-Buber-
Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Goethe-Universität
Frankfurt/Main) und Prof. Dr. Jascha Nemtsov (Geschichte der jüdischen
Musik, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar). Das Kolleg wird seinen
Sitz am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg haben.

Als Kooperationspartner konnten das International Institute for Holocaust
Research der Erinnerungsstätte Yad Vashem, das Franz Rosenzweig Minerva
Research Center der Hebrew University of Jerusalem, das Leo Baeck
Institute Jerusalem sowie das Music Department des Dr. Hecht Arts Center
der University of Haifa gewonnen werden.

Die Ausschreibung der Stipendien erfolgt Ende August 2023. Interessierte
sind gebeten, im Laufe des Septembers 2023, möglichst bis zum 15. des
Monats mit dem/der gewünschten Erstbetreuer/in Kontakt aufzunehmen. Die
Bewerbung auf ein Stipendium erfolgt in Rücksprache mit dem/r
Erstbetreuer/in zum 2. November 2023 bei der Hans-Böckler-Stiftung.

Weitere Informationen zum Kolleg:

„Ich freue mich sehr, dass durch diese Förderung der Hans-Böckler-Stiftung
ein spezifischer thematischer Schwerpunkt der beteiligten Lehrstühle und
Institutionen in einem interdisziplinären Verbundprojekt vertieft und an
eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
weitergegeben werden kann“, so Prof. Dr. Kerstin Schoor, Kolleg-Sprecherin
und Inhaberin des Lehrstuhls für Deutsch-jüdische Literatur- und
Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina
Frankfurt (Oder).

„Das Themenfeld des Kollegs aus der Perspektive der drei beteiligten
Disziplinen zu erkunden, verspricht nicht nur Einblicke in die
Vergangenheit, sondern auch fundierte Diskussionen über drängende
Herausforderungen unserer Zeit – dem sehe ich mit Freude entgegen“, so
Prof. Dr. Christian Wiese, Direktor des Frankfurter Buber-Rosenzweig-
Instituts in Frankfurt Main.

Prof. Dr. Jascha Nemtsov (Weimar) begrüßt in diesem Sinne in dem Kolleg
auch „eine großartige Möglichkeit, das Schaffen jüdischer Komponistinnen
und Komponisten im NS-Deutschland zu erforschen und ihre Werke dem
heutigen Musikleben zurückzugeben.“

Die Hans-Böckler-Stiftung „freut sich, in ihrem neuen Promotionskolleg
(PK057) neun Dissertationen zur jüdischen Literatur, Philosophie und Musik
im NS-Deutschland in einem interdisziplinären Forschungszusammenhang
fördern zu können.“ Sie unterstützt das Kolleg in der ersten Förderphase
mit einer institutionellen und individuellen Förderung mit rund 900.000
Euro.

Zum Hintergrund:

Forciert durch die politische Zensur und einen bereits 1933 massiv
einsetzenden Prozess der Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden
im NS-Deutschland, waren die damaligen Entwicklungen in Literatur,
Philosophie und Musik stärker als in anderen Zeiten geprägt durch eine
(kritische) Reflexion überkommener künstlerisch-ästhetischer, kultureller
und religiöser Traditionen. Für Intellektuelle, Schriftstellerinnen und
Schriftsteller, Musikerinnen und Musiker jüdischer Herkunft wurde das
Verhältnis zu Traditionen deutscher, jüdischer und europäischer Kulturen
zur „Gretchenfrage“ intellektueller und künstlerisch-ästhetischer
Positionsbildungen.

Ziel des Kollegs ist es, die Kenntnisse zum jüdischen kulturellen Leben in
einem seit 1933 zunehmend separierten jüdischen Kulturkreis innerhalb NS-
Deutschlands in der Literaturwissenschaft, der Philosophie und
Religionswissenschaft sowie der Musikwissenschaft zu erweitern. Gerahmt
von der gemeinsamen Forschungsfrage nach Gebrochenen Traditionen werden
hierfür intellektuelle, literarische und künstlerisch-ästhetische
Traditionsbezüge im kulturellen Leben deutscher Juden der 1930er und
frühen 1940er Jahre im NS-Deutschland einer kritischen Re-Lektüre
unterzogen.

Das Kolleg reagiert dabei auf einen Forschungsstand, der – im Unterschied
zur Geschichtswissenschaft – noch immer durch eine weitgehende Abwesenheit
der Darstellung charakteristischer Entwicklungen von Literatur,
Philosophie und Musik von Intellektuellen und KünstlerInnen jüdischer
Herkunft im NS-Deutschland, durch das weitgehende Fehlen einer Reflexion
über die Gründe der verzögerten Rezeptionsgeschichte dieser
intellektuellen und künstlerischen Aktivitäten seit den Nachkriegsjahren
bis in die 1990er Jahre sowie – in disziplinär unterschiedlicher Weise –
durch eine desolate Quellenlage gekennzeichnet war und dies zum Teil bis
heute ist. Es reiht sich ein in die internationalen Bemühungen der NS- und
Holocaust-Forschung, im Rahmen derer es zudem in seiner spezifischen
disziplinären Zusammensetzung wie inhaltlichen Ausrichtung einen
originären Anspruch erhebt.