Statement: Im Konflikt um Taiwan brächte Ausweichstrategie von Deutschland und EU höhere Risiken
Dr. Wan-Hsin Liu (https://www.ifw-kiel.de/de/ex
hsin-liu/), Expertin für China, internationalen Handel und Investitionen
am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert angesichts der
bevorstehenden Präsidentschaftswahl in Taiwan die wirtschaftspolitischen
Optionen der EU und Deutschlands:
„Deutschland und die EU sollten jetzt intensiver denn je prüfen, wie sie
Taiwan strategisch als Handelspartner in ihre Diversifizierungsbemühungen
einbeziehen können, um kritische Abhängigkeiten und Risiken im China-
Geschäft zu verringern. Dies gilt unabhängig vom Ausgang der
Präsidentschaftswahl, wäre aber umso dringlicher, falls der in Umfragen
Ende 2023 führende Lai Ching-Te gewinnen würde, dem China stark misstraut.
Bei einem Erfolg des Kandidaten aus der regierenden Demokratischen
Fortschrittspartei könnte China den Konflikt mit Taiwan durch
wirtschaftlichen und politischen Druck verschärfen.
Es würden höhere Risiken drohen, falls sich Deutschland und die EU wegen
der Spannungen in der Taiwanstraße für eine Diversifizierungsstrategie
entscheiden sollten, die auch Taiwans Relevanz in ihren Lieferketten stark
schwächt. Dann würde sich die Gefahr für Taiwan erhöhen, von der
Weltwirtschaft isoliert und noch abhängiger von China zu werden. Das
könnte die über Jahrzehnte aufgebauten demokratischen und
rechtsstaatlichen Institutionen Taiwans gefährden. Außerdem verlören
Deutschland und die EU technologische und wirtschaftliche Potenziale des
Handelspartners Taiwan, vor allem in der Elektronikindustrie. Damit würden
auch europäische und deutsche Bemühungen erschwert, kritische
wirtschaftliche Abhängigkeiten von China zu senken.
Unabhängig vom Ausgang der Wahl werden die Spannungen in der Taiwanstraße
langfristig wohl kaum abgebaut. Denn Chinas Staatschef Xi Jinping hat in
seiner Neujahrsrede die Wiedervereinigung mit Taiwan erneut als
historische Notwendigkeit bezeichnet. Um dieses Ziel zu erreichen, betonte
Peking, werde es sich niemals verpflichten, auf den Einsatz von Gewalt zu
verzichten. Dazu kommt der immer intensivere technologische Wettbewerb
zwischen China und den USA, in dem Taiwan vor allem aufgrund seiner Stärke
in kritischen Technologiefeldern wie Halbleitern, unter anderem für KI-
Anwendungen, eine äußerst wichtige Rolle spielt.“
