Therapieangebot für Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen wird ausgebaut
Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen leiden regelmäßig unter
Kopfschmerzen, mehr als 20 Prozent fehlen deshalb wiederholt im
Unterricht. // Ein Kinder- und Jugendkopfschmerzprogramm hilft betroffenen
Familien mit interdisziplinären Konzepten. // Das Universitätsklinikum
baut das Angebot gemeinsam mit der AOK PLUS in Sachsen aus.
Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen in Deutschland leiden regelmäßig
unter Kopfschmerzen. Fast die Hälfte der jugendlichen Migränepatientinnen
und
-patienten werden auch im Erwachsenenalter aufgrund von Migräne behandelt.
Durch das Fehlen von Biomarkern werden Kopfschmerzen bei Kindern oft nicht
als ernstzunehmende Erkrankung wahrgenommen, Diagnostik und Therapie nicht
konsequent verfolgt. Die Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Carl
Gustav Carus Dresden bietet betroffenen Familien über das Dresdner
Kinder-/Jugendkopfschmerzprogr
multimodalen Therapie. Gemeinsam mit der Krankenkasse AOK PLUS hat sich
das Uniklinikum nun auf die weitere Finanzierung der Therapie geeinigt.
Der Vertrag dazu wurde an diesem Dienstag, 16. Januar 2024, unterzeichnet.
Gemeinsamer Wille der Partner: Das Versorgungnetz soll sachsenweit
ausgebaut werden. „Erneut gelingt es uns, gemeinsam mit der AOK ein
wichtiges Angebot für die Region zu stärken und zukunftsfähig zu machen.
Darüber freuen wir uns sehr“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer
Vorstand am Uniklinikum Dresden.
Eine Studie an Dresdner Schulen hat ergeben, dass 70 Prozent der
Schülerinnen und Schüler mindestens einmal im Monat Kopfschmerzen haben.
Rund fünf Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen leiden unter
schweren kopfschmerzbedingten Einschränkungen im Alltag, verändern dadurch
ihr Verhalten und können nicht zur Schule gehen. Das wiederum hat
Auswirkungen auf den Bildungsweg der Betroffenen. In der
Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche am Universitätsklinikum
Dresden wurde in den vergangenen Jahren eine Therapiestrategie etabliert,
bei der sowohl biologische als auch psychische und soziale Faktoren von
wiederkehrenden Kopfschmerzen berücksichtigt werden. Die
Kinderkopfschmerzambulanz befindet sich im UniversitätsSchmerzCentrum im
Haus 15 und kooperiert im Rahmen des Programms eng mit der Kinderklinik
des Uniklinikums.
Am Beginn der Schmerzbehandlung steht die diagnostische Einordnung der
Kopfschmerzen durch einen Facharzt oder eine Fachärztin. Allein zwischen
2015 und 2019 stieg die Zahl der Kopfschmerzdiagnosen bei Kindern und
Jugendlichen um 44 Prozent an. „In den anschließenden Corona-Jahren mit
Schulschließungen und Homeschooling kamen noch einmal deutlich mehr Fälle
dazu“, sagt Prof. Gudrun Goßrau, Leiterin der Kopfschmerzambulanz am
Uniklinikum. Sobald ein Kind in das Therapieprogramm aufgenommen wird,
muss es in einem Kopfschmerzkalender oder einer App die Häufigkeit, die
Stärke und mögliche Begleiterscheinungen dokumentieren. Migräne und
Kopfschmerzen vom Spannungstyp sind die häufigsten Kopfschmerzen. Zur
Therapie werden nichtmedikamentöse Verfahren wie Entspannungstechniken und
Ausdauersport, Biofeedback und Schlafhygiene eingesetzt. Auch die
Reduktion von Stress spielt eine wichtige Rolle. Bei akutem
Migränekopfschmerz kommen entsprechende Medikamente zum Einsatz.
Zentraler Baustein in der Behandlung der jungen Patientinnen und Patienten
ist die Gruppentherapie. In acht Modulen befassen sich sechs bis acht
Kinder und Jugendliche mit den Themen Stressmanagement,
Entspannungstechniken und körperlicher Aktivierung. An drei Sitzungen
nehmen auch die Eltern teil. Die Auslöser für Kopfschmerzen bei Kindern
und Jugendlichen sind vielfältig: Lange Phasen der Konzentration,
Flüssigkeits- oder Bewegungsmangel, zu wenig Schlaf oder seelischer Stress
können den Schmerz auslösen oder verstärken. Darum ist es so wichtig, dass
die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ihre Eltern so viel wie
möglich über Kopfschmerzen wissen. Das ist der Ausgangspunkt für das
biopsychoedukative Therapiekonzept DreKiP.
Im Januar 2016 startete das ambulante, interdisziplinäre und bislang
spendenfinanzierte Therapieprogramm DreKiP am Uniklinikum. Die Erfahrungen
und Inhalte aus den vergangenen Jahren werden nun als besondere Versorgung
für die Versicherten der Krankenkasse AOK PLUS angeboten. Der Vertrag
wurde am heutigen Dienstag, 16. Januar 2024, von Prof. Michael Albrecht,
Medizinischer Vorstand am Uniklinikum, Frank Ohi, Kaufmännischer Vorstand,
und Rainer Striebel, Vorstandvorsitzender der AOK PLUS, unterzeichnet.
Versorgungsnetz in Sachsen wird ausgebaut
„Den betroffenen Kindern und Jugendlichen gelingt es nach dem Abschluss
des Programms besser mit ihren Kopfschmerzen umzugehen, durch mehr
körperliche Aktivität und eigenständiges Anwenden von
Entspannungstechniken erhöht sich die Selbstwirksamkeit und der Alltag
gelingt zu Hause und in der Schule besser“, sagt Prof. Michael Albrecht.
„Diese einzelnen Aktivitäten sind wichtige Elemente, mit denen es den
Kindern und Jugendlichen gelingen kann, ihrem Kopfschmerz nachhaltig zu
begegnen. Bisher hat die Hochschulmedizin Dresden für dieses wichtige
Angebot die Verantwortung als Maximalversorger in der Region übernommen.
Mit dem jetzt geschlossenen Vertrag gehen wir einen wichtigen Schritt in
die richtige Richtung, um das Therapieprogramm langfristig anzubieten und
regional in Sachsen auszubauen.“
„Kopfschmerz ist eine der häufigsten Erkrankungen bei Kindern und
Jugendlichen. Trotzdem sind passende Behandlungsmöglichkeiten bisher kaum
vorhanden. Zusammen mit dem Uniklinikum Dresden gehen wir dies nun an“,
sagt Rainer Striebel, Vorstandsvorsitzender der AOK PLUS. „Chronische
Kopfschmerzen haben einen erheblichen Einfluss auf den Alltag der Kinder
und Jugendlichen. Durch die multimodale Zusammenarbeit von Ärztinnen und
Ärzten sowie Therapeutinnen und Therapeuten erhalten sie eine auf ihre
Bedürfnisse abgestimmte Behandlung, unabhängig davon, ob sie in der Stadt
leben oder nicht“, so Rainer Striebel zum Start des Versorgungsvertrages
Kinder- und Jugendkopfschmerz am Uniklinikum.
Erklärtes Ziel der Partner ist es, das Versorgungsnetz des am Uniklinikum
entwickelten Kopfschmerzprogramms sachsenweit auszubauen. Ein erster
Standort wird jetzt in der Kinderklinik des Städtischen Klinikums Görlitz
etabliert, dann folgen Chemnitz und Leipzig.
Wie stark häufiger Kopfschmerz den Alltag von Kindern und Jugendlichen
beeinträchtigt und wie wichtig eine entsprechende Therapie ist, weiß auch
Familie Müller aus Bannewitz. „Mit Beginn der Pubertät klagte unsere
Tochter Vivien immer wieder über Kopfschmerz, der mal stärker, mal
schwächer war“, sagt Christiane Müller. Zwar waren die Schmerzen nicht so
schlimm, dass Vivien länger nicht zur Schule gehen konnte. „Sie hat sich
immer durchgebissen.“ Dennoch suchten ihre Eltern Hilfe bei der
Kinderärztin. „Bis zur Kopfschmerzdiagnose war es allerdings ein langer
Weg, weil in den zahlreichen Untersuchungen – auch im MRT – keine
körperlichen Ursachen gefunden wurden.“ Letztlich empfahl die Kinderärztin
das Therapieprogramm DreKiP am Uniklinikum. „Das hat Vivien sehr
geholfen“, sagt Christiane Müller. Maltherapie, Sport wie Klettern und
Gymnastik, Ernährungsumstellung - -all das habe Vivien dabei unterstützt,
besser mit dem Kopfschmerz umzugehen. Bis heute ist Sport ein wichtiger
Bestandteil ihres Alltags. Inzwischen ist Vivien 18 Jahre alt und macht
eine Ausbildung zur Erzieherin. Mit dem nun geschlossenen
Versorgungsvertrag werden AOK-Versicherte noch zügiger in das
Therapieprogramm am Uniklinikum aufgenommen.
