Universität Zürich erwirbt bedeutende Zürcher Handschrift Richard Wagners
Der Universität Zürich ist der spektakuläre Ankauf einer bedeutenden
Handschrift Richard Wagners (1813 bis 1883) gelungen. In Mitteilung an
meine Freunde nimmt der Komponist eine autobiografisch-künstlerische
Standortbestimmung vor und blickt in die Zukunft. Das in Zürich
entstandene Manuskript nun an der UZH wissenschaftlich weiter untersucht.
Zürich war eine wichtige Station in Richard Wagners Biografie und
Schaffen. Nach dem gescheiterten Dresdner Maiaufstand im Jahr 1849 gegen
den sächsischen König Friedrich August II., an dem sich der Komponist
beteiligte, lebte Wagner nach seiner Flucht von 1849 bis 1858 im Zürcher
Exil. Die Zeit in Zürich brachte Wagner eine Wende und Neuorientierung in
Leben und Werk. Hier arbeitete er nicht nur an seiner berühmten Tetralogie
«Der Ring des Nibelungen», sondern verfasste auch wegweisende musik- und
dramentheoretische Schriften.
Rückkehr nach Zürich nach 170 Jahren
Das originale Arbeitsmanuskript einer dieser Schriften mit dem Titel Eine
Mitteilung an meine Freunde ist nun nach rund 170 Jahren an ihren
Entstehungsort zurückgekehrt. Die UZH hat die Handschrift beim
Auktionshaus Sotheby’s erworben. Ermöglicht haben dies Zuwendungen der UBS
Kulturstiftung in Zürich, der Bareva Stiftung in Vaduz und der UZH
Foundation, der Stiftung der Universität Zürich.
«Der Kauf der Wagner-Handschrift ist für Zürich, die UZH und für die
Wissenschaft von grosser Bedeutung», sagt UZH-Rektor Michael Schaepman.
Begeistert über den gelungenen Ankauf ist auch Laurenz Lütteken. «Solche
hochkarätigen Handschriften Wagners sind sonst kaum auf dem freien Markt
verfügbar», sagt der Musikwissenschaftler und Co-Direktor des
Musikwissenschaftlichen Instituts der UZH. Dort gehört das Werk Richard
Wagners zu den Schwerpunkten der Forschung.
Autobiografische und künstlerische Standortbestimmung
Die Mitteilung an meine Freunde entstand im August 1851 in Zürich im Haus
«Zum Abendstern» im Quartier Enge (heute etwa an der Adresse
Lavaterstrasse 76), kurz vor Wagners Umzug in die Vorderen Escherhäuser
(heute am Zeltweg 11). Erschienen ist der Text im selben Jahr als Beigabe
und Vorwort zu den Libretti der Opern «Der fliegende Holländer»,
«Tannhäuser» und «Lohengrin».
Die Schrift ist eine Art autobiografische Standortbestimmung, bezogen auf
die Werke vor der Revolution und das grosse nach-revolutionäre
«Ring»-Vorhaben. «Wagner nimmt eine Deutung seines bisherigen Schaffens
vor, fasst aber auch pointiert zusammen, was das ‹Musikdrama› künftig
leisten soll», sagt Laurenz Lütteken. Ganz am Ende steht daher auch eine
Skizze der in Arbeit befindlichen Tetralogie, ausserdem wird der Plan
einer Aufführung «im Laufe dreier Tage mit einem Vorabende» entworfen, an
einem «eigens dazu bestimmten Feste». Es ist also zugleich die erste
Skizze der Festspielidee, die Wagner dann später mit dem «Ring des
Nibelungen» umsetzte.
Entstehung des Texts wird nun erforscht
Das umfangreiche Autograf von Wagners bedeutender Schrift, das nun in der
Zentralbibliothek Zürich (ZB) aufbewahrt wird, kehrt nicht einfach nur an
seinen Entstehungsort zurück, sondern wird die UZH-Forschenden weiter
beschäftigen. Denn der Text ist bisher nur im Erstdruck sowie in der
Fassung der gesammelten Schriften und Dichtungen Richard Wagners
verfügbar. Die Handschrift lässt dagegen eine intensive Arbeit erkennen.
Das Manuskript ist mit dunkelbrauner Tinte geschrieben und mit
umfangreichen Streichungen, Korrekturen, Überarbeitungen und Ergänzungen
versehen. Die Entstehung des Textes zu untersuchen und nachzuzeichnen ist
nun ein umfangreiches Forschungsvorhaben der Musikwissenschaftlerinnen und
-wissenschaftler der UZH. Diese Analysen werden neue Erkenntnisse und
Einblicke in das Werk, das Denken und das Wirken Richard Wagners in Zürich
ermöglichen.
Nach Abschluss der Forschungsarbeiten wird die Handschrift durch die ZB
verfügbar gemacht werden. Das Arbeitsmanuskript der Mitteilung an meine
Freunde ist eine weitere Perle in der bedeutenden Wagneriana-Sammlung an
der ZB, die Musik- und Textmanuskripte, Musikdrucke, Druckschriften und
Briefe umfasst.
