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"Der Markteintritt von bioökonomischen Lösungen ist jetzt die große Herausforderung"

Prof. Daniela Thrän  Susan Walter-Pantzer / UFZ
Prof. Daniela Thrän Susan Walter-Pantzer / UFZ
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Prof. Daniela Thrän  Susan Walter-Pantzer / UFZ
Prof. Daniela Thrän Susan Walter-Pantzer / UFZ

Veränderung gestalten – unter diesem Motto findet am 4./5. Dezember das
Bioökonomie-Forum 2023 in Berlin statt. An der Veranstaltung nehmen mit
Landwirtschaftsminister Özdemir, Umweltministerin Lemke und
Forschungsministerin Stark-Watzinger gleich drei Bundesminister:innen
teil. Das spricht für hohe Erwartungen der Politik in die Bioökonomie beim
Umbau unserer Gesellschaft und auch für die Rolle des BioÖkonomieRats.
Doch wie weit sind wir bislang gekommen? Welchen Herausforderungen müssen
wir uns stellen? Prof. Dr.-Ing. Daniela Thrän, Leiterin des UFZ-
Departments Bioenergie und Co-Vorsitzende des BioÖkonomieRats, steht in
einem Interview Rede und Antwort.

Frau Thrän, was kann die Bioökonomie leisten, um die Transformation
unserer Gesellschaft voranzubringen, unsere Zukunft also klimagerecht,
naturerhaltend, sozial gerecht und ökonomisch nachhaltig zu gestalten?

Die Bioökonomie ist an ganz unterschiedlichen Stellen für die
Transformation wichtig. Zum einen geht es darum, eine gesunde
Ressourcenbasis zu erhalten, damit wir auch in Zukunft Produkte aus
Biorohstoffen erzeugen können, die in der Bioökonomie verwendet werden
können. Zum anderen kann man mit ausgewählten wichtigen Bioökonomie-
Produkten Erdöl und andere fossile Stoffe substituieren – etwa bei
Konsumartikeln oder auch im Baubereich. Da kann man gute Ergebnisse
erzielen, wenn man mit Sonne, Wind und anderen natürlichen Ressourcen
voranschreitet. Zudem geht es auch um biologisches Wissen, um
Biotechnologie, mit der man letztlich durch neue biotechnologische
Verfahren Bedarfe so decken kann, dass man dafür weniger andere Rohstoffe
braucht.
Deswegen sehen wir im BioÖkonomieRat vier zentrale Beiträge der
Bioökonomie für die anstehenden Probleme: Erstens zum Klimaschutz
beitragen, zweitens die Rohstoffwende unterstützen, drittens für
Innovationen einen verlässlichen Rahmen schaffen und viertens eine
nachhaltige Land- und Flächennutzung.

Auf dem Bioökonomie-Forum wird Bilanz gezogen, wie weit die Bioökonomie
bislang gekommen ist. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

In der Bioökonomie wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele
gute Ansätze entwickelt – es entstanden neue bioökonomische Produkte und
neue Bausysteme. Jetzt ist die große Frage, wie schnell die in den Markt
kommen. Wir stehen in vielen Bereichen an der Schwelle zum Markteintritt.
Die Bioökonomie jetzt umzusetzen, das ist die Herausforderung. Das
bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Produkte auch zum Zug
kommen.

Nennen Sie uns bitte ein paar positive Beispiele.

Man kann Erfolge zum Beispiel an neuen Nahrungsmitteln festmachen, die
mittlerweile in allen Supermarktregalen zu finden sind. Sie bestehen nicht
mehr aus Fleisch, sondern nutzen alternative Proteine, die etwa aus Algen,
Soja, verschiedenen Hülsenfrüchten oder auch der Jackfrucht bestehen. Auch
die Nutzung von Insektenproteinen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln
ist nicht mehr ungewöhnlich. Perspektivisch werden sicher auch Proteine
eine Rolle spielen, die über Präzisionsfermentation durch bestimmte
Mikroorganismen hergestellt werden.
Bioökonomie-Produkte im Chemiebereich sollten stärker in den Fokus rücken.
Es gibt inzwischen vereinzelt Unternehmen, die unterschiedliche Produkte
aus Biomasse herstellen wie beispielsweise die UPM Biochemicals GmbH in
Leuna. Sie errichtet die weltweit erste Bioraffinerie, in der aus
nachhaltig erwirtschaftetem Laubholz Biochemikalien zur Fertigung von
recyclingfähigen Alltagsgegenständen und Materialien gefertigt werden
sollen.
Ein drittes positives Beispiel ist Holzbau, bei dem klimaintensive
Rohstoffe wie Zement oder Stahl durch Holz oder Holzverbundstoffe ersetzt
werden. Besondere Effekte kann man hier erreichen, wenn es sich um
langlebige Materialien handelt, die zum Beispiel auch repariert oder
renoviert werden können.

Warum hakt es vielfach noch an der Umsetzung?

Ich glaube, bezüglich der Umsetzung sind drei Fragen relevant. Erstens:
Wie viel Biomasse haben wir überhaupt zur Verfügung? Zweitens: Wie kommen
wir zu neuen Verfahren, die diese Biomasse effizient für innovative
Produkte nutzen? Drittens: Wie machen wir das so, dass diese Aktivitäten
nicht im Widerspruch beispielsweise zu den Biodiversitätszielen stehen
oder zu Verteilungsungerechtigkeiten, auch im internationalen Bereich,
führen?
Da wurden schon verschiedene Maßnahmen ergriffen und dafür ist die
Gesamtschau auf die Bioökonomie hilfreich. Ein Vorschlag des
BioÖkonomieRats war, sich eine Gesamt-Kohlenstoffbilanz für Deutschland
anzuschauen, um daraus eine entsprechende Strategie zu entwickeln, wie der
begrenzte Kohlenstoff eigentlich wo eingesetzt werden soll. Das könnte
sich dann so ähnlich darstellen wie die Wasserstoffstrategie der
Bundesregierung, die auch viel Rechtssicherheit erzeugt hat. Das ist die
große Perspektive.
Wenn man sich die Frage stellt, wieso die Produkte nicht so schnell in den
Markt kommen, dann muss man feststellen, dass es im Moment sehr viele
Hürden gibt, neue Anlagen auszuprobieren. Wir haben zum Beispiel im
Energiebereich die Option auf Reallabore, aber die gibt es jetzt für die
Bioökonomie so noch nicht.
Ein ganz praktisches Beispiel: Wenn Sie versuchen, eine Bioraffinerie in
ein fossiles Raffineriekonstrukt einzubetten, dann haben Sie andere
rechtliche Regeln zu berücksichtigen. Eine Bioraffinerie produziert
beispielsweise deutlich mehr und anderes Abwasser als die klassische
Erdölverarbeitung. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand für Planung und
Genehmigung. Dies sind im Moment große Hürden, um dann tatsächlich auch
Anlagen errichten zu können.

Der BioÖkonomieRat hat im Mai Vorschläge und Empfehlungen vorgelegt, wie
der Regierung mit einer Nationalen Bioökonomiestrategie der Umbau zu einer
ressourcenschonenden Wirtschaftsweise gelingen kann. Was sind die
zentralen Botschaften?

Wir haben vor allem versucht, für die vier Bereiche Klimaschutz,
Rohstoffwende, Innovation und Flächenschonung Handlungsempfehlungen zu
geben, die gut und zeitnah umsetzbar sind. Sie sind gegliedert in zehn
Themenfelder mit 55 Handlungsempfehlungen. Das umfasst ganz konkrete
Vorschläge – beispielsweise, wie man in Bezug auf flächensparende
Landnutzung mit Photovoltaiksystemen umgehen sollte. Oder: Wie man in der
Landwirtschaft mehr Wertschöpfung generieren kann, indem man Biogasanlagen
zu Bioraffinerien weiterentwickelt, und so sicherstellt, dass
Biogasanlagen künftig ohne die Nutzung von großen Mengen Energiepflanzen
betrieben werden können.
Es geht bei der Rohstoffwende sehr stark darum, wie die Rahmenbedingungen
so gestaltet werden, dass diese Implementierung schneller gelingt. Die
entscheidende Frage ist, wie man die Kreislaufwirtschaft bei der
Rohstoffwende verbessern kann. Wie lässt sich zum Beispiel sicherstellen,
dass Holz einen langen Lebenszyklus bekommt? Man muss sich bei Holz
möglicherweise auch vor dem Hintergrund planetarer Grenzen fragen: Wie
kann ein fairer Verbrauch aussehen? Es sind am Ende also nicht nur
technische, sondern auch gesellschaftliche Fragen der optimalen und fairen
Nutzung.
Bei Innovationen geht es darum, die biotechnologischen Entwicklungen, die
in Deutschland eine starke Rolle spielen, schneller in den Markt zu
bringen. Dafür muss man auch sicherstellen, dass Wagniskapital vorhanden
ist, damit die Innovationskette gut funktioniert. Es braucht mehr
Klarheit, um den Unternehmen die Richtung vorzugeben, damit solche
Innovationen vorangebracht werden.

Wie offen ist die Bundesregierung für Ratschläge des BioÖkonomieRats?

Generell hat der derzeitige BioÖkonomieRat, dessen aktuelle
Handlungsperiode Ende des Jahres zu Ende geht, unter anderem den Auftrag,
die Umsetzung der Nationalen Bioökonomiestrategie zu unterstützen. In
diesem Sinne gab es eine gute und von Interesse geprägte Zusammenarbeit
mit der Bundesregierung. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine
interministerielle Arbeitsgruppe, die die Bioökonomie auf Regierungsebene
voranbringen will. Schließlich ist es ein breit angelegtes Thema, das quer
über die Ministerien geht. Federführend sind das Bundesforschungs- und
Bundeslandwirtschaftsministerium, darüber hinaus zeigen Bundeswirtschafts-
und Bundesumweltministerium starke Präsenz. Das hat den Vorteil, dass das
Ganze als großes Bild angeschaut wird.
In dieser Breite haben wir Empfehlungen ausgetauscht und diskutiert.
Dadurch brauchen Prozesse aber auch länger. Die Ansätze sind sehr
unterschiedlich, zudem gibt es im BioÖkonomieRat eine große
wissenschaftliche Vielfalt. Es geht deswegen nicht über Nacht, sich auf
bestimmte Handlungsempfehlungen zu einigen.

Sie leiten das Department Bioenergie am UFZ und den Bereich
Bioenergiesysteme am Deutschen Biomasseforschungszentrum. Welche
Erkenntnisse aus Ihrer Forschung können Sie in den BioÖkonomieRat
einbringen?

Das Ziel unserer Forschung ist es, ein umfassendes Verständnis der
Wechselwirkungen zwischen erneuerbaren Rohstoffquellen, ihren technischen
Nutzungsoptionen, der Umwelt und der Gesellschaft zu gewinnen und auf
dieser Basis transparente Modellierungsansätze zu entwickeln, die diese
Wechselwirkungen beschreiben. Die Modelle erlauben es, Szenarien von
Entwicklungsperspektiven zu simulieren. Sie dienen damit sowohl als
Entscheidungsgrundlage für nachhaltige Strategien im Bereich der
Erneuerbaren Energien als auch im Bereich der Bioökonomie – und fließen
natürlich auch direkt in die Arbeit des BioÖkonomieRats ein.

Welche Erwartungen haben Sie als eine der beiden Vorsitzenden des
BioÖkonomieRats an die Tagung?

Wir wollen zwei Dinge erreichen: Zum einen wollen wir mit Kolleg:innen aus
Forschung, Praxis und Politik diskutieren, wie die Umsetzung der
Bioökonomie gelingen kann, und wie wir in den vier Handlungsfeldern
schnell vorankommen, um die Bioökonomie umzusetzen und deren Potenzial zu
nutzen. Zum anderen möchten wir auf diesem Weg natürlich gern zeigen, was
an Überlegungen im BioÖkonomieRat in den vergangenen drei Jahren
stattgefunden hat.

Die Ingenieurin und Systemwissenschaftlerin Prof. Dr. Daniela Thrän leitet
das Department Bioenergie am UFZ-Standort in Leipzig und ist gleichzeitig
Bereichsleiterin „Bioenergiesysteme“ am Deutschen
Biomasseforschungszentrum (DBFZ). An der Universität Leipzig hat sie den
Lehrstuhl für Bioenergiesysteme inne. Daniela Thrän ist in zahlreichen
Beratungsgremien und Beiräten tätig, unter anderem im Bioökonomierat der
Bundesregierung, dem sie seit 2012 angehört und dessen Co-Vorsitzende sie
seit 2020 ist. Videoporträt: https://www.youtube.com/watch?v=fjdpgehPzoA