Bachelor-Studium: ein Upgrade für Hebammen (Welt-Hebammentag am 5. Mai)
Wenn die Schmerzen beginnen, möchten werdende Mütter sicher sein, dass sie
in kompetenten Händen sind. Dann wünscht sich jede Gebärende die absolute
Aufmerksamkeit einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine gelernte Hebamme.
An der Hochschule Coburg werden Studierende zu solchen Geburts-Profis
ausgebildet und mit dem aktuellsten Fachwissen ausgestattet.
Text: Andreas Wolf
Mehr als 500 Kilometer hat die Wienerin zurückgelegt, um die Hebammen von
Morgen auszubilden – Prof. Karin Handl unterrichtet nun in Bamberg: „Ich
will junge Menschen so auf ihrem Weg zum Hebamme-Sein begleiten,
unterstützen und sicher gehen, dass sie die Hochschule als kompetente
Hebammen verlassen. Man kann nicht alles wissen, aber die Absolventinnen
müssen handlungsfähig sein, ihre Grenzen kennen und wissen, wo sie
nachschauen können, wenn sie etwas nicht wissen.“
Hebammenwissenschaft ist ein duales Bachelorstudium, in dem sich die
Studierenden an der Hochschule das notwendige theoretische und praktische
Wissen zur Geburtenhilfe und Säuglingspflege erarbeiten. Während der
gesamten Studiendauer an den Bamberger Akademien sind sie in einer von
mehreren Partnerkliniken angestellt. Dort absolvieren sie ihre
Praktikumseinsätze, begleiten erfahrene Hebammen in den Diensten und
übernehmen nach und nach Aufgaben. Mindestens einmal während der
Studienzeit lernen sie in einem externen Praktikum die freiberufliche
Hebammentätigkeit kennen. Der klassische Werdegang einer
Hebammenausbildung bekommt so einen wissenschaftlichen Unterbau und
Fähigkeiten, auf die heute nicht mehr verzichtet werden darf, sagt
Professorin Handl: „Die Betreuung und Begleitung von (werdenden) Müttern
und Neugeborenen war schon immer die Essenz der Ausbildung und wird es
auch im Rahmen des Studiums bleiben. Die übliche Ausbildung wird es bald
so nicht mehr geben und das duale Studium wird der einzige Ausbildungsweg
zur Hebamme sein.“
Wissenschaftliches Arbeiten in der Geburtshilfe
Denn auch wissenschaftliches Arbeiten brauchen die modernen
Geburtenhelferinnen und -helfer immer mehr: Wie liest und interpretiert
man eine Studie? Woran erkennt man gute Forschung? Und wie kann man selbst
etwas erforschen? Diese Fragen werden im Zuge des Studiums beantwortet,
versichert Handl: „Viele Hebammentätigkeiten basieren bislang auf
Erfahrungsevidenz. Das Studium erweitert diese Komponente um die
wissenschaftliche Evidenz, die in der Medizin bereits länger zum Standard
gehört.“ Einer der ältesten Berufe der Welt erhält damit ein wertvolles
Upgrade, das es auch ermöglicht, von anderen Berufsgruppen, auf
Forschungsebene, unabhängiger zu werden. Ein in Deutschland schon längst
überfälliger Schritt, betont Professorin.
Noch befindet sich der Studiengang allerdings im Aufbau. Das ist Chance
und Herausforderung zugleich, weiß die Professorin: „Mit jedem Jahrgang
lernen wir viele junge Frauen kennen, die Hebammen werden wollen und
zielstrebig den Weg dahin verfolgen. Wir haben viele externe Lehrende, die
Praxispartner und Praxispartnerinnen und unser Kernteam, die die
Studierenden unterstützen. Doch wir brauchen noch Ressourcen: personelle,
um das Kernteam zu erweitern, und zeitliche, um Modulhandbuch, Praktikums-
Curricula oder auch Examensprüfungen qualitativ hochwertig zu
konzipieren.“
Handl promoviert selbst als Nachwuchsprofessorin an der Hochschule Coburg.
Ihre langjährige Erfahrung als Hebamme im Klinikdienst und der
Wochenbettbetreuung hilft ihr dabei, ihre Vorlesungen praktisch zu
gestalten, um Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln: „Wissenschaftliche
Evidenzen, Forschungsergebnisse und Erfahrungsevidenzen sind für mich die
Grundlage, um die relevanten Inhalte für das Studium auszuwählen. Die
Darbringungsform hängt von der Lehrveranstaltung ab und ermöglicht es, den
zukünftigen Arbeitsalltag der Studierenden früh zu berücksichtigen.
Manchmal trainieren wir im ‚Skills Lab‘ am Modell eine Geburt zu leiten,
ein anderes Mal präsentiere ich ein Thema und wir tauschen unsere
Erfahrungen dazu aus.“
Simulation unter realitätsnahen Bedingungen
Beim Skills Lab handelt es sich um Räume, die real eingerichtet sind, wie
zum Beispiel Kreißzimmer, in denen Simulationen stattfinden, um
Arbeitssituationen so realitätsnah wie möglich zu trainieren. Dort, wo es
bereits möglich ist, kommen die Studierenden selbst ins Forschen und
Erforschen.
Für werdende Mütter hat diese Form der Hebammen-Lehre konkrete
Auswirkungen, weiß die Professorin: „Die Überprüfung von Interventionen
und das Abwägen von Nutzen und Risiken bringt eine Veränderung im Einsatz
dieser Interventionen. Manche Tätigkeiten werden aus der Geburtshilfe
verschwinden, andere werden sich etablieren. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung
während der Geburt zum Beispiel führt zu mehr vaginalen Geburten und
weniger höhergradigen Geburtsverletzungen. Das ist wissenschaftlich belegt
und es liegt an uns allen, diese Erkenntnis in die Praxis zu
implementieren.“
Gesuchte Fachkräfte
Aber nicht nur die Kompetenz, auch die Arbeitsbedingungen und die
Fachkräfteknappheit haben direkte Auswirkungen auf Patientinnen. In einer
Umfrage des Deutschen Hebammenverbands gaben 70 Prozent der befragten
Hebammen an, dass sie in der Klinik häufig drei oder mehr Frauen parallel
betreuen. 90 Prozent der Hebammen beklagten Überstunden (Quelle: Deutscher
Hebammenverband, 2022). Auch damit umzugehen zu lernen, ist Teil der
Ausbildung: „Keine Hebamme lehnt gerne die Übernahme der Betreuung von
Frauen ab. Noch schwieriger fällt es, wenn es zu wenig Kapazitäten gibt.
Gut ausgebildete Hebammen, die verantwortungsbewusst die vielfältigen
Aufgaben erfüllen können, werden heute also noch stärker gebraucht als
zuvor.“
Trotz mancher Hürden lehrt Professorin Karin Handl mit Leidenschaft: „Für
mich ist es ein Privileg zu sehen, wie sich innerhalb von dreieinhalb
Jahren die Studierenden zu kompetenten Persönlichkeiten entwickeln und
sowohl fachlich als auch persönlich reifen. Es ist etwas Besonderes, beim
Aufbau eines neuen Studiengangs mitzuwirken, obwohl es den Beruf bereits
sehr lange gibt. Diese Möglichkeit gibt es in vielen anderen Berufen
nicht. Es ist schön, wenn man Studierende sogar für die Geschichte des
eigenen Berufsstands begeistern kann – dann weiß man, dass sie hier
richtig sind.“
Der Studiengang Hebammenwissenschaft ist an die Fakultät Angewandte
Naturwissenschaften und Gesundheit angegliedert, dauert sieben Semester
und ermöglicht einen Bachelor of Science Abschluss.Wenn die Schmerzen beginnen, möchten werdende Mütter sicher sein, dass sie
in kompetenten Händen sind. Dann wünscht sich jede Gebärende die absolute
Aufmerksamkeit einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine gelernte Hebamme.
An der Hochschule Coburg werden Studierende zu solchen Geburts-Profis
ausgebildet und mit dem aktuellsten Fachwissen ausgestattet.
Text: Andreas Wolf
Mehr als 500 Kilometer hat die Wienerin zurückgelegt, um die Hebammen von
Morgen auszubilden – Prof. Karin Handl unterrichtet nun in Bamberg: „Ich
will junge Menschen so auf ihrem Weg zum Hebamme-Sein begleiten,
unterstützen und sicher gehen, dass sie die Hochschule als kompetente
Hebammen verlassen. Man kann nicht alles wissen, aber die Absolventinnen
müssen handlungsfähig sein, ihre Grenzen kennen und wissen, wo sie
nachschauen können, wenn sie etwas nicht wissen.“
Hebammenwissenschaft ist ein duales Bachelorstudium, in dem sich die
Studierenden an der Hochschule das notwendige theoretische und praktische
Wissen zur Geburtenhilfe und Säuglingspflege erarbeiten. Während der
gesamten Studiendauer an den Bamberger Akademien sind sie in einer von
mehreren Partnerkliniken angestellt. Dort absolvieren sie ihre
Praktikumseinsätze, begleiten erfahrene Hebammen in den Diensten und
übernehmen nach und nach Aufgaben. Mindestens einmal während der
Studienzeit lernen sie in einem externen Praktikum die freiberufliche
Hebammentätigkeit kennen. Der klassische Werdegang einer
Hebammenausbildung bekommt so einen wissenschaftlichen Unterbau und
Fähigkeiten, auf die heute nicht mehr verzichtet werden darf, sagt
Professorin Handl: „Die Betreuung und Begleitung von (werdenden) Müttern
und Neugeborenen war schon immer die Essenz der Ausbildung und wird es
auch im Rahmen des Studiums bleiben. Die übliche Ausbildung wird es bald
so nicht mehr geben und das duale Studium wird der einzige Ausbildungsweg
zur Hebamme sein.“
Wissenschaftliches Arbeiten in der Geburtshilfe
Denn auch wissenschaftliches Arbeiten brauchen die modernen
Geburtenhelferinnen und -helfer immer mehr: Wie liest und interpretiert
man eine Studie? Woran erkennt man gute Forschung? Und wie kann man selbst
etwas erforschen? Diese Fragen werden im Zuge des Studiums beantwortet,
versichert Handl: „Viele Hebammentätigkeiten basieren bislang auf
Erfahrungsevidenz. Das Studium erweitert diese Komponente um die
wissenschaftliche Evidenz, die in der Medizin bereits länger zum Standard
gehört.“ Einer der ältesten Berufe der Welt erhält damit ein wertvolles
Upgrade, das es auch ermöglicht, von anderen Berufsgruppen, auf
Forschungsebene, unabhängiger zu werden. Ein in Deutschland schon längst
überfälliger Schritt, betont Professorin.
Noch befindet sich der Studiengang allerdings im Aufbau. Das ist Chance
und Herausforderung zugleich, weiß die Professorin: „Mit jedem Jahrgang
lernen wir viele junge Frauen kennen, die Hebammen werden wollen und
zielstrebig den Weg dahin verfolgen. Wir haben viele externe Lehrende, die
Praxispartner und Praxispartnerinnen und unser Kernteam, die die
Studierenden unterstützen. Doch wir brauchen noch Ressourcen: personelle,
um das Kernteam zu erweitern, und zeitliche, um Modulhandbuch, Praktikums-
Curricula oder auch Examensprüfungen qualitativ hochwertig zu
konzipieren.“
Handl promoviert selbst als Nachwuchsprofessorin an der Hochschule Coburg.
Ihre langjährige Erfahrung als Hebamme im Klinikdienst und der
Wochenbettbetreuung hilft ihr dabei, ihre Vorlesungen praktisch zu
gestalten, um Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln: „Wissenschaftliche
Evidenzen, Forschungsergebnisse und Erfahrungsevidenzen sind für mich die
Grundlage, um die relevanten Inhalte für das Studium auszuwählen. Die
Darbringungsform hängt von der Lehrveranstaltung ab und ermöglicht es, den
zukünftigen Arbeitsalltag der Studierenden früh zu berücksichtigen.
Manchmal trainieren wir im ‚Skills Lab‘ am Modell eine Geburt zu leiten,
ein anderes Mal präsentiere ich ein Thema und wir tauschen unsere
Erfahrungen dazu aus.“
Simulation unter realitätsnahen Bedingungen
Beim Skills Lab handelt es sich um Räume, die real eingerichtet sind, wie
zum Beispiel Kreißzimmer, in denen Simulationen stattfinden, um
Arbeitssituationen so realitätsnah wie möglich zu trainieren. Dort, wo es
bereits möglich ist, kommen die Studierenden selbst ins Forschen und
Erforschen.
Für werdende Mütter hat diese Form der Hebammen-Lehre konkrete
Auswirkungen, weiß die Professorin: „Die Überprüfung von Interventionen
und das Abwägen von Nutzen und Risiken bringt eine Veränderung im Einsatz
dieser Interventionen. Manche Tätigkeiten werden aus der Geburtshilfe
verschwinden, andere werden sich etablieren. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung
während der Geburt zum Beispiel führt zu mehr vaginalen Geburten und
weniger höhergradigen Geburtsverletzungen. Das ist wissenschaftlich belegt
und es liegt an uns allen, diese Erkenntnis in die Praxis zu
implementieren.“
Gesuchte Fachkräfte
Aber nicht nur die Kompetenz, auch die Arbeitsbedingungen und die
Fachkräfteknappheit haben direkte Auswirkungen auf Patientinnen. In einer
Umfrage des Deutschen Hebammenverbands gaben 70 Prozent der befragten
Hebammen an, dass sie in der Klinik häufig drei oder mehr Frauen parallel
betreuen. 90 Prozent der Hebammen beklagten Überstunden (Quelle: Deutscher
Hebammenverband, 2022). Auch damit umzugehen zu lernen, ist Teil der
Ausbildung: „Keine Hebamme lehnt gerne die Übernahme der Betreuung von
Frauen ab. Noch schwieriger fällt es, wenn es zu wenig Kapazitäten gibt.
Gut ausgebildete Hebammen, die verantwortungsbewusst die vielfältigen
Aufgaben erfüllen können, werden heute also noch stärker gebraucht als
zuvor.“
Trotz mancher Hürden lehrt Professorin Karin Handl mit Leidenschaft: „Für
mich ist es ein Privileg zu sehen, wie sich innerhalb von dreieinhalb
Jahren die Studierenden zu kompetenten Persönlichkeiten entwickeln und
sowohl fachlich als auch persönlich reifen. Es ist etwas Besonderes, beim
Aufbau eines neuen Studiengangs mitzuwirken, obwohl es den Beruf bereits
sehr lange gibt. Diese Möglichkeit gibt es in vielen anderen Berufen
nicht. Es ist schön, wenn man Studierende sogar für die Geschichte des
eigenen Berufsstands begeistern kann – dann weiß man, dass sie hier
richtig sind.“
Der Studiengang Hebammenwissenschaft ist an die Fakultät Angewandte
Naturwissenschaften und Gesundheit angegliedert, dauert sieben Semester
und ermöglicht einen Bachelor of Science Abschluss.
