Lesbisch-queere Geschichten als Zeitgeschichte
Vorstellung des Forschungsprojekts „Lesbische Lebenswelten“ sowie
Podiumsdiskussion zum Spannungsfeld von Wissenschaft und Aktivismus
Neue Erkenntnisse zu den Lebenswelten frauenliebender Frauen in der
Weimarer Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus sind Thema einer
Veranstaltung, zu der Wissenschaftlerinnen der Universitäten Heidelberg
und Freiburg einladen. Sie präsentieren die Ergebnisse eines
interdisziplinären Forschungsprojekts, mit dem sie den gesellschaftlich-
politischen Umgang mit nicht-normativen Lebensentwürfen untersucht haben.
Vorgestellt wird auch das inzwischen gestartete Folgevorhaben, das die
unmittelbare Nachkriegszeit bis in die frühen 1980er Jahre umfasst. Es
schließt sich eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Lesbisch-queere
Geschichte als Zeitgeschichte – Zwischen Wissenschaft und Aktivismus“ an.
An der Veranstaltung wird die baden-württembergische
Wissenschaftsministerin Petra Olschowski teilnehmen. Sie findet am 23.
April 2024 in Stuttgart statt.
„Das Projekt ‚Lesbische Lebenswelten‘ schließt eine bedeutende
Forschungslücke unserer Landesgeschichte. Durch diese wissenschaftliche
Arbeit werden bisher vielfach nicht wahrgenommene Lebensrealitäten von
Frauen über mehrere Jahrzehnte erfahrbar und durch Veranstaltungen sowie
Veröffentlichungen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich
freue mich, dass wir als Wissenschaftsministerium dieses besondere
Forschungsprojekt seit den Anfängen unterstützen“, so Petra Olschowski,
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-
Württemberg. Das Ministerium hat das an den Universitäten Heidelberg und
Freiburg angesiedelte Projekt „‚Alleinstehende Frauen‘, ‚Freundinnen‘,
‚Frauenliebende Frauen‘. Lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten
(ca. 1920er bis 1950er Jahre)“ gefördert. Im Mittelpunkt der an den
Universitäten Heidelberg und Freiburg angesiedelten Forschungsarbeiten
stand die Frage, ob und wie es in der Weimarer Republik und in der Zeit
des Nationalsozialismus gelingen konnte, innerhalb der von Politik, Recht,
Gesellschaft und Wissenschaft gesetzten Normen nicht-normative
Lebensentwürfe zu realisieren, und welche Auswirkungen Verfolgung und
Ausgrenzung in der Nachkriegszeit hatten. Auch das Folgeprojekt „Zwischen
Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation – Frauenliebende*
Frauen im deutschen Südwesten 1945 bis 1980er Jahre“ wird vom
Wissenschaftsministerium unterstützt.
Im Rahmen des ersten Projekts widmete sich das Forschungsteam unter der
Leitung von Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern und Prof. Dr. Karen Nolte
(Universität Heidelberg) sowie Prof. Dr. Sylvia Paletschek (Universität
Freiburg) in drei Teilprojekten rechtlichen Rahmenbedingungen,
medizinischen Diskursen sowie lesbischen Kulturräumen und Netzwerken.
Unter anderem ging es dabei um Biografien lesbischer Frauen, die in
Politik, Gesellschaft und Kultur oder sozialen Bewegungen aktiv waren,
insbesondere der Frauen- und Homosexuellenbewegung. Wie die Medizin,
besonders die Psychiatrie, im Südwesten mit weiblicher Homosexualität
umging, war Gegenstand der Forschung aus wissenschaftsgeschichtlicher
Perspektive. Untersucht wurde auch, in welchen rechtlichen, polizeilichen
oder fürsorgerischen Zusammenhängen frauenliebende Frauen gezwungen waren,
ihre Lebensentwürfe öffentlich zu machen.
„Die permanente, unterschwellige Bedrohung einer möglichen Ausweitung des
Paragraphen 175, mit dem homosexuelle Männer strafrechtlich verfolgt
wurden, prägte die Erfahrungswelten von Frauen, die jenseits der
Heteronorm lebten. Unangepasstes Geschlechterverhalten und unangepasste
Sexualität von Frauen und Mädchen wurden dort sanktioniert und
diszipliniert, wo sie die gesellschaftliche Norm der Familie infrage
stellte oder gefährdete“, erläutert Historikerin Katja Patzel-Mattern
insbesondere mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus. Sowohl das
erste Forschungsprojekt als auch das Nachfolgevorhaben verfolgen den
Ansatz partizipativer Forschung in Zusammenarbeit mit der Karlsruher
Historikerin und Künstlerin Ute Reisner sowie der Stuttgarter Historikerin
Claudia Weinschenk.
An der Präsentation der Forschungsergebnisse wirken Steff Kunz, Muriel
Lorenz und Elena Mayeres, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt,
mit; sie stehen im Anschluss auch für Fragen zur Verfügung. Die
anschließende Podiumsdiskussion zum Thema „Lesbisch-queere Geschichte als
Zeitgeschichte – Zwischen Aktivismus und Wissenschaft“ gestalten Dr.
Andrea Rottmann, Historikerin an der Freien Universität Berlin, Dr. Petra
Krüger vom Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-
Württembergs in Tübingen sowie Karl-Heinz Steinle von der Universität
Stuttgart, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „LSBTTIQ in Baden und
Württemberg“. Katharina Thoms vom Deutschlandradio moderiert die
Veranstaltung.
Die Veranstaltung am 23. April 2024 findet im „Lern- und Gedenkort Hotel
Silber“ statt, einer Erinnerungsstätte des historisch-politischen Lernens
und der Begegnung. Beginn ist um 18 Uhr. Es ist eine Anmeldung per Mail an
