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Enormer Eisverlust von Grönländischem Gletscher

AWI-Glaziologe Ole Zeising bei Radarmessungen auf dem 79° N Gletscher.  Niklas Neckel  Alfred-Wegener-Institut
AWI-Glaziologe Ole Zeising bei Radarmessungen auf dem 79° N Gletscher. Niklas Neckel Alfred-Wegener-Institut
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AWI-Glaziologe Ole Zeising bei Radarmessungen auf dem 79° N Gletscher.  Niklas Neckel  Alfred-Wegener-Institut
AWI-Glaziologe Ole Zeising bei Radarmessungen auf dem 79° N Gletscher. Niklas Neckel Alfred-Wegener-Institut

Im hohen Nordosten Grönlands platzierte Messinstrumente und Flugzeugradar-
Daten zeigen, wie viel Eis der 79° N-Gletscher verliert. Die Dicke des
Gletschers nahm seit 1998 um mehr als 160 Meter ab, ergeben Messungen
unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts. Dabei setzt warmes, unter die
Gletscherzunge fließendes Ozeanwasser dem Eis von unten zu. Hohe
Lufttemperaturen lassen auf der Oberfläche Seen entstehen, deren Wasser
durch mächtige Kanäle im Eis bis in den Ozean fließt. Ein Kanal erreichte
eine Höhe von 500 Metern, das darüberliegende Eis maß nur noch 190 Meter,
berichtet ein Forschungsteam jetzt in der Fachzeitschrift The Cryosphere.

Ein rustikales Zeltlager im Nordosten Grönlands war eine der Basen, um per
Helikopter autonome Messgeräte mit moderner Radartechnologie in einen
schwer zugänglichen Teil des 79° N-Gletscher auszubringen. Auch Messflüge
mit den Polarflugzeugen des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum
für Polar- und Meeresforschung (AWI) und Satellitendaten flossen in eine
wissenschaftliche Studie ein, die jetzt in der Fachzeitschrift The
Cryosphere erschienen ist. Diese Studie befasst sich mit der Frage wie
sich die Klimaerwärmung auf die Stabilität einer schwimmenden Eiszunge
auswirkt. Dies ist für die verbliebenen Schelfeise in Grönland ebenso wie
für die in der Antarktis von großer Relevanz, da eine Instabilität des
Schelfeises meist eine Beschleunigung des nachfließenden Eises zur Folge
hat, was zu einem stärkeren Anstieg des Meeresspiegels führen würde.

„Seit dem Jahr 2016 haben wir auf dem 79° N-Gletscher mit autonomen
Instrumenten Radarmessungen durchgeführt, aus denen wir Schmelz- bzw.
Ausdünnraten bestimmen können“, sagt AWI-Glaziologe Dr. Ole Zeising, der
Erstautor der Publikation. „Zusätzlich haben wir Flugzeugradar-Daten aus
1998, 2018 und 2021 verwendet, die die Änderungen der Eismächtigkeit
aufzeigen. Wir konnten messen, dass sich der 79° N-Gletscher in den
letzten Jahrzehnten unter dem Einfluss der Klimaerwärmung stark verändert
hat.“

Die Studie zeigt, wie sich die Kombination aus einem warmen Ozeaneinstrom
und einer sich erwärmenden Atmosphäre auf die schwimmende Eiszunge des 79°
N-Gletschers in Nordost Grönland auswirkt. Erst kürzlich hatte ein
Ozeanographie-Team vom AWI dazu eine Modellierung veröffentlicht. Der
jetzt vorgestellte, einzigartige Datensatz aus Beobachtungen belegt, dass
extrem hohe Schmelzraten auf großer Fläche nahe dem Übergang zum Inlandeis
auftreten. Außerdem entstehen große Kanäle an der Eisunterseite, die sich
von der Landseite bilden, wahrscheinlich weil das Wasser riesiger Seen
durch das Gletschereis abfließt. Beide Prozesse führten zu einer starken
Ausdünnung des Gletschers in den letzten Jahrzehnten.

Durch extreme Schmelzraten ist das Eis der schwimmenden Gletscherzunge
insbesondere ab der Linie wo das Eis am Boden aufsitzt seit 1998 um 32%
dünner geworden. Zusätzlich hat sich ein 500 Meter hoher Kanal an der
Eisunterseite ausgebildet, der sich in Richtung des Inlands ausbreitet.
Diese Veränderungen führen die Forschenden auf warme Meeresströmungen
einer Kaverne unterhalb der Gletscherzunge und auf den Ausstrom von
Oberflächenschmelzwasser in Folge einer Erwärmung der Atmosphäre zurück.
Eine überraschende Erkenntnis war, dass seit dem Jahr 2018 die
Schmelzraten abgenommen haben. Mögliche Ursache dafür sei ein kälterer
Ozeaneinstrom. „Dass dieses System auf so kurzen Zeitskalen reagiert ist
für eigentlich träge Systeme wie Gletscher erstaunlich“, ordnet Prof. Dr.
Angelika Humbert ein, die ebenfalls an der Studie beteiligt ist.

„Wir erwarten, dass diese schwimmende Gletscherzunge in den nächsten
Jahren bis Jahrzehnte zerbricht“, erläutert die AWI-Glaziologin. „Wir
haben begonnen, diesen Prozess im Detail zu untersuchen, um maximalen
Erkenntnisgewinn aus dem Ablauf des Prozesses zu gewinnen. Obwohl bereits
einige solche Desintegrationen von Schelfeisen stattgefunden haben,
konnten wir bisher immer nur anschließend Datensätze erheben. Als
Wissenschaftsgemeinschaft sind wir jetzt mal besser ‚dran‘, in dem wir
schon vor dem Kollaps eine richtig gute Datenbasis aufgebaut haben.“

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
•       Dr. Ole Zeising, Tel.: 0471 4831-2407, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
•       Prof. Dr. Angelika Humbert; Tel.: 0471 4831-1834; E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Originalpublikation:
Zeising, O., Neckel, N., Dörr, N., Helm, V., Steinhage, D., Timmermann,
R., and Humbert, A.: Extreme melting at Greenland’s largest floating ice
tongue, The Cryosphere, 2024. DOI: 10.5194/tc-18-1333-2024