Erstmalige Einblicke in den genetischen Flaschenhals der Schafhaltung in der Jungsteinzeit
Die genetische Vielfalt der Schafe nahm nicht wie bisher angenommen schon
in der Anfangszeit der Schafhaltung vor rund 10.000 Jahren im anatolischen
Verbreitungsgebiet des Wildschafes ab. Ein Forscherteam um SNSB- und LMU-
Archäozoologen Prof. Joris Peters zeigt, dass diese Vielfalt während der
ersten 1.000 Jahre menschlicher Einflussnahme auf Haltung und Zucht der
Schafe vergleichsweise hoch blieb und wohl erst im späteren Verlauf der
Jungsteinzeit signifikant zurückging. Die neue Studie erschien nun in der
Fachzeitschrift Science Advances.
Heutige Hausschafe in Eurasien gehören vorwiegend zu nur zwei vom
Muttertier vererbten, sogenannten genetischen Matri- oder auch
Mutterlinien. Frühere Forschungen gingen davon aus, dass die genetische
Vielfalt bereits in der Frühphase der Domestikation des Wildschafes rapide
abnahm. Die Untersuchung vollständiger Mitogenome aus dem frühen
Domestikationsort Asıklı Höyük in Zentralanatolien, der zwischen 10.300
und 9.300 Jahren besiedelt war, widerlegt diese Annahme: Trotz eines
Jahrtausends menschlicher Einflussnahme auf die Schafhaltung und -zucht
blieb die mitogenomische Diversität unverändert hoch, wobei fünf
Matrilinien nachgewiesen wurden, darunter eine bisher unbekannte Linie.
Die anhaltend hohe Vielfalt der Matrilinien, die in den 1.000 Jahren der
Schafhaltung beobachtet wurde, war für die Forscher unerwartet.
„In Aşıklı Höyük gab es sowohl Schafe, die von den Siedlungsbewohnern
gehalten, als auch solche, die gejagt wurden. Wir nehmen an, dass
gelegentlich die Schafherden bei Bedarf durch einheimische Wildschafe
ergänzt wurden, z.B. um Verluste durch Krankheiten oder Stress in
Gefangenschaft auszugleichen. Gut möglich, dass man Schafe auch weiträumig
ausgetauscht hat. Eine mögliche Parallele dazu findet sich beim Import
bestimmter Getreidepflanzen nach Zentralanatolien, die in Südostanatolien
heimisch sind“, interpretiert Prof. Peters die Ergebnisse der Studie.
Die verschiedenen Mutterlinien oder auch Haplogruppen kann man sich
vorstellen wie die Äste eines Stammbaums. Tiere, die einer bestimmten
Linie angehören, weisen vergleichsweise geringe Variationen in ihrem
mitochondrialen Erbgut auf, da sie von einer gemeinsamen Vorfahrin
abstammen. Heute überwiegt bei Schafen in Europa die Haplogruppe B und in
Ostasien die Haplogruppe A. Folglich nahm die mitogenomische Vielfalt
später im Domestizierungsprozess oder dann ab, als sich die Schafzucht
während des Neolithikums über ihre ursprüngliche Domestizierungsregion
hinaus ausbreitete - eine Frage, die bisher unbeantwortet blieb.
Um dieser Frage nachzugehen, untersuchte das internationale Forscherteam
um Prof. Joris Peters, Staatssammlung für Paläoanatomie (SNSB-SPM) und
Institut für Paläoanatomie (LMU München), Prof. Ivica Medugorac,
Populationsgenomik der Tiere, LMU München, und Prof. Dan Bradley,
Molecular Populations Genetics, Smurfit Institute for Genetics, Trinity
College Dublin, die matrilineare Zugehörigkeit und die phylogenetischen
Beziehungen von 629 modernen und historischen Schafen in ganz Eurasien.
Der Vergleich der Ergebnisse von Aşıklı Höyük mit altDNA-Signaturen in
archäologischen Schafsknochen aus späteren Siedlungen in Anatolien und den
umliegenden Regionen sowie in Europa und Mittelasien zeigt deutlich, dass
die mitogenomische Vielfalt im 9. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung
deutlich abnahm. Eine Folge davon ist die bereits erwähnte Dominanz der
Matrilinie B in Europa. "Wir können heute davon ausgehen, dass diese
Entwicklung auf einen so genannten "Flaschenhals" zurückzuführen ist.
Dieser trat später in der Jungsteinzeit auf, als sich die Schafzucht nach
der frühen Domestizierung der Art über die natürliche Verbreitung der
Wildschafe hinaus ausbreitete. Der Flaschenhals hängt wahrscheinlich mit
sogenannten Gründereffekten zusammen: Im Zuge der Ausbreitung der
Tierhaltung in Richtung Europa wurden nach und nach kleinere Herden aus
einer bereits stark reduzierten Schafpopulation entfernt", so Peters
weiter.
"Besonders faszinierend sind die Erkenntnisse, die durch die Integration
von genetischen und archäologischen Datensätzen gewonnen werden konnten.
Zusammen mit den zahlreichen anderen Mosaiksteinen, die Zooarchäologen,
Archäologen und Genetiker über Jahrzehnte hinweg gesammelt haben, ergibt
sich nun ein zunehmend kohärentes Bild menschlicher kultureller
Anpassungen seit der letzten Eiszeit. Studien wie diese zeigen, dass die
Domestizierung von Tieren nicht im Sinne eines generationenübergreifenden
Plans zu verstehen ist, sondern als ein Prozess des Zufalls und der
Notwendigkeit, der unsere jüngere Kulturgeschichte maßgeblich geprägt hat
und uns bis heute begleitet", ergänzt Prof. Ivica Medugorac.
