Pfunde schmelzen mittels Piks: Was ist dran an der Abnehmspritze?
Endlich schlank und das ohne große Mühen. Die Abnehmspritze, auch bekannt
als Fett-weg-Spritze, hat sich von einem Medikament für Diabetiker:innen
zu einer Art Lifestyleprodukt entwickelt. So scheint es zumindest. Doch
was kann man tatsächlich vom vermeintlichen Schlank-Wunder erwarten? Das
klären wir mit Dr. Margit Jekle, Professorin für Lebensmitteltechnologie
und pharmazeutisches Qualitätsmanagement an der SRH Fernhochschule.
Mehr als jeder zweite Deutsche ist statistisch gesehen zu dick. Fast ein
Viertel gilt sogar als fettleibig. Die Ursachen für das Übergewicht sind
vielfältig. Propagierte Methoden, um es wieder loszuwerden auch. Immer
wieder gibt es Konzepte oder Wundermittel, die versprechen, überflüssige
Kilos schnell und einfach verschwinden zu lassen. Und dafür sind
Betroffene bereit, tief in die Tasche zu greifen. Oder sogar ihre
Gesundheit zu riskieren.
Jetzt ist ein neues, vermeintliches Wundermittel in aller Munde. Die
Abnehmspritze. Doch was genau ist da eigentlich drin? Für wen wurde sie
entwickelt und was bewirkt sie? Prof. Dr. Margit Jekle hat Antworten auf
diese Fragen.
Jekle: "Die Abnehmspritze, hat in den letzten Monaten an Popularität
gewonnen, und die neuesten Entwicklungen auf diesem Gebiet versprechen,
neben dem Nutzen für Diabetes Typ 2 Patienten, eine Möglichkeit für eine
Gewichtsabnahme für vor allem Adipositaspatienten. So ist das Medikament
für Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 oder
übergewichtigen Personen mit weiteren Erkrankungen und einem BMI von
mindestens 27 zugelassen. Das Medikament dient dabei der Ergänzung zu
einer Ernährungs- und Bewegungsumstellung.
Was ist das für ein Wirkstoff und was genau tut er im Körper?
Jekle: "Ganz vereinfacht gesagt, reduziert die Spritze den Appetit oder
lässt ihn sogar ganz verschwinden. Das funktioniert, indem der
Inhaltsstoff die Wirkung von Darmhormonen nachahmt. Das stimuliert die
Bauchspeicheldrüse, die daraufhin Insulin ausschüttet. Der
Blutzuckerspiegel sinkt. Das Medikament täuscht ein Sättigungsgefühl vor
und diese Reaktion sorgt für weniger Nahrungsaufnahme. Das Medikament
wurde ursprünglich für Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickelt."
In Social Media scheint die Spritze aber auch Einzug gehalten zu haben.
Der Hype ist groß und die Vorstellung, unerwünschtes Fett mit nur einem
Piks loszuwerden, klingt verlockend. Doch es gibt sicher auch Risiken.
Welche sind das?
Jekle: "Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Erbrechen wurden im
Zusammenhang mit der Anwendung des Medikaments beobachtet, insbesondere zu
Beginn der Behandlung. Es können auch Erkrankungen an der
Bauchspeicheldrüse, Gallenblase oder auch Gallensteine entstehen. In
Tierversuchen zeigten sich Fälle von Schilddrüsenkrebs. Eine enge
ärztliche Überwachung ist daher unerlässlich, um potenzielle
Komplikationen zu vermeiden."
Es gibt Befürchtungen, dass es wegen eingeschränkter Verfügbarkeit des
Wirkstoffes zu einem Wettbewerb kommen könnte. Kann es wirklich sein, dass
Diabetiker das Medikament nicht mehr bekommen, weil Abnehmwillige es Ihnen
vor der Nase wegschnappen?
Jekle: "Die Produktionskapazitäten für dieses Medikament sind derzeit noch
begrenzt. Pharmazeutische Unternehmen wie Eli Lilly & Company setzten
weiterhin auf Expansion und investieren in neue Produktionsstätten, auch
in Deutschland, um die Nachfrage zu decken und sicherzustellen, dass alle,
die von dieser Behandlung profitieren könnten, Zugang dazu haben."
Wie nachhaltig ist denn die Abnahme dank der Spritze?
Jekle: "Es gibt keine Langzeitstudie zur Abnehmspritze. Erste
Untersuchungen zeigen, dass Anwender:innen wieder zunehmen, wenn sie die
Spritze absetzen, da der Appetit wieder zunimmt. Um dauerhaft schlank zu
bleiben, scheint es derzeit, dass man die Abnehmspritze wahrscheinlich
langfristig nehmen muss."
Kommt man auch ohne medizinische Indikation an die Spritze?
Jekle: "Sie ist verschreibungspflichtig, und sollte nicht ohne ärztliche
Konsultation angewendet werden. Krankenkassen übernehmen in der Regel die
Kosten nur bei Diabetes. Bei Adipositas muss das Medikament allgemein
selbst bezahlt werden."
Kann man mit der Fett-weg-Spritze gezielt Problemzonen bekämpfen, wie zum
Beispiel ein Doppelkinn oder Bauchspeck?
Jekle: "Nein. Das ist nicht möglich. Das Medikament reduziert das
Verlangen zur Nahrungsaufnahme. Gezielt nur an bestimmten Körperstellen
abnehmen ist daher ähnlich schwierig, wie bei einer Diät."
Wie bewerten Sie insgesamt die Spritze? Ihre Einsatzgebiete und die
Wirkung?
Jekle: "Das Medikament kann in Spezialfällen hilfreich sein, wie bei stark
adipösen Patienten, die auch unter Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-
Erkrankungen leiden. Doch um eine langfristige Ernährungs- und
Bewegungsumstellung kommt man nicht herum, wenn man wirklich dauerhaft
schlank bleiben möchte, ohne längerfristig auf eine Injektion angewiesen
zu sein."
