Inflation für alle Haushaltstypen deutlich unter 4 Prozent Neue Werte des IMK Inflationsmonitors
Inflation für alle Haushaltstypen deutlich unter 4 Prozent – normale
Mehrwertsteuer auf Gas und Fernwärme trifft Ärmere am stärksten
Die Inflationsrate in Deutschland ist im Oktober auf 3,8 Prozent gesunken.
Damit war die Teuerung einerseits fast doppelt so stark wie von der
Europäischen Zentralbank (EZB) in ihrer Zielinflationsrate angestrebt,
andererseits weniger als halb so hoch wie im Oktober 2022 (8,8) Prozent.
Ebenfalls stark zurückgegangen ist die Spanne der Inflationsbelastung
zwischen verschiedenen Haushaltstypen, die sich nach Einkommen und
Personenzahl unterscheiden. Der Unterschied zwischen der höchsten und der
niedrigsten haushaltsspezifischen Rate betrug im Oktober 2023 0,6
Prozentpunkte, während es 3,1 Prozentpunkte ein Jahr zuvor waren. Nach
September 2023 zum zweiten Mal seit Beginn der drastischen Teuerungswelle
waren dabei ärmere Haushalte, unabhängig von ihrer Größe, nicht mehr am
oberen Rand der haushaltsspezifischen Inflationsraten zu verorten, sondern
nun im unteren Bereich. Familien mit niedrigen Einkommen hatten im Oktober
eine Inflationsrate von 3,0 Prozent zu tragen, bei Alleinlebenden mit
niedrigen Einkommen waren es 3,2 Prozent. Da ärmere Singles und ärmere
Familien über den größeren Teil des Jahres 2023 mit zum Teil deutlich
überdurchschnittlichen Teuerungsraten konfrontiert waren, dürfte trotzdem
auch ihre Jahresrate vergleichsweise hoch ausfallen. Und wenn, wie aktuell
von der Bundesregierung geplant, die Mehrwertsteuer auf Gas und Fernwärme
schon ab Januar statt ab April 2024 wieder auf 19 Prozent steigt, würde
das Haushalte mit niedrigen Einkommen überproportional betreffen. Da
Haushaltsenergie bei ihren monatlichen Ausgaben eine relativ große Rolle
spielt, „öffnet sich dann die soziale Schere wieder“, schreiben Dr. Silke
Tober und Prof. Dr. Sebastian Dullien im neuen IMK Inflationsmonitor, den
das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-
Böckler-Stiftung vorlegt.*
Die Inflationsexpertin und der wissenschaftliche Direktor des IMK
berechnen seit Anfang 2022 jeden Monat spezifische Teuerungsraten für neun
repräsentative Haushaltstypen, die sich nach Zahl und Alter der Mitglieder
sowie nach dem Einkommen unterscheiden (mehr zu den Typen und zur Methode
unten und in der Abbildung in der pdf-Version dieser PM; Link unten).
Ärmere Haushalte waren während der aktuellen Teuerungswelle bis in den
Herbst hinein besonders stark durch die Inflation belastet, weil sie einen
großen Teil ihres schmalen Budgets für Güter des Grundbedarfs wie
Nahrungsmittel und Haushaltsenergie ausgeben müssen. Diese waren die
stärksten Preistreiber. Im Laufe der letzten Monate hat die Preisdynamik
dort aber nachgelassen, so dass sich die einkommensspezifischen
Differenzen seit dem Höhepunkt im Oktober 2022 stark verändert haben.
Damals hatten Familien mit niedrigen Einkommen die höchste Inflationsrate
im Haushaltsvergleich mit 11,0 Prozent. Dagegen waren es bei
Alleinlebenden mit sehr hohen Einkommen 7,9 Prozent. Doch auch wenn die
Inflationsraten seitdem stark gesunken sind und die Werte für die
verschiedenen Haushalte sich angenähert haben, wird das Problem steigender
Preise vor allem für Menschen mit niedrigen Einkommen dadurch verschärft,
dass viele nur geringe finanzielle Rücklagen haben und die Alltagsgüter,
die sie vor allem kaufen, kaum zu ersetzen sind.
Dass die allgemeine Inflationsrate von September auf Oktober um 0,7
Prozentpunkte zurückgegangen ist, liegt unter anderem daran, dass die
Energiepreise geringfügig niedriger lagen. Das ist darauf zurückzuführen,
dass die Preise für Haushaltsenergie kaum gestiegen sind und die
Kraftstoffpreise deutlich geringer ausfielen. Zudem verteuerten sich
Lebensmittel zwar noch einmal um gut sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr,
das stellt aber eine deutliche Verlangsamung gegenüber den Monaten zuvor
dar. Auch bei den übrigen untersuchten Haushaltstypen wirkte sich die
nachlassende Preisdynamik im Grundbedarf aus, allerdings weniger stark als
bei den ärmeren: So betrug die Preissteigerung bei Familien mit hohen
Einkommen im Oktober 3,6 Prozent, bei Paaren ohne Kinder mit mittleren
Einkommen 3,5 Prozent und bei Alleinlebenden mit sehr hohen Einkommen 3,4
Prozent. Familien mit mittleren Einkommen sowie Singles mit höheren
Einkommen verzeichneten Teuerungsraten von jeweils 3,3 Prozent. Bei
Alleinlebenden und bei Alleinerziehenden mit jeweils mittleren Einkommen
schlug die Inflation mit je 3,2 Prozent zu Buche (siehe auch die Abbildung
in der pdf-Version). Dass aktuell die spezifischen Inflationsraten der
einzelnen Haushaltstypen etwas unter der allgemeinen Rate liegen, beruht
darauf, dass das IMK bei der Gewichtung der Warenkörbe die repräsentative
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) heranzieht, während das
Statistische Bundesamt seit Jahresanfang auf die Volkswirtschaftliche
Gesamtrechnung zurückgreift.
– „Höchste Zeit, dass EZB Zinserhöhungszyklus beendet hat“ –
Für die kommenden Monate erwarten Tober und Dullien einen weiteren
Rückgang der Inflationsrate, wobei der Dezember wegen der staatlichen
Abschlagsübernahme für Erdgas- und Fernwärme-Haushalte im Vorjahr einen
Ausreißer darstellen wird. Die Fachleute des IMK rechnen auch mit einer
sinkenden Kerninflation, weil die niedrigeren Energie- und Rohstoffpreise
mit einigem Zeitverzug über die Produktionsketten hinweg auch bei den
Endkund*innen ankommen. Zudem wirke die Auflösung von Lieferengpässen
dämpfend. Die sinkende Tendenz bei der Teuerung dürfte sich zunächst
abschwächen, analysieren die Fachleute. Bremsend wirkten zum Jahresanfang
die Normalisierung des Mehrwertsteuersatzes auf Speisen in Gaststätten
sowie die Anhebung des CO2-Preises. Sollte die Wiederanhebung der
Mehrwertsteuer bei Gas und Fernwärme tatsächlich ebenfalls auf Januar
vorgezogen werden, würde allein deswegen die Inflationsrate zwischen
Januar und März um 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen. All das dürfte den
Trend zu niedrigeren Teuerungsraten aber nicht drehen, betonen Tober und
Dullien, zumal die hohen Preissteigerungen der Vergangenheit sukzessive
aus der Inflationsberechnung fallen. Unter dem Strich dürfte sich 2024 die
Inflationsrate „dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von
zwei Prozent deutlich annähern“, schreiben sie.
Vor diesem Hintergrund und angesichts der wirtschaftlichen Schwäche im
Euroraum und insbesondere in Deutschland „war es höchste Zeit, dass die
EZB ihren Zinserhöhungszyklus beendet hat“, so die IMK-Fachleute. Die
„Normalisierung“ der Geldpolitik im vergangenen Jahr sei bei
Aufwärtsrisiken für die Inflation und den damals noch recht positiven
Wirtschaftsaussichten angebracht gewesen. Seitdem habe die EZB aber
überzogen agiert: „Da die Zweitrundeneffekte durch erhöhte
Lohnsteigerungen überschaubar bleiben, war die deutliche geldpolitische
Restriktion zur Inflationsbekämpfung nicht nur unnötig, sondern riskiert
eine Verzögerung der klimapolitisch erforderlichen Investitionen und ein
erneutes Unterschreiten des Inflationsziels wie in den fünf Jahren vor der
Pandemie.“
– Informationen zum Inflationsmonitor –
Für den IMK Inflationsmonitor werden auf Basis der Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts die für
unterschiedliche Haushalte typischen Konsummuster ermittelt. So lässt sich
gewichten, wer für zahlreiche verschiedene Güter und Dienstleistungen –
von Lebensmitteln über Mieten, Energie und Kleidung bis hin zu
Kulturveranstaltungen und Pauschalreisen – wie viel ausgibt und daraus die
haushaltsspezifische Preisentwicklung errechnen. Die Daten zu den
Haushaltseinkommen stammen ebenfalls aus der EVS. Im Inflationsmonitor
werden neun repräsentative Haushaltstypen betrachtet: Paarhaushalte mit
zwei Kindern und niedrigem (2000-2600 Euro), mittlerem (3600-5000 Euro),
höherem (mehr als 5000 Euro) monatlichem Haushaltsnettoeinkommen;
Haushalte von Alleinerziehenden mit einem Kind und mittlerem (2000-2600
Euro) Nettoeinkommen; Singlehaushalte mit niedrigem (unter 900 Euro),
mittlerem (1500-2000 Euro), höherem (2000-2600 Euro) und hohem (mehr als
5000 Euro) Haushaltsnettoeinkommen sowie Paarhaushalte ohne Kinder mit
mittlerem Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3600 und 5000 Euro monatlich.
Der IMK Inflationsmonitor wird monatlich aktualisiert.
