Hohe Zinsen legen deutsche Wachstumsdefizite offen
Prof. Dr. Moritz Schularick (https://www.ifw-kiel.de/de/ex
/moritz-schularick/), Präsident des IfW Kiel, kommentiert die Entscheidung
der Europäischen Zentralbank heute, die Leitzinsen um weitere 0,25
Basispunkte anzuheben:
„Die Europäische Zentralbank (EZB) schreibt weiter Wirtschaftsgeschichte.
Nach der historisch außergewöhnlich langen Nullzinsphase von über 6 Jahren
ist die drastische Geschwindigkeit der Leitzinserhöhung binnen nur eines
Jahres auf nun 4,25 Prozent historisch ebenfalls außergewöhnlich.
Die EZB hat im Kampf gegen die Inflation wirkungsvoll Zähne gezeigt, die
Inflationsrate hat sich gegenüber ihrem Höchststand etwa halbiert. Aus
Risikomanagementperspektive spricht nach so starken Zinsanhebungen vieles
dafür, jetzt zunächst die realwirtschaftlichen Effekte abzuwarten und eine
Pause einzulegen, um die Auswirkungen der Zinserhöhungen valide bewerten
zu können.
Die Effekte der Zinserhöhungen sind inzwischen deutlich sichtbar: Der
Immobilienmarkt ist eingebrochen [Das IfW Kiel veröffentlicht am 03.
August neue Daten des Immobilienpreisindex GREIX für das 2. Quartal], und
die Firmenkreditvergabe ist deutlich gefallen. Die Wolken am
Konjunkturhimmel verdunkeln sich, insbesondere die Wachstumsschwäche in
Deutschland tritt durch die hohen Zinsen nun deutlich zu Tage.
Die Ursachen dieser Wachstumsschwäche alleine der EZB zuzuschreiben greift
aber zu kurz, dies zeigt auch der Blick auf unsere europäischen Nachbarn,
die allesamt eine höhere konjunkturelle Dynamik zeigen. Wenn Deutschland
nicht noch einmal zum „kranken Mann Europas“ werden will, muss es sich
jetzt mutig den Wachstumsbranchen von morgen zuwenden, anstatt ängstlich
mit Milliarden energieintensive Industrien von gestern zu konservieren.
Dazu gehört auch, die Defizite und verpassten Chancen des vergangenen
Jahrzehnts jetzt schnell zu beseitigen: die mitunter bizarre
Rückständigkeit in allen digitalen Bereichen, der starke Rückgang der
staatlichen Kapazitäten und der öffentlichen Infrastruktur sowie das
Fehlen einer sinnvollen Strategie zur Verbesserung des Wohnungsmangels und
zur Steigerung der Zuwanderung, um den Auswirkungen der alternden
Erwerbsbevölkerung zu begegnen.“
