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H-BRS aktuell zu KI: „Fokus Mensch immer mitberücksichtigen“ - Interview mit Dr. Daryoush Vaziri

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Während Microsoft seiner Tastatur eine eigene Taste für die Künstliche
Intelligenz hinzufügt, ist die Digitalisierung in vielen Unternehmen und
Behörden hierzulande noch lange nicht so weit vorangeschritten.
„Unternehmen können es sich inzwischen aber nicht mehr leisten, sich nicht
mit KI zu beschäftigen“, sagt Dr. Daryoush Daniel Vaziri. Der
Wirtschaftsinformatiker leitet an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS)
die Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung KI-basierter Systeme und
Geschäftsmodelle. Im Interview spricht er über Künstliche Intelligenz,
deren Vor- und Nachteile sowie digitale Souveränität.

Herr Vaziri, vier von fünf Unternehmen in Deutschland setzen immer noch
auf Faxgeräte, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher. Was sagt das
über den Stand der Digitalisierung hierzulande aus?
Daryoush Vaziri: Diese Statistik zeigt, dass wir in Deutschland
Veränderungen nicht wirklich mögen, und wie träge die Prozesse sind. Der
Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft war in den 1980er
Jahren. Anfangs haben viele deutsche Unternehmen wichtige neue
Technologien entwickelt. Heute gibt es außer SAP eigentlich nur noch US-
amerikanische oder vermehrt chinesische Unternehmen, die in dem Bereich
relevant sind. Wir sind immer noch Weltmarktführer in der
Automobilbranche, stark im Maschinenbau. Aber den Wechsel zur
Informationsgesellschaft haben die deutschen Konzerne irgendwie nicht
hinbekommen.

Was sind denn Potenziale und Herausforderungen für die Unternehmen bei der
digitalen Transformation und der Diskussion um Künstliche Intelligenz?
Vaziri: Generative KI richtig einzusetzen, also in Prozesse zu integrieren
und damit den gesamten Geschäftsprozess durchgängig zu unterstützen, kann
Studien zufolge Produktivität und Effizienz um bis zu 40 Prozent steigern.
Das ist ein Riesenpotenzial, denn alle Unternehmen stehen immer in einem
Technologie- und Preiswettbewerb, national und international. Wer sich
diese Technologie nicht zunutze macht, wird diesen Wettbewerb
wahrscheinlich verlieren. Aber viele Unternehmen, nicht nur in
Deutschland, sondern auch weltweit, sind überhaupt nicht bereit, KI zu
nutzen. Wer seinen gesamten Geschäftsprozess noch nicht digitalisiert hat,
sondern noch auf Papier und Exceltabellen setzt, kann von produktiver KI
nur träumen. Diese KI-Readiness herzustellen, ist also die große
Herausforderung für deutsche Unternehmen und Behörden.

Wie ist der aktuelle Stand?
Vaziri: Die großen Unternehmen haben in der Regel fast alles
digitalisiert. In den kleinen und mittleren Unternehmen gibt es neben den
digitalisierten Prozessen allerdings immer noch Hybridprozesse mit
analogen Elementen und vielen Medienbrüchen. Ein Beispiel aus der
Pflegebranche: Da machen sich Pflegerinnen und Pfleger oft händisch
Notizen über Patienten und übergeben sie beim Schichtwechsel an ihre
Kollegen. Doch die können vielleicht die Handschrift nicht lesen, ihnen
fehlen wichtige Informationen zum Verständnis oder der Zettel geht
verloren. KI braucht digitalisierte Daten.

Kommen die Unternehmen an KI noch vorbei?
Vaziri: Unternehmen können es sich inzwischen nicht mehr leisten, sich
nicht mit KI zu beschäftigen. Wir kommen jetzt sehr schnell an den Punkt,
wo immer mehr Unternehmen auf internationaler Ebene KI einsetzen werden
und dadurch Effizienzvorteile gewinnen. Anwendungen wie ChatGPT und Co.
spielen dabei aufgrund der fehlenden Prozessintegration und Sensibilität
der Daten nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um spezifizierte KI-
Systeme, die den Geschäftsprozess unterstützen und abgestimmt auf die
Bedürfnisse von Mitarbeitern und Kunden funktionieren. Diese können enorme
Effizienzvorteile und damit ganz andere Möglichkeiten, beispielsweise in
der Preisgestaltung, mit sich bringen.

Was bedeutet das für die Beschäftigten? Sind da nicht viele Arbeitsplätze
gefährdet?
Vaziri: Das ist so, da darf man sich keine Illusionen machen. Was wir
gerade erleben, wird häufig der iPhone- oder Internet-Moment der
Künstlichen Intelligenz genannt. Schon jetzt gibt es viele Berufe fast nur
noch, weil Unternehmen noch zurückhaltend beim Einsatz der KI sind. Das
hat vor allem damit zu tun, dass die großen Akteure aus den USA kommen und
wir hier sehr viel Wert auf Datenschutz und Souveränität legen, was
natürlich richtig ist. Gerade kleine und mittlere Unternehmen wollen nicht
so abhängig von den digitalen Technologien aus dem Silicon Valley sein,
wie sie es in der Vergangenheit waren und teilweise auch immer noch sind.
Wenn es mehr nützliche und prozessorientierte Technologien aus Deutschland
oder Europa gibt, dann werden wohl viele Berufe mehr und mehr obsolet.

Sie sprechen von einer dramatischen Umwälzung für die gesamte
Gesellschaft.
Vaziri: Die Entwicklung ist, verglichen mit den letzten Jahrzehnten,
tatsächlich dramatisch, auch wenn wir das heute vielleicht noch gar nicht
wahrhaben wollen. Es werden nicht von heute auf morgen viele Berufsfelder
wegfallen, aber in den nächsten fünf, zehn, 15 Jahren. Gleichzeitig kommen
auch neue Berufsfelder hinzu. Irgendwer muss die KI zum Beispiel
kontrollieren und überwachen. Denn die KI ist zwar unfassbar
leistungsstark, kennt aber weder Werte noch Moral oder Ethik, sondern nur
die Daten, mit denen sie gefüttert wurde. Für einen verantwortungsvollen
Umgang mit der Technologie muss ich verstehen, wie diese Systeme
funktionieren. Hierin besteht eine Chance für neue Berufsfelder. Das sind
Kompetenzen, die wir unseren Kindern aktuell in der Schule aber noch nicht
beibringen. An unserer Hochschule machen wir das jetzt immer häufiger. Die
Betriebswirte und Wirtschaftsinformatiker, die wir ausbilden, haben an
verschiedenen Stellen immer wieder den Kontakt zu generativer KI, also
einer Künstlichen Intelligenz, die Dinge wie zum Beispiel Texte oder
Bilder nicht nur versteht, sondern auch komplett neu und auf
menschenähnlichem Niveau erstellen kann.

Vergangenes Jahr ist die KI mit ChatGPT ins allgemeine Bewusstsein
gelangt. Welche Entwicklung erwarten Sie für dieses Jahr?
Vaziri: KI war bis vor Kurzem ein Thema in der Forschung oder im
Unternehmenskontext. Jetzt wurde Weihnachten am Familientisch darüber
gesprochen. Wie verrückt ist das? Die Entwicklung wird rasant weitergehen.
Aktuell gibt es die großen Player wie OpenAI und Google, deren Produkte im
Endverbraucherbereich genutzt werden, so wie jeder von uns auch googelt.
Aber im Unternehmensbereich sind diese KI-Modelle noch nicht wirklich
akzeptiert und werden es wohl auch nicht werden, solange die Daten nicht
unter der eigenen Kontrolle liegen. Sprache ist zudem eine Kernkompetenz.
Bei deren maschineller Verarbeitung sollte man sich nicht in
Abhängigkeiten bei Funktionalität und Preis begeben. Wir müssen mehr für
unsere digitale Souveränität tun. Aktuell gibt es viele Entwicklungen, die
in Richtung Open Source Modelle gehen. Also offene Modelle, die jeder
nutzen, weiter trainieren und an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann.
Das ist im Unternehmenskontext sehr relevant, und kann es auch im privaten
Kontext werden, falls ich ein kontrolliertes Modell haben möchte, das ich
mitformen kann. Ich nehme an, dass wir in diesem Jahr viele neue
Entwicklungen aus diesem Bereich sehen werden.

Sie leiten an der H-BRS die Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung
KI-basierter Systeme und Geschäftsmodelle. Wann sind digitale Innovationen
denn nutzerfreundlich?
Vaziri: Wenn wir KI-Systeme bauen, die mit den Menschen an Prozessen
zusammenarbeiten und sie nicht einfach ersetzen. Also wo der Mensch für
den Prozess noch wichtig ist. Es ist ein Unterschied, ob zum Beispiel eine
KI meine Frage einfach in einer Sekunde beantwortet und ich überhaupt
nicht mehr nachdenken muss, oder ob ich eine KI habe, die auf meine Frage
vielleicht antwortet, dass sie ein paar Lösungsalternativen habe nach dem
Motto „lass uns doch gemeinsam schauen, welche hier am besten passt“. Es
geht doch darum: Will ich als Gesellschaft nur Technologien haben, die mir
den schnellsten Lösungsweg geben und dabei das individuelle Sinnempfinden
einfach ignorieren? Dann bin ich effizient und wahrscheinlich auch
ziemlich produktiv. Die Frage ist, was passiert dann mit der Gesellschaft?
Oder möchte ich als Gesellschaft Technologien haben, die mich
unterstützen, mir vielleicht die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung
geben? Uns geht es in unserer Forschungsgruppe also darum, KI-Technologien
nicht einfach nur zu bauen, weil man sie bauen kann, sondern zu schauen,
ob sie wirklich nützlich und dienlich sind. Im Mittelpunkt steht die
Frage, wie man solche Technologien verantwortungsbewusst entwickelt und
immer den Fokus Mensch mitberücksichtigt.

Sie beschäftigen sich in Ihren Forschungen mit KI im Unternehmenskontext.
Nutzen Sie auch privat Künstliche Intelligenz?
Vaziri: Ich nutze sie zum Beispiel für Übersetzungen von langen Texten,
die sind durch KI unfassbar einfach geworden. Und für Gute-Nacht-
Geschichten ist sie auch praktisch. Ich habe eine zweijährige Tochter und
die will von mir immer eine neue Gute-Nacht-Geschichte zum Einschlafen
hören, doch da gehen mir irgendwann die Ideen aus. Aber nichts einfacher
als das. Ich frage einfach den Kollegen ChatGPT und schon habe ich eine
Idee.

+++ Redaktioneller Hinweis: An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg forschen und
lehren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu gesellschaftlich
relevanten Themen und Fragestellungen. Unter dem Titel „H-BRS aktuell“
lassen wir in unregelmäßigen Abständen Expertinnen und Experten zu
aktuellen Themen zu Wort kommen. Die Beiträge stellen wir zur
Veröffentlichung bereit (bitte gegebenenfalls nur komplette Frage-Antwort-
Komplexe kürzen). Außerdem stehen die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler gerne für weitere Fragen zur Verfügung. Dr. Daryoush
Daniel Vaziri leitet an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) die
Forschungsgruppe Menschzentrierte Entwicklung KI-basierter Systeme und
Geschäftsmodelle. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist neben der Gestaltung
und Entwicklung KI-basierter Systeme auch deren strategische und operative
Nutzung im Unternehmen sowie die Integration in Geschäftsprozesse. +++

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Daryoush Vaziri, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Fachbereich
Wirtschaftswissenschaften, Forschungsgruppenleiter Menschzentrierte
Entwicklung KI-basierter Systeme und Geschäftsmodelle, Telefon: 02241/
865-9654, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.