Ein Leuchtturm in einer sorgenvollen Zeit
Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth,
zu Besuch in der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Heidelberg, 31. Januar 2024
„In dieser sorgenvollen Zeit und vor allem nach den Ereignissen am 7.
Oktober, die uns alle betroffen gemacht haben, möchte ich mit meinem
Besuch ein kleines Zeichen der Verbundenheit setzen,“ so startet der
Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth,
seinen Besuch der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Gleich zu
Beginn wurde klar, wie wichtig ihm sein Kommen war – als ganz persönliches
Anliegen, dem Antisemitismus etwas entgegenzusetzen.
Die Hochschule bezeichnete Harbarth als „besonderen Leuchtturm des
blühenden Jüdischen Lebens in Deutschland“.
Von Seiten der Hochschule startete Professor Ronen Reichman, Inhaber des
Lehrstuhls Talmud, Codices und Rabbinische Literatur, die
Vorstellungsrunde. Er sprach als Mitglied des Forums für den Vergleich der
Rechtsdiskurse der Religionen. Dessen Ziel ist es, wissenschaftliche
Gespräche zu Grundfragen der unterschiedlichen Rechtstraditionen, zu
fördern und vergleichende Perspektiven zu ermöglichen. Gegründet bereits
2015, wird das Forum geleitet von Vertreter:innen der drei
monotheistischen Religionen: Islam, Christentum und Judentum. Gerade das
Thema des letzten Treffens im Jahr 2023: Die interne Sicht und
Positionierung von Religion in Bezug auf weltliche/politische Macht,
knüpfte aus Reichmans Sicht an den aktuellen Bezugsrahmen in Israel an.
Dort gingen die Menschen gegen die geplanten, so genannten Justizreformen
auf die Straße, bewies sich Israel über ein ganzes Jahr hinweg als
„wehrhafte Demokratie“ und die Relevanz und Gefahr sei noch aktuell, so
Reichman: „Diese demokratiegefährdende Maßnahme zeigt einen Versuch, den
Grundsatz der politischen Gewaltenteilung durch die radikale Schwächung
der judikativen Instanz zu brechen.“ Die Zukunft Israels hänge auch davon
ab, welche Interpretation der rechtlichen Definition als Jüdisch-
demokratischer Staat sich im gesellschaftlichen, politischen und
rechtlichen Diskurs durchsetzen werde.
Professor Harbarth fügte hinzu, dass Besucher:innen des Israelischen Hohen
Gerichts just zu dieser Zeit der Demonstrationen zu Gast beim
Bundesverfassungsgericht waren, jedoch am Tag nach der Verabschiedung des
ersten Teils der Justizreform ihre Reise abbrachen und nach Israel
zurückkehrten, um sich den Eilfällen widmen zu können. Ebenso betonte er,
wie essenziell die Judikative für das System der Gewaltenteilung in Israel
sei.
Die Zusammensetzung seines noch recht neuen Graduiertenkollegs Ambivalent
Enmity erläuterte Professor Becke, der den Lehrstuhl für Israel- und
Nahoststudien leitet, und gemeinsam mit Wissenschaftler:innen der
Universität Heidelberg das Kolleg letztes Jahr ins Leben gerufen hat. So
steht der Begriff „Enmity – Feindschaft“ zwar stets im Mittelpunkt, doch
die Blickrichtungen kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Das
Kolleg vereint Wissenschaftler:innen für Osteuropa und den Nahen Osten mit
Ansätzen aus der Geschichte, Linguistik, Literaturwissenschaft,
Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte. Vielfach sei auch eine
Faszination für den Feind / die Feindin zu beobachten, die zum Beispiel
von Sprache und Kultur ausgehe, so Becke. Ziel der Forschungen sei es, ein
vielschichtigeres, inklusiveres Verständnis für Konflikte, aber auch deren
Lösungen zu erhalten.
Nicht zum ersten Mal dagegen stellte Rawan Osman ihr Projekt ArabsAsk vor,
das sie gemeinsam mit Lukas Stadler und David Lüllemann ins Leben gerufen
hat. Jedoch scheint der Zeitpunkt nie brennender und Osman nie überzeugter
von der Notwendigkeit ihres Handelns: ArabsAsk besteht aus kurzen Videos
auf TikTok und Instagram, in denen Osman aktuelle politische und
gesellschaftliche Themen auf Arabisch erläutert: den Nahostkonflikt,
Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus – Themen die polarisieren und
schlimmstenfalls auch radikalisieren. Gemeinsam mit Ihren Kommilitonen
gründete sie nun am 18. Januar nun den Trägerverein Post7October e. V., um
sich auf ein stabiles Fundament für alle weiteren Schritte verlassen zu
können. Der Verein wird von der Hochschule und deren Freundeskreis aktiv
unterstützt.
Ob mit oder ohne Unterstützung: Die Studierendenvertretung der Hochschule
ist seit dem 7. Oktober noch aktiver als zuvor. Überregionale Netzwerke
werden geknüpft und Veranstaltungen gemeinsam bestritten, neue Formate
diskutiert und im nächsten Semester ausprobiert. Über die vielen
Aktivitäten berichtete die Studierende Cornelia D’Ambrosio, die zusätzlich
ihre eigene Zerrissenheit in der eigenen Heimat Deutschland beschrieb. Der
Präsident des Bundesverfassungsgerichts fragte, hörte zu und hakte nach,
ging über vom Sachlichen ins Persönliche und ließ so den Studierenden den
Raum, auch ihre ganz subjektiven Erfahrungen zu schildern.
Bei einem Rundgang durch die Hochschule stellte Bibliotheksleiterin
Angelika Stabenow die Bibliothek mit ihren etwa 50.000 Büchern vor,
darunter ein Buch aus dem Bestand der 1801 gegründeten Jakobson-Schule
Seesen. Stabenow leitete über zum Heidelberger Talmud. Dieser war bereits
1948 von der Heidelberger Druckerei Carl Winter im Auftrag der U.S.-Armee
gedruckt worden, um den befreiten Juden in der amerikanischen Zone mehrere
Ausgaben aushändigen zu können. Als Vorlage diente der der Wilnaer Talmud.
Das Titelblatt zeigt eine Zeichnung eines verlassenen Konzentrationslagers
auf der einen und dem Land Israel als Zukunftshoffnung auf der anderen
Seite.
Den Ausklang bildete das Gespräch mit Rabbi Shaul Friberg, der von seiner
regulären Arbeit, seinen interreligiösen Dialogen und Trialogen, aber auch
dem exorbitant angestiegenen seelsorgerischen Bedarf seit dem 7. Oktober
berichtete. Es war Friberg, der nach dem 7. Oktober darauf bestand, die
monatliche Schabbatfeier nicht ausfallen zu lassen und der trotz eigener
Betroffenheit dazu aufrief, nicht kleinbeizugeben.
Mit seinem Besuch und seinem ehrlichen Interesse ermunterte auch der
Präsident des Bundesverfassungsgerichts die Hochschule auf indirekte Weise
zum Weiterdenken, Weiterentwickeln und Weiterwachsen.
