Deutscher Erdüberlastungstag: Ein Umdenken ist mehr denn je erforderlich
Ein Statement von Prof. Manfred Fischedick, Präsident und
wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts.
Zwei Tage früher als im letzten Jahr: Am 2. Mai 2024 hat Deutschland so
viele Ressourcen verbraucht, wie dem Land bezogen auf die globale
Biokapazität rechnerisch für das ganze Jahr zur Verfügung stehen. Der Tag
wird als "Erdüberlastungstag" oder "Earth Overshoot Day" bezeichnet. Er
beschreibt den Zeitpunkt, an dem so viele natürliche Ressourcen – wie
Holz, Pflanzen oder Nahrungsmittel – verbraucht sind, wie innerhalb eines
Jahres nachwachsen können. In die Rechnung geht zudem ein, wie viel CO2
die Natur innerhalb eines Jahres binden kann, etwa in Wäldern und Ozeanen.
Der Ressourcenverbrauch in Deutschland liegt deutlich oberhalb des
globalen Mittelwerts. Dies macht sich auch dadurch bemerkbar, dass der
globale Erdüberlastungstag „erst“ Anfang August liegt. Es bedeutet aber
auch, dass wir weltweit über unsere Verhältnisse leben: Wir bräuchten
rechnerisch 1,7 Erden, um unseren globalen Ressourcenbedarf zu decken und
die Regenerationsfähigkeit des Planeten nicht zu überschreiten. Wenn die
gesamte Weltbevölkerung so leben würde wie die Deutschen, dann bräuchte
die Menschheit sogar drei Erden. Die Unterschiede zwischen den einzelnen
Nationen sind groß: Während der französische Erdüberlastungstag wie in
Deutschland auf Anfang Mai fällt, liegt er für Katar oder Luxemburg
bereits Mitte Februar, in den USA und Kanada bei Mitte März, in China
Anfang Juni, in Marokko dagegen erst Ende November und in Indonesien
Anfang Dezember. In Indien ist der durchschnittliche Ressourcenverbrauch
nach wie vor so gering, dass die dem Land rechnerisch zustehende
Biokapazität im Jahresverlauf nicht überschritten wird.
Mit der Ausweisung des Erdüberlastungstags soll die Begrenztheit und
Endlichkeit der natürlichen Ressourcen ins Bewusstsein der Menschen
gerückt werden. Die aktuellen Zahlen zeigen: Ein Umdenken ist mehr denn je
erforderlich – und zwar nicht nur global, sondern insbesondere auch auf
der nationalen Ebene. Denn Deutschland liegt mit seinem Pro-Kopf-
Ressourcenverbrauch und seinen CO2-Emissionen im obersten Viertel aller
Länder. Damit tragen wir wesentlich zur weltweiten Übernutzung bei.
Was können, was müssen wir tun?
Um das Datum des Erdüberlastungstags nach hinten zu verschieben, müssen
wir unseren ökologischen Fußabdruck verringern, indem wir etwa den
CO2-Ausstoß drastisch reduzieren und weniger verschwenderisch leben. Dazu
kann jede und jeder einen Beitrag leisten. Gründe für den frühen Zeitpunkt
sind unter anderem der weiterhin viel zu hohe Energieverbrauch, die nach
wie vor zunehmende Versiegelung von Flächen, der übermäßige Fleischkonsum
und der damit einhergehende Bedarf an Futtermitteln, die zu großen Teilen
importiert werden müssen.
Eine Verringerung des ökologischen Fußabdrucks ließe sich entsprechend
beispielsweise erreichen, indem wir weniger Fleisch konsumieren und
weniger Essen wegwerfen, Energie sparen und Ökostrom nutzen, nachhaltiger
reisen, natürliche Baustoffe wie Holz nutzen oder auf öffentliche
Verkehrsmittel umsteigen. Wichtig ist aber vor allem, sukzessive in
geschlossenen Stoffkreisläufen zu denken und eine Kreislaufwirtschaft zu
etablieren. Das fängt bei einem adäquaten Produktdesign an, erfordert eine
intensivere Nutzung von Produkten – etwa durch langlebige, modulare und
reparaturfähige Produkte sowie Sharing-Konzepte – und schließt
Wiederverwendung und Umnutzung ebenso ein wie das mechanische und
chemische Recycling am Ende der Nutzungskette.
Dass Einspareffekte möglich sind, hat die Energiepreiskrise im Zuge des
Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine gezeigt: Im Jahr 2022 ging der
Erdgasverbrauch in allen Sektoren, auch in den Haushalten, um mehr als 15
Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Dazu beigetragen hat nicht nur der
vergleichsweise milde Winter, sondern vor allem auch energiesparendes
Verhalten der Energieverbraucher*innen, angetrieben durch einen
drastischen Anstieg der Energieträgerpreise und eine drohende physische
Knappheit von Erdgas im Winter durch den Ausfall der Erdgasimporte aus
Russland. Die Raumtemperatur leicht zu senken und auf das Heizen wenig
genutzter Zimmer vollständig zu verzichten sowie Warmwasser zu sparen, zum
Beispiel durch kürzeres Duschen, ist in vielen Haushalten flächendeckend
als Strategie zur Anwendung gekommen. Aber: Leider haben sich diese
Verhaltensänderungen nicht verstetigt. Entsprechend ist der spezifische
Heizenergiebedarf im letzten Jahr wieder gestiegen, nicht zuletzt aufgrund
der wieder gesunkenen Energieträgerpreise. Das zeigt wie schwierig es ist,
Routinen wirklich zu ändern. Und darum geht es letztlich: Wir brauchen
eine dauerhafte Umstellung unseres energieverschwenderischen Verhaltens –
im Bereich der Wärmeversorgung genauso wie bei der Mobilität.
Die Emissionen sinken viel zu langsam und nicht nachhaltig
Auch ein weiterer Faktor aus dem letzten Jahr muss bedenklich stimmen:
Nämlich die Frage, ob wir uns im Bereich des Klimaschutzes wirklich auf
dem richtigen Pfad befinden. Die deutschen Treibhausgasemissionen sind im
vergangenen Jahr zwar um mehr als zehn Prozent gegenüber 2022 gesunken.
Das klingt erst einmal nach einem großen Erfolg. Aber: Es lag nur zu einem
kleineren Teil an strukturellen Maßnahmen wie dem weiter dynamisch
fortschreitenden Ausbau erneuerbarer Energien. Haupttreiber waren vielmehr
der milde Winter, der verstärkte Import von Strom aus den Nachbarländern
und vor allem der energiepreisbedingt starke Rückgang der industriellen
Produktion. Die energetische Sanierungsrate bei Gebäuden hingegen ist noch
weiter gesunken: Sie liegt jetzt bei nur noch 0,7 Prozent jährlich. Auch
im Pkw-Bereich sind, trotz aller technischen und verhaltensbedingten
Optionen, so gut wie keine Emissionsminderungen zu verzeichnen. Hier
besteht großer Nachholbedarf!
Bedenklich stimmt dies auch, weil das letzte Jahr wieder geprägt war durch
eine Vielzahl an Wetterextremen. Und zwar auf allen Kontinenten:
Starkregenereignisse und Überflutungen haben immense Schäden angerichtet.
Langanhaltende Dürreperioden haben zu massiven Ausfällen
landwirtschaftlicher Erzeugnisse geführt, zum Teil auch zu verheerenden
Waldbränden. Die viel zu geringe Geschwindigkeit, mit der Emissionen
reduziert werden – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit –
manifestiert sich auch in der Tatsache, dass die Weltmitteltemperatur im
Jahr 2023 um 1,48 Grad höher lag als in vorindustrieller Zeit. Damit ist
das 2015 von der Staatengemeinschaft auf dem Pariser Klimagipfel
formulierte Ziel, den Temperaturanstieg auf möglichst 1,5 Grad zu
begrenzen, praktisch schon jetzt unerreichbar geworden.
Mehr in Synergiepotenzialen denken – Klimaschutz anders motivieren
Offensichtlich braucht es neben dem Klimaschutz andere Argumente und
Überzeugungskräfte, die zur beschleunigten Umsetzung von Maßnahmen und zu
Verhaltensänderungen motivieren. Synergieeffekte zu identifizieren und
kommunikativ stärker hervorzuheben, kommt daher zukünftig eine große
Bedeutung zu. Klimaschutz kann so gewissermaßen „Huckepack“ genommen
werden: Weniger Fleischverzehr ist schon aus Gründen des
Gesundheitsschutzes sinnvoll und reduziert nebenbei den
Treibhausgasausstoß. Weniger Autos in den Innenstädten, mehr Radfahren und
zu Fuß gehen? Trägt ebenfalls zum Gesundheitsschutz bei, erhöht die
Lebens- und Wohnqualität – und schützt zusätzlich das Klima.
Dabei steckt der Teufel meist im Detail. Beim Fleischverzehr
beispielsweise kommt es nicht nur auf die Menge an, sondern auch darauf,
welches Fleisch gegessen wird: Ein Kilo Rindfleisch hat eine etwa zehnmal
höhere Klimawirkung als ein Kilo Geflügel. Das liegt an den Emissionen in
der Verarbeitungskette, vor allem aber auch am Methanausstoß der Rinder:
Alle Wiederkäuer stoßen im Rahmen ihres Verdauungsprozesses Methan aus.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen
schätzt den Anteil der Viehwirtschaft an den weltweiten
Treibhausgasemissionen auf 14,5 Prozent, also rund ein Siebtel des
Gesamtausstoßes. Hinzu kommt der enorme Flächenverbrauch für den Anbau der
Futtermittel: Rund 40 Prozent des global verfügbaren Ackerlands werden zum
Anbau von Futtermitteln genutzt. Auch hier entfällt ein Großteil auf die
Rinderzucht. Dabei sind die bestehenden Minderungspotenziale sehr groß –
und können durch das Anstoßen von Verhaltensänderungen, basierend auf
Aufklärung und durch geschickte Kommunikation, vergleichsweise einfach
aufgegriffen werden: Die Anzahl der Menschen, die bereit sind, eine
Portion Rindfleisch durch eine Portion Hühnerfleisch zu ersetzen, dürfte
deutlich höher sein als die Zahl der Menschen, die sich für einen
vegetarischen oder veganen Lebensstil begeistern lassen.
Global gesehen: Ressourcenverbrauch liegt seit 1971 über dem Limit, sechs
von neun planetaren Grenzen sind überschritten
Bereits seit mehr als 50 Jahren übersteigt der jährliche Verbrauch die
global nachhaltig verfügbaren Ressourcen. Genauer gesagt seit 1971 – quasi
das Geburtsjahr des Erdüberlastungstags. Errechnet wird er jedes Jahr vom
internationalen Forschungsinstitut Global Footprint Network, sowohl für
einzelne Länder als auch für den ganzen Planeten. Die Basis dafür ist das
Konzept des ökologischen Fußabdrucks, eine Art Buchhaltungssystem für die
natürlichen Ressourcen. Der globale Erdüberlastungstag fiel 2023 auf den
2. August. Damit ist er im Vergleich zum Vorjahr um fünf Tage nach hinten
gerückt. Auf den ersten Blick ein Grund zum Feiern – auf den zweiten Blick
leider erklärbar durch eine Optimierung der Berechnungsmethoden auf Basis
verbesserter Datensätze, vor allem aber durch die weltweit schwächelnde
Konjunktur. Auch ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es keinen
Grund zur Entwarnung gibt: Vor 20 Jahren lag der Erdüberlastungstag noch
Mitte September. Der Trend geht also noch immer in die falsche Richtung,
die Überlastung des Planeten ist nach wie vor immens – und der daraus
resultierende Handlungsdruck wächst weiter und weiter.
Doch die Überbelastung unseres Planeten wird nicht nur bei Betrachtung des
ökologischen Fußabdrucks deutlich, sondern auch mit Blick auf das Konzept
der planetaren Grenzen: Dieses 2009 eingeführte Konzept wird jedes Jahr
angepasst und, falls notwendig, erweitert. Die aktuellen Daten zeigen: In
sechs von neun Bereichen sind die planetaren Grenzen bereits
überschritten. Auch dieses Modell zeigt also deutlich die Übernutzung der
Erde. Neben der Klimakrise erfasst es folgende zentrale Problemfelder, in
denen die Lage besonders dramatisch ist:
- Unversehrtheit der Biosphäre, ehemals bezeichnet als
Biodiversitätsverluste
- Veränderung der Landnutzung
- Süßwasserverbrauch
- Biogeochemische Kreisläufe, vor allem der zu hohe Phosphor- und
Stickstoffeintrag in die Böden
- Einbringung neuartiger Substanzen, ehemals bezeichnet als Belastung
durch Chemikalien
Die hinter dem Konzept stehenden Wissenschaftler*innen formulieren es so:
„… the earth is now well outside of the safe operating space“ – die Welt
befindet sich außerhalb des sicheren Betriebsbereichs.
Können wir daran etwas ändern? Grundsätzlich ja: mit Mut, den richtigen
Ambitionen und mit Konsequenz. Die Reaktionen auf das immer größer
werdende Ozonloch ist dafür ein gutes Beispiel und ein Lichtblick: Als das
Ozonloch in den 1980er Jahren zum medialen Dauerthema wurde, weil die
Menschen die Auswirkungen in Form von Sonnenbränden und Hautkrebsgefahr
unmittelbar zu spüren bekamen und Wissenschaftler*innen aus aller Welt
geschlossen vor den immensen Gefahren eines “Weiter so” warnten, wurde die
Staatengemeinschaft endlich aktiv. 1987 unterzeichneten 24 Staaten und die
Europäische Gemeinschaft das Montrealer Protokoll und leiteten so den
verpflichtenden Ausstieg aus der Verwendung von FCKW ein. Auch wenn weder
die Lösung noch die Umsetzung perfekt sind: Sie stellen die Grundlage für
die heutige Erholung der Ozonschicht dar – und zeigen eindrücklich, was
durch gute Kommunikation und entschlossenes politisches Handeln möglich
ist.
