Zum Hauptinhalt springen

Ausstieg aus fossilen Brennstoffen könnte mehr als fünf Millionen Todesfälle verhindern

Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle.  Sudarshan Jha/Shutterstock
Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle. Sudarshan Jha/Shutterstock
Pin It
Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle.  Sudarshan Jha/Shutterstock
Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle. Sudarshan Jha/Shutterstock

Nach aktuellen Schätzungen ist die Sterblichkeitsrate durch
Luftverschmutzung von fossilen Brennstoffen deutlich höher als bisher
angenommen – Ein rascher Umstieg auf saubere erneuerbare Energiequellen
hätte großen, positiven Einfluss auf die öffentliche Gesundheit.

Eine Studie liefert neue Argumente für den raschen Ausstieg aus der
Nutzung fossiler Brennstoffe. Ein internationales Wissenschaftsteam
ermittelte die Belastung durch Luftverschmutzung und ihre gesundheitlichen
Auswirkungen. Die Zuordnung der Gesamtsterblichkeit und der
krankheitsspezifischen Sterbefälle zu bestimmten Emissionsquellen zeigt,
dass durch den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe weltweit etwa
fünf Millionen zuschreibbarer Todesfälle pro Jahr vermieden werden
könnten. Das Team nutzte dazu sowohl ein aktualisiertes Atmosphärenchemie-
Modell sowie ein neu entwickeltes Modell, um das relative
Gesundheitsrisiko zu bestimmen, als auch aktuelle Satellitendaten zu
Feinstaub.

Die Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie
(Deutschland), der London School of Hygiene & Tropical Medicine
(Vereinigtes Königreich), der University of Washington (USA), des
Barcelona Institute for Global Health (Spanien) und der
Universitätsmedizin Mainz (Deutschland) wurde kürzlich im British Medical
Journal (BMJ), einer renommierten medizinischen Fachzeitschrift,
veröffentlicht.

Luftverschmutzung ist nach wie vor eine der größten Gefahren für die
öffentliche Gesundheit. Frühere Schätzungen der zurechenbaren
Sterblichkeitslast - der sogenannten Übersterblichkeit - variieren
erheblich, was in erster Linie auf unterschiedliche Annahmen zum
Zusammenhang von Exposition und Wirkung sowie den berücksichtigten
Todesursachen zurückzuführen ist. Darüber hinaus haben nur wenige globale
Studien die Sterblichkeit auf bestimmte Luftverschmutzungsquellen
zurückgeführt. Dies holt das Forscherteam unter der Leitung von Jos
Lelieveld und Andrea Pozzer vom Max-Planck-Institut für Chemie und Andy
Haines von der London School of Hygiene & Tropical Medicine nach. Die
Studie bewertet die Folgen, die der Ausstieg aus der Nutzung fossiler
Brennstoffe auf die Luftverschmutzung und somit auf die
krankheitsspezifische Mortalität und die Gesamtsterblichkeit hätte.

„Wir schätzen, dass weltweit etwa 5,1 Millionen zuschreibbarer Todesfälle
pro Jahr auf Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe
zurückzuführen sind. Diese könnten durch den Umstieg auf saubere,
erneuerbare Energiequellen vermieden werden", erklärt der
Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für
Chemie.

Die meisten zuzurechnenden Todesfälle (52 %) hängen mit Herz-Kreislauf-
Erkrankungen zusammen. Dies sind insbesondere ischämische Herzerkrankungen
(30 %), die die Durchblutung des Herzens stören und zu Herzinfarkten
führen können. Schlaganfall und chronisch obstruktive Lungenerkrankung
machen jeweils etwa 16 % aus, Diabetes etwa 6 %. Etwa 20 % waren
undefiniert, dürften aber teilweise mit Bluthochdruck und
neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson
zusammenhängen.

Die Ergebnisse basieren auf Daten der Global Burden of Disease Studie von
2019, satellitengestützten Feinstaub- und Bevölkerungsdaten und relativen
Risikomodellierungen, die das Verhältnis zwischen Schadstoffexposition und
gesundheitlicher Wirkung abbilden. Darüber wird die krankheitsspezifische
Sterberate und die Gesamtmortalität, die auf eine Langzeitbelastung mit
Feinstaub (PM2,5) und Ozon (O3) zurückzuführen sind, den Emissionsquellen
zugeordnet.

„Luftverschmutzung verursacht und verschlimmert Herz-Kreislauf-
Erkrankungen, was insbesondere die Anfälligkeit des Herz-Kreislauf-Systems
für Feinstaub zeigt. Daher ist es von größter Bedeutung, die
Luftverschmutzung als bedeutenden kardiovaskulären Risikofaktor
anzuerkennen, z. B. in den ESC- und AHA/ACC-Leitlinien für Prävention,
ischämischer Herzkrankheiten und Schlaganfall", erklärt der Kardiologe und
Koautor Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz.

Studienaufbau: Atmosphärische Modellierungsmethode teilt Luftverschmutzung
in Kategorien ein

Basis für die Berechnung von gasförmigen und partikelförmigen
Luftschadstoffen ist ein datengestütztes globales Atmosphärenmodell. Indem
die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unterschiedlichen Quellen
der Luftverschmutzung per Computersimulation nacheinander ausschalteten,
ermittelten sie emissionsspezifisch die anteiligen Änderungen der
PM2,5-Werte.

„Wir haben für vier verschiedene Szenarien bestimmt, um wie viel sich
durch fossile Brennstoffe verursachte Emissionen vermindern würden",
erklärt Andrea Pozzer, Gruppenleiter am Mainzer Max-Planck-Institut für
Chemie. Im ersten Szenario werden die Quellen schrittweise ausgeschaltet.
Das zweite und dritte Szenario gehen jeweils von einer 25- bzw.
50-prozentigen Reduzierung aus. Laut dem vierten Szenario schließlich gibt
es keinerlei anthropogene, sondern nur natürliche Emissionen wie zum
Beispiel Wüstenstaub und Ruß aus natürlichen Waldbränden.

Die Szenarien zeigen, dass das Verhältnis zwischen Schadstoff-Exposition
und gesundheitlicher Wirkung annähernd linear ist. Daraus schlussfolgert
das Wissenschaftlerteam, dass jegliche Verringerung der Emissionen aus
fossilen Brennstoffen die Zahl der zurechenbaren Todesfälle erheblich
senken kann.

„Wenn die Nutzung fossiler Brennstoffe durch einen gerechten Zugang zu
sauberen erneuerbaren Energiequellen ersetzt würde, wäre Luftverschmutzung
kein bedeutendes umweltbedingtes Gesundheitsrisiko mehr", betont der
Epidemiologe Andy Haines, Professor für Umweltveränderungen und
öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene & Tropical
Medicine. „Angesichts des Ziels des Pariser Klimaabkommens, bis 2050
klimaneutral zu sein, würde der Ersatz fossiler Brennstoffe durch
erneuerbare Energiequellen rasche Vorteile für die öffentliche Gesundheit
und das Klima mit sich bringen.“