Kopfschmerzursachen bei Jugendlichen: Lange Bildschirmzeiten, unregelmäßige Mahlzeiten, spätes Zubettgehen, Cannabis
Eine aktuelle bevölkerungsbasierte Studie aus Kanada zeigte, dass
Lebensstilfaktoren die Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Kindern und
Jugendlichen beeinflussen. Das Risiko stieg mit einem späten Zubettgehen,
langen Bildschirmzeiten und unregelmäßigen Mahlzeiten sowie auch durch
Alkohol sowie den Konsum von Zigaretten – oder Cannabis. „Auch unter
diesem Aspekt ist die Freigabe dieser Droge in Deutschland kritisch zu
sehen.“
Drei von vier Jugendlichen kennen das Phänomen rezidivierender
Kopfschmerzen [1]. Die Gesamtprävalenz wird für das Kindes- und
Jugendalter heute mit bis zu 60 % angegeben [2]. Schon im Kindesalter
gehören Kopfschmerzen zu den häufigsten Schmerzen – mit Eintritt in die
Schule verfünffacht sich die Häufigkeit [2]. Bei den primären
Kopfschmerzen stehen mit 41 % Spannungskopfschmerzen an erster Stelle [3],
aber auch Migräne kommt vor (9,4 %). Bei 32,5 % der Betroffenen besteht
ein Mischtyp beider Formen. Für die Behandlung ist die richtige Diagnose
essenziell. Ungewöhnlich ist, wenn bereits Kleinkinder (< 3 Jahren) über
Kopfschmerzen klagen. Hier (aber grundsätzlich natürlich in jedem Alter)
dürfen ernste Erkrankungen, die zu sekundären Kopfschmerzen führen, wie
Meningitis, Hirntumoren oder Blutungen nicht übersehen werden. Bei der
kinderärztlichen Anamnese und Untersuchung wird nach bestimmten Hinweisen
(„red flags“) [4] gesucht (z.B. Trauma, plötzlich neu aufgetretene oder im
Verlauf zunehmende Kopfschmerzen, zusätzlich bestehende
Übelkeit/Erbrechen, Fieber, nächtliches schmerzbedingtes Erwachen,
Wesensveränderung oder weitere neurologische Symptome).
Die einzige primäre Kopfschmerzdiagnose, bei der ein Einsatz
schmerzstillender Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen und Triptane
(letztere ab zwölf Jahren) gerechtfertigt sind, ist eine nachgewiesene
Migräne. Dennoch nehmen etwa 80 % der Jugendlichen mit wiederkehrenden
Kopfschmerzen regelmäßig Schmerztabletten [1]. Hier besteht längerfristig
wie bei Erwachsenen die Gefahr, dass sich sekundär ein sogenannter
Medikamentenübergebrauchskopfs
entwickelt [1, 2].
Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen sind oft eine komplexe,
multifaktorielle Erkrankung, die nicht selten chronisch wird. Ungefähr
jedes zweite Kind mit wiederkehrenden Kopfschmerzen wird im späteren Leben
noch immer darunter leiden [3]. Daher ist es besser, möglichst frühzeitig
nach den Ursachen zu suchen, statt unbedacht Schmerzmedikamente
einzunehmen. Wie bei Erwachsenen auch, werden bei Kindern und Jugendlichen
bestimmte „moderne“ Lebensstilfaktoren bzw. Verhaltensweisen mit
wiederkehrenden Kopfschmerzen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus
besteht eine Assoziation mit dem Auftreten von Depression und
Angststörungen.
Auch wenn kausale Zusammenhänge schwer zu ermitteln sind, so ist klar,
dass Kinder mit Kopfschmerzerkrankungen oft im Alltag (Schule, Familie,
Freunde, Hobbies) stark beeinträchtigt sind – wobei der Schmerz das
Sozialleben beeinflusst und umgekehrt. Eine gründliche Suche nach
möglichen Kopfschmerzursachen führt oft bereits zu hilfreichen
Behandlungsansätzen. Neben klassischen innerfamiliären
Belastungssituationen spielen sowohl eine Überorganisation des kindlichen
Alltags, eine Reizüberflutung mit fehlenden Ruhepausen [4], aber auch
Langeweile und daraus entstehende Gewohnheiten eine Rolle.
Eine aktuelle bevölkerungsbasierte Studie [5] aus Kanada untersuchte in
einer Querschnittsbefragung Kopfschmerzauslöser im Alter von 5-17 Jahren
(n=4.978.370; Durchschnittsalter 10,9 Jahre; 48,8 % weiblich). Die
Kopfschmerzhäufigkeit wurde dichotomisiert erfragt als „höchstens
1x/Woche“ oder „mehr als 1x/Woche“ (definiert als häufige Kopfschmerzen).
Insgesamt 6,1 % hatten häufige Kopfschmerzen. Die Wahrscheinlichkeit für
häufige Kopfschmerzen stieg signifikant mit dem Alter (OR 1,31) an und war
beim weiblichem Geschlecht höher (OR 2,39). Im für Alter/Geschlecht
bereinigten Rechenmodell stieg das Risiko signifikant mit einem späten
Chronotyp („Nachteulen“, aOR 1,1) sowie langen Bildschirmzeiten (≥21
Stunden gegenüber 0,0 in der letzten Woche, aOR 2,97) an. Bei 12- bis
17-Jährigen spielte auch Substanzkonsum eine Rolle (≥1/Woche Alkohol vs.
nie: aOR 3,50; „binge drinking“ ≥ 5x im letzten Monat vs. nie: aOR 5,52,
tägliches Zigarettenrauchen vs. nie: aOR 3,81, täglich E-Zigaretten vs
nie: aOR 3,1, täglicher Cannabiskonsum vs. nie: aOR 3,59). In der gesamten
Kohorte war eine tägliche häusliche Rauchexposition mit häufigen
Kopfschmerzen assoziiert (aOR 2,0). Die Wahrscheinlichkeit häufiger
Kopfschmerzen sank mit der Regelmäßigkeit der Mahlzeiten (aOR 0,90, p <
0,001). Es gab dagegen keinen Zusammenhang mit der angegebenen
körperlichen Aktivität.
„Die Ergebnisse zeigen, dass Lebensstilfaktoren die Häufigkeit von
Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Als sogenannte
potenziell modifizierbare Risikofaktoren sollten sie in der Praxis
angesprochen werden, denn hier gilt es gegenzusteuern“, so DGN-
Kopfschmerzexperte Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen.
Es gibt verschiedene Projekte zum (Selbst-)Management bzw. zur Prophylaxe
von Kopfschmerzen bei Kinder und Jugendlichen, da Haus- und
Kinderarztpraxen oft nicht die Zeit haben, der Komplexität der Erkrankung
gerecht zu werden. Ein Beispiel ist das Projekt DreKiP) [2] am
Universitätsklinikum Dresden, ein multimodales
Kinderkopfschmerztherapieprogr
Kinderkopfschmerzambulanz läuft das Programm schulbegleitend über 2–3
Monate. Es beinhaltet acht Module (Kopfschmerzedukation,
Stressbewältigung, Entspannungstechniken, körperliche Aktivierung/Fitness,
Klettertherapie/Selbstwirksamk
Riechtraining), zusätzlich finden edukative Eltern-Workshops statt.
„Wir wissen heute, dass viele neurologische Erkrankungen, die seit Jahren
zunehmen, zu einem großen Teil auch lebensstilbedingt sind“, so Prof. Dr.
Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Natürlich beweisen nicht alle
statistischen Assoziationen eine Kausalität, aber Programme wie das aus
Dresden, die an der Modifikation möglicher Auslöser ansetzen, zeigen gute
Erfolge. In der aktuellen Studie war auch Cannabis ein relevanter
Risikofaktor. Auch unter diesem Aspekt ist die Freigabe dieser Droge in
Deutschland kritisch zu sehen.“
[1] https://www.gesundheitsforschu
aktiv-werden-hilft-14161.php
[2] https://www.uniklinikum-dresde
klinikum/universitaetscentren/
[3] https://www.dmkg.de/patienten/
jugendlichen
[4] https://www.aerzteblatt.de/arc
Jugendalter
[5] Nilles C, Williams JV, Patten SB, Pringsheim TM, Orr SL. Lifestyle
Factors Associated With Frequent Recurrent Headaches in Children and
Adolescents: A Canadian Population-Based Study. Neurology. 2024 Mar
26;102(6):e209160. doi: 10.1212/WNL.0000000000209160. Epub 2024 Feb 28.
PMID: 38417103.
