Kitas als Integrationsmotor: Für den Normalfall Vielfalt gut aufgestellt?
Seit dem 1. August 2013 haben Kinder nach vollendetem ersten Lebensjahr
einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Seitdem wurden in der
frühkindlichen Bildung deutliche Fortschritte erzielt. Auch die
Sprachbildung für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte wurde in den
vergangenen zehn Jahren ausgebaut. Eine Kurzinformation des
wissenschaftlichen Stabs des Sachverständigenrats für Integration und
Migration (SVR) zeigt jedoch, dass die Bedarfe zugewanderter Kinder noch
nicht hinreichend berücksichtigt werden. Damit die Kita Integrationsmotor
wird, müssen der Zugang für die Zielgruppe verbessert und Maßnahmen zur
Qualitätssicherung gezielter ausgerichtet werden.
Familien mit Zuwanderungsgeschichte können entscheidend von der Förderung
durch frühkindliche Bildung profitieren. Untersuchungen zeigen, dass
Kinder, die mit einer anderen Familiensprache und in einer weniger
anregenden Lernumwelt aufwachsen, nach einem längeren Kitabesuch etwa mehr
sprachliche Kompetenzen entwickelt haben und in der
Schuleingangsuntersuchung allgemein eher als schulreif befunden werden,
als wenn sie keine oder nur kurz eine Kita besucht haben. Zudem können
Eltern, die mit dem deutschen Bildungssystem noch nicht vertraut sind und
denen am Wohnort persönliche Netzwerke fehlen, besser beraten werden und
mit dem Wissen, dass ihre Kinder gut betreut sind, auch ihre eigenen
beruflichen Ziele eher verfolgen.
„Kinder, die erst kurz vor der Einschulung systematisch mit der deutschen
Sprache vertraut gemacht werden, haben bei Schulbeginn nicht dieselben
Startchancen wie andere Kinder. Die Kindertagesbetreuung leistet hier
einen ganz entscheidenden Beitrag für die frühzeitige Verringerung von
herkunftsbedingten Bildungsungleichheiten. Das ist seit langem schon
Konsens. Doch trotz der vielen Maßnahmen, die in den vergangenen zehn
Jahren auf den Weg gebracht wurden, sind Kitas nach wie vor nicht
ausreichend für den Normalfall Vielfalt aufgestellt“, erläutert Dr. Mohini
Lokhande, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim SVR. „Die Analyse der auf
Bundesebene aufgelegten Programme in der frühkindlichen Bildung zeigt,
dass in den vergangenen zehn Jahren in vielen Bereichen Fortschritte
erzielt wurden. Gleichzeitig ist aber deutlich geworden, dass nicht alle
davon in gleichem Maße profitieren. Vor allem Kinder mit
Zuwanderungsgeschichte sind nach wie vor benachteiligt.“
2020 konnten bundesweit vier von zehn Kindern ohne Zuwanderungsgeschichte
unter drei Jahren eine Kita besuchen, bei den Gleichaltrigen aus
zugewanderten Familien waren es nur zwei von zehn. Auch bei den Kindern
über drei Jahren gibt es einen deutlichen Unterschied: Während fast jedes
Kind ohne Migrationshintergrund eine Kita besucht, sind es in dieser
Alterskohorte nur vier von fünf Kindern mit Zuwanderungsgeschichte. „Ein
Vergleich von Bedarfs- und tatsächlichen Betreuungsquoten zeigt, dass
Familien mit Zuwanderungsgeschichte zwar ein Interesse an
Kinderbetreuungsangeboten haben, dass die Hürden für sie aber höher sind
als für andere Familien. So werden Familien mit Zuwanderungsgeschichte von
Einrichtungen bei der Platzvergabe teilweise benachteiligt – eine
langjährige Vermutung, die durch eine kürzlich veröffentlichte Studie
bestätigt wurde“, so Dr. Lokhande. Hinzu kommt: Sozial benachteiligte
Eltern, zu denen in Deutschland weiterhin überproportional viele Familien
mit Migrationshintergrund gehören, stehen vor dem Problem, dass sie die
Kosten für einen Kitaplatz oft nicht aufbringen können und die
Formalitäten zur Beantragung kompliziert erscheinen.
Damit Familien mit Zuwanderungsgeschichte an den gesetzlich garantierten
Angeboten der frühkindlichen Bildung besser teilhaben können, sollten ihre
Bedarfe künftig stärker in den Blick genommen werden. „Die Nachteile im
Zugang sollten abgebaut werden. Solange das bestehende Angebot aber hinter
den Bedarfen zurücksteht, könnte überlegt werden, ob die Sprachdiagnostik
frühzeitiger stattfindet und Kindern mit Sprachförderbedarf dezidiert eine
Förderung in einer Kita angeboten wird“, sagt Dr. Lokhande. Dafür müsste
allerdings auch die Qualität der Sprachstandsdiagnostik verbessert und
eine diversitätssensible Haltung in Kindertageseinrichtungen, die
Mehrsprachigkeit als Stärke begreift, zum Normalfall werden.
In den vergangenen Jahren wurden hohe Investitionen in den Ausbau, die
Qualitätsentwicklung und die Sprachförderung in Kitas getätigt – mit
positiver Wirkung. Allerdings profitieren Kitas, die besonders viele
Kinder mit Zuwanderungsgeschichte betreuen, unzureichend von der
Qualitätsförderung. „Vor allem für Kitas in besonders herausfordernder
Lage sollte deshalb – ähnlich wie im Schulbereich – ein dauerhaft
angelegtes ‚Startchancen-Programm‘ aufgelegt werden. Die
Betreuungseinrichtungen brauchen einen besseren Planungshorizont und dazu
gehört eben auch ein gesicherter Finanzierungsrahmen, damit sie ihrem
Bildungsauftrag gerecht werden können und attraktiv bleiben für
qualifizierte pädagogische Fachkräfte“, erläutert SVR-Geschäftsführerin
Dr. Cornelia Schu.
Derzeit wird der Fachkräfte-Mangel in diesem Bereich auf etwa 100.000
geschätzt. Einem so ausgeprägten Bedarf könne nur mit einer beherzten,
konzertierten Aktion begegnet werden, fasst Dr. Schu zusammen: „Es gilt,
die schon vielfach diskutierten Strategien umzusetzen. Dazu gehört eine
praxisorientierte Ausbildung, der Wechsel hin zu multiprofessionellen
Teams und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Auch viele
Neuzugewanderte sind einschlägig qualifiziert. Es ist daher richtig, dass
die Politik Strategien für die Berufsanerkennung, Nachqualifizierung und
Einstellung auch geflüchteter Fachkräfte entwickelt. Sie können zu einer
weiteren diversitätssensiblen Öffnung der Kitas beitragen.“
Originalpublikation:
https://www.svr-migration.de/p
