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Auf Spurensuche am Roten Turm – Was eine Mauer über Saarbrücker Geschichte verrät

Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig.  André Mailänder  Historisches Museum Saar
Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig. André Mailänder Historisches Museum Saar
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Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig.  André Mailänder  Historisches Museum Saar
Auf Spurensuche an der Mauer des ehemaligen Roten Turms (von links): Studentin Maria Schmitt, Professorin Sabine Hornung, Isabel Kriebelt-Braun, Johanna Maßong, Franziska Maria Schuster, Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt und Student Jens Minnig. André Mailänder Historisches Museum Saar

Saarbrücken hat eine unterirdische Burg. Ein geheimnisvoller Ort. Vierzehn
Meter unter der Erde versetzen Bauten aus Mittelalter und Renaissance in
Staunen. Die Ruine des Roten Turms ist Zeugnis dramatischer Geschehnisse –
hier türmt sich im Wortsinne Geschichte. Was verrät das Gemäuer über seine
Vergangenheit? Gemeinsam begeben sich Historisches Museum Saar,
Landesdenkmalamt Saarland und die Archäologie-Professorin Sabine Hornung
mit ihren Studierenden von der Universität des Saarlandes auf Spurensuche:
eine Detektivarbeit, die Synergien nutzt.

Eine alte Mauer gibt Museumsdirektor Simon Matzerath Rätsel auf. Sie ist
der erhaltene Teil des „Roten Turms“ in der unterirdischen Saarbrücker
Burg: ein Ort mit außergewöhnlicher Atmosphäre. Besucherinnen und Besucher
des Historischen Museums Saar lässt er eintauchen in vergangene Zeiten.
Wer hier hinabsteigt, dem wird Geschichte spürbar. Der Rote Turm gilt von
alters her als einer der ältesten Teile der Burg. Aber ist dem wirklich
so? Das Gebiet, auf dem heute das Saarbrücker Schloss steht, war
fortwährend im Wandel. Urkundlich belegt ist eine erste Burg schon im Jahr
999. Auf dem Saarfelsen wurde seither gebaut, abgerissen, umgebaut,
zerstört, wiedererrichtet und verändert. Das muss man wissen, will man die
Mauer verstehen.

Das Terrain war Grafschaft im Mittelalter. Heinrich II. richtete 1009
Schäden an der Burg an. „Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa schleifte die
Burg im Jahr 1168“, sagt Simon Matzerath, der ab Juli als Leiter an der
Spitze des saarländischen Landesdenkmalamtes stehen wird. „Es ist nicht
wirklich bekannt, wieviel er tatsächlich zerstörte, wie viele ihrer Mauern
er einreißen ließ oder ob er eher – symbolisch gesprochen – nur die Fahne
abknickte“, sagt der Museumsdirektor, der auch einen Lehrauftrag im
Fachbereich Vor- und Frühgeschichte der Universität des Saarlandes
innehat. Die Burg wurde jedenfalls wiedererrichtet. Später stand sie unter
nassauischer Herrschaft, ab dem sechzehnten Jahrhundert lag sie mitten im
beständig umkämpften Grenzgebiet, ab 1602 wurde aus der Burg ein
Renaissanceschloss, das noch im selben Jahrhundert zerstört und im
achtzehnten wieder aufgebaut wurde – und so fort. Jede Generation, jeder
Krieg drückte hier ihren und seinen Stempel auf.

Mit der Mauer des ehemals Roten Turms stimmt offensichtlich etwas nicht.
Seine Steine sind zum Rund geschichtet. Aber auf eine Art und Weise, die
Simon Matzerath und auch Matthias Paulke vom Landesdenkmalamt verwundert.
„So hätte im Mittelalter kein Baumeister gebaut“, sagt Matthias Paulke.
„Da liegen etwa Fugen in gleicher Flucht – das bedeutet eine Einbuße an
Stabilität und wäre Schwachstelle bei jedem Angriff gewesen.“ Die massiven
Steinquader aus 240 Millionen Jahre altem Sandstein sind fachmännisch
behauen und haben ringsum einen präzisen Rand. „Es handelt sich um
Buckelquader mit sauber abgeschlagenem Randschlag, die für die Zeit Mitte
des zwölften bis Mitte des dreizehnten Jahrhunderts typisch sind“, erklärt
Simon Matzerath. „Zweck des Randes“, merkt Matthias Paulke an, „war eher
nicht, zu verhindern, dass feindliche Leitern hochgeschoben werden können,
wie es zuweilen heißt, sondern die Bauleute sollten sich beim
Aufeinandersetzen der Steine nicht die Finger klemmen.“ Wer solche Steine
derart fachmännisch bearbeitet, schichtet sie nicht so, wie es hier zu
sehen ist. Offensichtlich: Hier ist etwas passiert. Aus welcher Zeit
datiert sie nun, die Ruine des Roten Turms?

Simon Matzerath wandte sich an Archäologin Sabine Hornung von der
Universität des Saarlandes. „Es geht uns darum, wissenschaftlich
vorzugehen. Deshalb haben wir Professorin Hornung angefragt, die
Dokumentation – als Hauptschritt des Beweises unserer Hypothese – zu
übernehmen: Wir gehen davon aus, dass die Steine aus einem Vorgängerbau
stammen, vermutlich des ausgehenden zwölften oder dreizehnten
Jahrhunderts; sie waren wohl Teil eines ursprünglich rechteckigen Turms.
Zu späterer Zeit, vermutlich im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert,
wurden sie wiederverwendet für den runden Roten Turm“, erklärt Matzerath.
Hintergrund könne sein, dass sich die Waffentechnik und die Rolle der
Flanke in Richtung St. Arnual wandelte. Es wurde in kriegerischen Zeiten
zur Verteidigung ein besonders hoher, runder Flankenturm benötigt. Und
augenscheinlich musste es dabei schnell gehen, jedenfalls wurde ohne große
Handwerkskunst mit vorhandenem Material gebaut. „Das wird sehr deutlich,
wenn man sich mit dem Befund befasst. Es wurde offenbar mit wenig Anspruch
an Statik vorhandenes Baumaterial geschichtet“, sagt Studentin Isabel
Kriebelt-Braun, die Architektin studiert Archäologie an der Universität
des Saarlandes.

„Die Bauaufnahme des Turms ist für meine Studierenden eine hervorragende
Übung“, sagt Sabine Hornung. „Für mich ist die Zusammenarbeit der Akteure
in unserem Bereich im Saarland sehr wichtig. Synergien zu nutzen, bringt
uns weiter. Museum und Landesdenkmalamt zu unterstützen, den Baubefund am
Roten Turm zu dokumentieren, ist ein Gewinn für alle Seiten“, erklärt die
Archäologin. Zusammen mit fünf ihrer Studierenden begab sie sich dabei auf
ungewohnt junges Terrain. Fachgebiet der Professorin für Vor- und
Frühgeschichte ist eigentlich die Archäologie Ostgalliens, die Spuren der
Römer und Kelten in unserer Großregion, Mobilität und Migration, Kultur-
und Technologietransfer vor rund 2000 Jahren und die Entwicklung der
Landschaft durch die Zeit. Sie leitete zahlreiche Grabungen, entdeckte
unter anderem 2012 eines der ältesten römischen Militärlager in
Deutschland nahe Hermeskeil und schrieb so ein Stück Weltgeschichte neu.

Nach theoretischen Einführungen in die Materie – auch aus der Praxis mit
Simon Matzerath und Matthias Paulke – gingen die Studierenden ans Werk.
Sie erstellten zunächst in Zusammenarbeit mit Linda Sagl, Inhaberin der
Firma Archäoplan, ein präzises digitales dreidimensionales Modell mittels
zahlreicher überlappender Digitalfotoaufnahmen. „Diese maßstabs- und
detailgetreuen 3D-Modelle errechnen wir bei unseren Grabungen aus
zweidimensionalen Digitalaufnahmen mittels sogenannter Structure from
Motion-Technik, kurz SfM. Dies macht uns möglich, Grabungsflächen oder –
wie in diesem Falle, für uns eine schöne Abwechslung: die mittelalterliche
Mauer – dreidimensional von allen Seiten zu betrachten“, erklärt Sabine
Hornung. „Hierzu wurde die Mauer zunächst von allen Seiten systematisch
fotografiert, so dass sich die Fotos überlappen“, erklärt Studentin Maria
Schmitt. Jeder einzelne Bildpunkt der Mauer landete so auf mindestens zwei
oder mehreren Bildern, woraus der Computer eine Punktwolke zusammensetzt,
die immer dichter wird. Diese Punkte werden in einer Netzstruktur zu einem
farbigen 3D-Modell verbunden.

Die Studierenden erfassten den Baubefund der Mauer akribisch Stein für
Stein, Fuge um Fuge. Mit technischer Hilfe von Linda Sagl wurde die Mauer
auch professionell vermessen. Für die Bauaufnahme musste das 3D-Modell in
eine zweidimensionale Darstellung „abgewickelt“ werden, wie die Fachleute
sagen. „Wir setzten die Mauer also in eine maßstabgetreue Zeichnung um“,
erklärt Archäologie-Studentin Johanna Maßong. Viele Indizien verraten
etwas über die Geschichte der Mauer: wie die Breite der Fugen, das Fehlen
von Zangenlöchern, die zu manchen Zeiten verwendet wurden, um die Steine
zu bewegen, das Fehlen von Steinmetzzeichen oder sogar römische Ziegel,
die verbaut wurden – hier übrigens zwei. All solche auf den ersten Blick
scheinbar nebensächlichen Einzelheiten können für die Datierung wichtig
werden. „Wir haben 92 Steinmetzzeichen in unserer unterirdischen
Burganlage, die wir alle in eine nur sechsjährige Baumaßnahme im 16.
Jahrhundert zuordnen können. Am Roten Turm fehlen sie, was ebenso
aufschlussreich ist“, sagt Simon Matzerath.

3D-Modell und Zeichnung bilden jetzt als wissenschaftliche Dokumentation
die Grundlage, auf der eine Auswertung und weitere Arbeit aufsetzen wird,
um das Rätsel um die Ruine des Roten Turms zu lösen – und so ein Stück
Saarbrücker Stadtgeschichte aus dem Dunkel der Vergangenheit ans Licht zu
holen.