Stellungnahme zur heute vorgestellten Suizidpräventionsstrategie
Zentrale Rufnummer 113 und systematische Erhebung von Suizidversuchen von
Stiftung begrüßt / Kritik: 4-Ebenen-Interventionsansatz als wirkungsvolles
Instrument im Kampf gegen Suizidversuche und Suizide nicht bedacht
Leipzig/ Frankfurt am Main, 2. Mai 2024 – Die Stiftung Deutsche
Depressionshilfe und Suizidprävention befürwortet die nationale
Suizidpräventionsstrategie, die heute von Bundesgesundheitsminister Karl
Lauterbach vorgestellt wurde. In Deutschland begehen im Durchschnitt
täglich 28 Menschen einen Suizid und schätzungsweise 500 Personen einen
Suizidversuch. „Mit wenigen Mitteln kann bei der Suizidprävention noch
viel erreicht werden – vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Geld für die
Verhinderung von Verkehrstoten ausgegeben wird, obwohl durch Unfälle im
Vergleich zu Suiziden zwei Drittel weniger Menschen versterben“, erklärt
Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche
Depressionshilfe und Suizidprävention.
Viele der heute vorgestellten Eckpunkte der Strategie, wie z.B. die
Etablierung einer bundesweiten Rufnummer für Menschen in akuten suizidalen
Krisen unter 113 oder die systematische Erhebung von Suizidversuchen
werden von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention
unterstützt.
Jedoch weist das Papier auch Fehlstellen auf: So ist es im Rahmen der
Suizidprävention essentiell, die Versorgungssituation psychisch erkrankter
Menschen zu verbessern. Insbesondere Depressionen gehen mit einem erhöhten
Suizidrisiko einher. Übersehen wurde in der Strategie zudem das weltweit
am meisten verbreitete und am besten evaluierte Programm zur
Suizidprävention: der 4-Ebenen-Ansatz, in Deutschland in 90 regionalen
„Bündnissen gegen Depression“ von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe
umgesetzt. Diese bereits bestehenden Strukturen sollten Teil einer
nationalen Suizidpräventionsstrategie sein.
Wie Suizidprävention gelingen kann: international etablierter 4-Ebenen-
Ansatz
Im Rahmen des BMBF-geförderten Kompetenznetzes Depression/Suizidalität
wurde unter Leitung von Prof. Hegerl ein gemeindebasierter 4-Ebenen-
Interventionsansatz entwickelt und wissenschaftlich untersucht. Dieser
Ansatz verbindet zwei Ziele: die bessere Versorgung von Menschen mit
Depression und die Prävention von Suiziden sowie Suizidversuchen. In einer
umschriebenen Region (Stadt, Gemeinde) werden dafür gleichzeitig
Interventionen auf vier Ebenen gestartet:
• Kooperation mit Hausärzten (u.a. Schulungen)
• Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Plakatkampagne, öffentliche
Veranstaltungen)
• Schulungen von Multiplikatoren (z.B. Pfarrer, Lehrer,
Journalisten, Altenpflegekräfte, Polizisten)
• Unterstützung für Betroffene und deren Angehörige, u.a. durch
Informationsmaterialien, die Förderung der Selbsthilfe und das digitale
Selbstmanagement-Programm iFightDepression (tool.ifightdepression.com/).
Dieser Ansatz wurde nicht nur in Deutschland durch die Bündnisse gegen
Depression unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in 90
Städten und Regionen implementiert, sondern auch in zahlreichen
europäischen und außereuropäischen Ländern (Australien, Neuseeland, Kanada
und Chile) übernommen. Basierend auf mehreren Studien kommt ein neuer
systematischer Review (Linskens et al 2022) zu dem Schluss, dass diese 4
-Ebenen-Intervention der einzige ausreichend evaluierte suizidpräventive
Mehrebenenansatz ist.
„Durch dieses 4-Ebenen-Interventionskonzept und das bestehende Netzwerk
aus vielen regionalen Bündnissen besteht in Deutschland eine optimale
Ausgangslage für Suizidprävention. Bisher werden diese lokalen Bündnisse
zur Suizidprävention durch Bürgerengagement, Ehrenamt und Spenden
getragen. Äußerst hilfreich wäre es, wenn diese gerade vor dem Hintergrund
der gesetzlichen Neuregelungen zum assistierten Suizid eine staatliche
Förderung erhalten würden“ so Hegerl.
Mehrheit der Suizide erfolgt im Kontext psychischer Erkrankungen
2022 verstarben in Deutschland 10.119 Menschen durch Suizid – das sind
mehr Menschen, als im Verkehr (3.141), durch Drogen (1.990) und durch AIDS
(264) zusammengenommen zu Tode kommen (Statistisches Bundesamt, 2023). Die
Zahl der Suizidversuche wird mehr als 20-mal so hoch geschätzt. Suizide
erfolgen fast immer vor dem Hintergrund einer nicht optimal behandelten
psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression. „Die
überwältigende Mehrheit der Suizide in Deutschland sind keine Freitode,
sondern die tragische Folge schwerer psychischer Erkrankungen, wobei
Depressionen mit Abstand die wichtigste Rolle spielen. Dies liegt an dem
hohen Leidensdruck in Verbindung mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit.
Suizidalität und Hoffnungslosigkeit sind zentrale Krankheitszeichen einer
depressiven Erkrankung. Bestehende Probleme werden in der Depression
vergrößert und als unlösbar wahrgenommen. In ihrer Verzweiflung sehen
Menschen dann im Suizid den einzigen Weg, diesem unerträglichen Zustand zu
entkommen“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl. Die konsequente und
leitlinienkonforme Behandlung der Depression und anderer psychischer
Erkrankungen ist zentraler Baustein jeder Suizidprävention.
Ansprechpartner sind Psychiater, Psychologische Psychotherapeuten und
Hausärzte.
In den letzten 40 Jahren hat sich die Zahl der Suizidopfer halbiert. Der
Rückgang der Suizide dürfte vor allem darauf zurück zu führen sein, dass
mehr Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen sich
Hilfe holen und eine Diagnose bzw. Behandlung erhalten. Aufgrund von
Wissensdefiziten, Stigmatisierungen, der krankheitsbedingten Antriebs- und
Hoffnungslosigkeit sowie vor allem auch Defiziten im Gesundheitssystem
bestehen jedoch weiter große Versorgungslücken. „Wichtig zur
Suizidprävention ist, die Versorgungssituation psychisch erkrankter
Menschen in Deutschland zu verbessern. Es ist völlig inakzeptabel, dass
ein suizidgefährdeter Mensch oft erst nach Wochen oder Monaten einen
Facharzttermin oder Platz in der Klinik bekommt. Wir brauchen dringend
kürzere Wartezeiten. Darauf wurde bisher nicht genug Augenmerk gerichtet.“
so Hegerl weiter.
Hinweis an die Redaktionen:
Die Berichterstattung über Suizide ist mit einer besonderen Verantwortung
verbunden, damit es nicht zu Nachahmungen kommt (Werther-Effekt). In einem
Medien-Guide hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und
Suizidprävention die wichtigsten Regeln zur Berichterstattung über Suizide
zusammengefasst. Sie finden die Richtlinien hier:
www.deutsche-depressionshilfe.
