Wie oft Zugewanderte aus Europa Gelder in die Heimat überweisen
Wie oft und wieviel Geld überweisen europäische Migrantinnen und Migranten
aus der Schweiz in ihre Herkunftsländer? Eine Studie der Universität
Zürich zeigt: Personen aus Portugal senden häufig kleinere Beträge, solche
aus Grossbritannien eher höhere Summen, dafür weniger oft.
Die Schweiz gehört zu den Ländern, aus denen Migrantinnen und Migranten
weltweit am meisten Geld in ihre Heimatländer überweisen. Diese
sogenannten Remissen können zur Unterstützung von Verwandten und Freunden
eingesetzt werden, aber auch für eigene Zwecke wie beispielsweise einen
Immobilienerwerb. Es wird häufig angenommen, dass solche Geldüberweisungen
eine wichtige Rolle bei der Sicherung des Lebensstandards und der
ökonomischen Entwicklung von ärmeren Ländern spielen. Daher werden die
Zahlungen vor allem mit Zugewanderten aus dem globalen Süden verbunden,
nicht aber mit solchen aus Europa.
Überweisungen mindestens einmal im Jahr
Generell ist die Migration zwischen europäischen Ländern ein noch wenig
erforschtes Thema. Ein Team des Soziologischen Instituts der Universität
Zürich und der Universität Luzern hat nun im Rahmen des Projektes
TRANSSWISS Remissen aus der Schweiz in andere europäische Länder
untersucht. In der vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Studie
wurden rund 3000 Personen aus Bosnien-Herzegowina, Deutschland,
Grossbritannien, Italien, Portugal und Serbien schriftlich zu ihren
Geldtransfers befragt. Bei der Auswahl der Länder wurde auf eine genügend
grosse Heterogenität bezüglich der räumlichen Entfernung zur Schweiz, dem
ökonomischen Entwicklungsstand der Gesellschaften und dem
Qualifikationsprofil der Migranten geachtet.
Das Projekt zeigt auf, dass auch intraeuropäische Migrantinnen und
Migranten regelmässig Überweisungen in ihre Herkunftsländer tätigen. «Im
Durchschnitt machen dies 21 Prozent der Befragten mindestens einmal im
Jahr», fasst Erstautor Jörg Rössel zusammen. Besonders Zugewanderte aus
Grossbritannien (29 Prozent), Bosnien-Herzegowina (30 Prozent), Serbien
(40 Prozent) und Portugal (46 Prozent) zahlen mindestens einmal jährlich
Geld in ihre Heimat. Eher unter dem Durchschnitt liegen Personen aus
Deutschland (15 Prozent) und aus Italien (13 Prozent) – was auch daran
liegt, dass in diesen Gruppen zahlreiche Angehörige der zweiten Generation
befragt wurden. «Generell nimmt die zweite Generation von Migrantinnen und
Migranten seltener Rücküberweisungen vor. Dies hängt mit der geringeren
Anzahl und Stärke ihrer sozialen Beziehungen in das Heimatland der Eltern
zusammen», erklärt der Soziologie-Professor.
Unterstützung der Familie oder aufs eigene Konto
Die durchschnittlichen Beträge pro Jahr variieren ebenfalls stark je nach
Nationalität: Personen aus Grossbritannien überweisen rund 4000 Franken,
gefolgt von Portugal mit 2200 Franken und Deutschland mit 1100 Franken.
Deutlich tiefer liegen die Beträge für Italien (650 Franken), Serbien (460
Franken) und Bosnien-Herzegowina (324 Franken).
Auffällig ist, dass Zugewanderte aus Bosnien-Herzegowina, Italien und
Serbien die Überweisungen besonders häufig zur Unterstützung von Familien
und Freunden einsetzen, während die portugiesischen Einwanderinnen und
Einwanderer das Geld vor allem auf ihr eigenes Konto überweisen. Die
deutschen und britischen Befragten weisen gemischte Muster auf.
Bindung zum Heimatland und Integration
Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Zahlung von Remissen von einer
erfolgreichen Arbeitsmarktintegration und damit von einem hohen Einkommen
der Migrantinnen und Migranten abhängig sind. Solche rein ökonomischen
Grössen können die Unterschiede zwischen den Gruppen jedoch nicht
erklären. Beispielsweise machen Personen aus Portugal besonders häufig
Überweisungen, Deutsche jedoch eher weniger.
«Die Zahlung von solchen Geldern hängt ebenso von der Bindung an das
Heimatland und von moralischen Normen ab. Menschen mit Familienmitgliedern
oder Wohneigentum im Herkunftsland und mit einer starken moralischen
Verpflichtung, die eigene Familie zu unterstützen, überweisen mit
grösserer Wahrscheinlichkeit Geld», so Rössel. «Mit der Integration in der
Schweiz hat dies allerdings wenig zu tun.» Die Identifikation mit der
Schweiz, dem Heimatland, wahrgenommene Diskriminierung und Kenntnisse der
Schweizer Landessprachen spielen eine untergeordnete bis keine Rolle.
Rücküberweisungen in das Heimatland sind also gemäss der Studie kein
Anzeichen für eine misslungene Integration in der Schweiz.
