Kiel Trade Indicator 12/23: Frachtmenge im Roten Meer bricht ein
Das jüngste Update des Kiel Trade Indicator für den Monat Dezember 2023
zeigt die Folgen der Angriffe auf Frachtschiffe im Roten Meer. Die dort
transportierte Menge an Containern brach um über die Hälfte ein und liegt
aktuell fast 70 Prozent unter dem eigentlich zu erwartenden Aufkommen. Als
Folge sind die Frachtkosten und die Transportzeit im Warenverkehr zwischen
Fernost und Europa angestiegen, und die Importe und Exporte von
Deutschland und der EU liegen teils deutlich unterhalb des Vormonats
November 2023 (preis- und saisonbereinigt).
Das jüngste Datenupdate des Kiel Trade Indicator für Dezember 2023 deutet
auf eine Fortsetzung des leicht negativen Trends im Welthandel und im
Handel zwischen großen Volkswirtschaften hin. Eine Ursache für den
schwachen Handelsmonat dürften auch die mit dem Konflikt im Nahen Osten
verbundenen Angriffe auf Containerschiffe im Roten Meer sein.
Der Welthandel ist demnach von November auf Dezember 2023 um 1,3 Prozent
zurückgegangen (preis- und saisonbereinigt).
Für die EU sind die Indikatorzahlen sowohl bei den Exporten (-2,0 Prozent)
als auch bei den Importen (-3,1 Prozent) klar im roten Bereich.
Im Außenhandel Deutschlands hält die Schwächephase der letzten Monate an,
Exporte (-1,9 Prozent) und Importe (-1,8 Prozent) gingen im
Monatsvergleich abermals zurück.
Für den Dezemberhandel der USA zeigt der Kiel Trade Indicator für Exporte
(-1,5 Prozent) und Importe (-1,0 Prozent) ein Minus, auch wenn der Seeweg
durch das Rote Meer und den Suezkanal dort eine geringere Rolle spielt als
für Europa.
Chinas Handel läuft gegen den Trend, die Werte sowohl für Exporte (+1,3
Prozent) und Importe (+3,1 Prozent) zeigen nach oben. Ein Grund dafür
dürfte im bevorstehenden chinesischen Neujahrsfest liegen, das die
Handelsumsätze nach oben treibt.
„Die Umleitung von Schiffen aufgrund der Angriffe im Roten Meer um das Kap
der Guten Hoffnung in Afrika führt dazu, dass sich die Zeit für den
Transport von Waren zwischen den asiatischen Produktionszentren und den
europäischen Verbrauchern deutlich um bis zu 20 Tage verlängert", sagt
Julian Hinz, Direktor des Forschungszentrums Handelspolitik und neuer
Leiter des Kiel Trade Indicators. „Dies zeigt sich auch in den
rückläufigen Handelszahlen für Deutschland und die EU, da transportierte
Waren nun noch auf See sind und nicht wie geplant bereits in den Häfen
gelöscht wurden.”
Die Anzahl der verschifften Container im Roten Meer ist im Dezember
drastisch um über die Hälfte eingebrochen. Aktuell liegt das Volumen bei
nur rund 200.000 Containern pro Tag, noch im November lag der Wert bei
rund 500.000 Containern. Damit liegt das aktuelle Aufkommen 66 Prozent
unter dem eigentlich zu erwartenden Volumen, berechnet aus dem
Frachtaufkommen der Jahre 2017 bis 2019.
Frachtmenge im Roten Meer bricht ein, aber kaum negative Folgen für
Welthandel zu erwarten
Statt durch das Rote Meer fahren die Schiffe nun um Afrika und das Kap der
Guten Hoffnung, der Umweg nimmt 7 bis 20 Tage in Anspruch. Die verlängerte
Fahrzeit hat die Frachtraten deutlich erhöht, der Transport eines 40-Fuß-
Standardcontainers zwischen China und Nordeuropa kostet aktuell über 4.000
US-Dollar, noch im November waren es rund 1.500 US-Dollar. Der aktuelle
Preis ist allerdings noch weit entfernt von den drastischen Ausschlägen
während der Corona-Pandemie, als der Transport eines Containers auf dieser
Route bis zu 14.000 US-Dollar kostete.
„Entsprechend sind trotz merklichem Anstieg der Transportkosten keine
spürbaren Folgen für die Verbraucherpreise in Europa zu erwarten, zumal
der Anteil der Frachtkosten am Warenwert hochpreisiger Artikel etwa im
Bereich Consumer-Elektronik nur im Promillebereich liegt“, so Hinz.
„Die Situation heute ist nicht mit dem Umfeld während des Evergiven-
Unglücks im Suezkanal und der Corona-Pandemie vergleichbar, als Lockdowns
zu einem drastischen Rückgang des Warenangebots führten und gleichzeitig
die Nachfrage in Europa nach oben schnellte. Außer einer aktuell etwas
längeren Lieferzeit für Produkte aus Fernost und erhöhten Frachtkosten,
auf die sich das Containerschiffnetzwerk schnell einstellen dürfte, sind
keine negativen Folgen für den weltweiten Handel zu erwarten.“
Die nächste Aktualisierung des Kiel Trade Indicator erfolgt am 7. Februar
(mit Medieninformation für die Handelsdaten im Januar).
Weitere Informationen zum Kiel Trade Indicator und die Prognosen für alle
75 Länder finden Sie auf www.ifw-kiel.de/tradeindicator
Über den Kiel Trade Indicator
Der Kiel Trade Indicator schätzt die Handelsflüsse (Im- und Exporte) von
75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels insgesamt. Im
Einzelnen umfassen die Schätzungen über 50 Länder sowie Regionen wie die
EU, Subsahara-Afrika, Nordafrika, den Mittleren Osten oder Schwellenländer
Asiens. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in
Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter
Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die
Schiffsbewegungen in preis- und saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber
dem Vormonat.
Die Auswertung erfolgt einmal im Monat um den 5. und liefert aktualisierte
Handelszahlen für den vergangenen und den laufenden Monat.
An- und ablegende Schiffe werden dabei für 500 Häfen weltweit erfasst.
Zusätzlich werden Schiffsbewegungen in 100 Seeregionen analysiert und die
effektive Auslastung der Containerschiffe anhand des Tiefgangs gemessen.
Mittels Länder-Hafen-Korrelationen können Prognosen erstellt werden, auch
für Länder ohne eigenen Tiefseehafen.
Der Kiel Trade Indicator ist im Vergleich zu den bisherigen
Frühindikatoren für den Handel deutlich früher verfügbar, deutlich
umfassender, stützt sich mit Hilfe von Big Data auf eine bislang
einzigartig große Datenbasis und weist einen im Vergleich geringen
statistischen Fehler aus. Der Algorithmus des Kiel Trade Indikators lernt
mit zunehmender Datenverfügbarkeit dazu (machine learning), so dass sich
die Prognosegüte im Lauf der Zeit weiter erhöht.
