Sanskrit: In Indien ist die alte Sprache lebendig
Ein Maharadscha auf einem Elefanten, Reisklöße in einem Ahnenritual, ein
30 Tage dauerndes Spektakel: Ein Sanskrit-Kurs in Indien bescherte
Würzburger Studierenden viele Eindrücke.
Indiens kulturelle Vielfalt, seine Religionen, Kunst und Geschichte: All
das steht im Mittelpunkt des Indologie-Studiums an der Uni Würzburg. Dabei
lernen die Studierenden selbstverständlich auch klassische und moderne
indische Sprachen – unter anderem Sanskrit, eine sehr alte Sprache, deren
Ursprünge viele Jahrhunderte vor Christi Geburt liegen.
Sanskrit? Das klingt erst einmal trocken. Verbringt man da seine Zeit
nicht ausschließlich vor Büchern und in Archiven, fernab von jeglichem
Alltagsbezug? Weit gefehlt. „Das religiöse Leben im modernen Indien ist
von Sanskrit durchdrungen“, sagt Indologie-Student Paul Bohnenkamp. Bei
religiösen Zeremonien zum Beispiel rezitieren hinduistische Priester Texte
in Sanskrit, die Gläubigen sprechen es nach. Der alten Sprache kommt in
Indien also eine ähnliche Rolle zu, wie Latein sie lange Zeit in der
katholischen Kirche hatte.
Ahnenritual: Reisklöße als wichtige Requisiten
Wie hinduistische Rituale ablaufen, konnte Drittsemesterstudent Paul im
Herbst 2023 vor Ort in Indien erleben: Zusammen mit anderen Studierenden
absolvierte er in der Millionenstadt Varanasi den zweiwöchigen Kurs „Lived
Sanskrit Cultures in Varanasi“, veranstaltet von den Indologien der
Universitäten Würzburg und Heidelberg. Es war sein erster Aufenthalt in
Indien. Kulturschock? Den habe er nicht erlebt, sagt der Student. Von dem
Kurs war er nachhaltig beeindruckt: Er wollte mit der Teilnahme den
theoretischen Teil seines Studiums „mit Farbe füllen“ – und dieser Plan
ging voll auf.
Im Kurs erfuhren die Studierenden unter anderem von einem Ritual, bei dem
kürzlich verstorbene Mitglieder einer Familie rituell in den Kreis der
Ahnen aufgenommen werden. Reisklöße, die miteinander verknetet und im
Beisein eines Priesters geopfert werden, spielen dabei eine Rolle – die
Prozedur symbolisiert das Verschmelzen der Verstorbenen mit den Vorfahren.
Zufällig konnten die Studierenden genau dieses Ahnenritual kurz darauf
live beobachten: am Ufer des Ganges, wo Tag für Tag zahllose Zeremonien
der unterschiedlichsten Art abgehalten werden. Besser kann man die Theorie
wohl nicht mit Farbe füllen. „Genau das zeichnet diesen Kurs aus“, sagt
Doktorand Ignaz Hetzel, der schon mehrere Male teilgenommen hat: „Man
lernt in der Theorie, kann aber vor Ort sehr viele religiöse Rituale
entdecken und beobachten.“ Das liegt auch an der Stadt, in der der
Sanskrit-Kurs stattfindet: Varanasi ist ein wichtiges Zentrum des
hinduistischen Pilgerwesens.
Spoken Sanskrit: Wiederbelebung der alten Sprache
Im Kurs behandelten die Dozierenden vielfältige Themen. Sie hielten
Vorträge über Pilgerrouten und den Wandel der Pilgertraditionen ebenso wie
über die Rolle der Astronomie im hinduistischen Ritualkalender.
Eine Besonderheit: Die Teilnehmenden konnten sich in gesprochenem Sanskrit
üben. „Es gibt Strömungen, diese alte Sprache wieder als Alltagssprache zu
aktivieren“, erklärt der Würzburger Doktorand. Und so wurden unter anderem
Begrüßungsfloskeln und Bezeichnungen für moderne Alltagsgegenstände
gelehrt – ganz so, wie man auch Neulinge in Englisch, Italienisch oder
einer anderen modernen Sprache unterrichten würde.
Spektakel: das Schauspiel Ramayana dauert 30 Tage
Was die Studierenden ebenfalls sehr beeindruckt hat: Sie erlebten in
Varanasi ein Schauspiel mit, bei dem die wichtigsten Episoden des Ramayana
nachgespielt und rezitiert werden. Dabei geht es um das Leben des Prinzen
Rama. 30 Tage dauert das Spektakel, gespielt wird täglich von mittags bis
abends an verschiedenen Orten im Freien. Und jeden Abend geht das
Schauspiel in eine Art Volksfest über.
Die Aufführung des Ramayana bescherte den Studierenden viele Eindrücke.
„Wir wurden dort von einem indischen Journalisten interviewt und waren
dann in der Zeitung“, erzählt Paul. Außerdem war bei dem Schauspiel als
Schirmherr der Maharadscha von Varanasi zu Gast, der auf einem Elefanten
ritt. Zur Kulisse des Ramayana gehören zahlreiche große Götterfiguren,
deren Herkunft die Studierenden erkundeten: Sie besuchten Werkstätten, in
denen die Figuren gefertigt werden.
Zuschüsse: Förderung durch den DAAD
Geleitet wurde der Kurs „Lived Sanskrit Cultures“ von Professor Jörg
Gengnagel, Inhaber des Würzburger Indologie-Lehrstuhls, und Professorin
Ute Hüsken, Abteilungsleiterin für Kultur- und Religionsgeschichte
Südasiens an der Uni Heidelberg. Bei der Auflage im Herbst 2023 waren aber
so gut wie alle Dozierenden der Würzburger Indologie mit dabei. Finanziell
gefördert wurde der Kurs vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, DAAD:
Die Teilnehmenden erhielten Zuschüsse zu den Reise- und Aufenthaltskosten.
Indien erleben: Studierende haben viele Möglichkeiten
Grundsätzlich haben die Würzburger Indologie-Studierenden viele
Möglichkeiten, mit Stipendien in Indien aktiv zu werden. Landeskunde und
Sprachkurse gehören fest zur Ausbildung; Feldforschungen, Praktika oder
Exkursionen werden darum als Studienleistungen angerechnet. Zeitgleich mit
der Lived-Sanskrit-Exkursion gab zum Beispiel Dozentin Dr. Justyna
Kurowska einen Kurs zur Etablierung von Sprache und Schrift des modernen
Hindi, ebenfalls in Varanasi. „Indien sehen, Indien erleben, Indien
studieren“: Dieses Motto steht nicht ohne Grund auf der Webseite der
Würzburger Indologie ganz
