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Waldforum der Vereinten Nationen: „Aufforstung ist keine einfache Win-Win- Geschichte“

Prof. Dr. Daniela Kleinschmit  Jürgen Gocke
Prof. Dr. Daniela Kleinschmit Jürgen Gocke
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Prof. Dr. Daniela Kleinschmit  Jürgen Gocke
Prof. Dr. Daniela Kleinschmit Jürgen Gocke

Interview mit Daniela Kleinschmit, Professorin für Forst- und
Umweltpolitik und angehende Präsidentin der internationalen
Dachorganisation der Forstwissenschaften IUFRO.

Frau Kleinschmit, beim Waldforum der Vereinten Nationen in New York
(UNFF19) wird in dieser Woche über Fragen der internationalen Wald-
Governance beraten, also darüber, wie Staaten und internationale
Organisationen gute Regeln für die Nutzung und Erhaltung der globalen
Wälder finden können. Ein wichtiger Impulsgeber wird dabei ein Bericht
sein, den ein internationales Team von Forstwissenschaftler*innen unter
Ihrer Leitung erstellt hat und den Sie am Freitag in New York vorstellen.
Welche Botschaften geben sie den Vereinten Nationen mit?

Die Effektivität der internationalen Waldpolitik wird bislang häufig an
der Entwaldungsrate gemessen, also daran, wie viel Waldflächen wir jedes
Jahr verlieren – was wir übrigens kontinuierlich tun. Eine Kernbotschaft
unseres Berichts ist aber, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir
immer auf die Entwaldung als Indikator zurückzugreifen. Natürlich ist es
wichtig, diese Zahl zu kennen, aber ihre Aussagekraft ist begrenzt.
Stattdessen schlagen wir vor, den Erfolg von Waldpolitik mithilfe anderer
Faktoren zu messen, beispielsweise dem Erhalt der Artenvielfalt oder der
sozial gerechten Nutzung der Wälder. Denn Wälder erbringen extrem viele
Ökosystemleistungen: Sie liefern Holz, sie speichern CO2, sie sind
Lebensraum für viele Arten, sie tragen zur Ernährungssicherheit und
Wasserqualität bei und sie bieten natürlich auch Platz für Spiritualität,
Kultur und Erholung. Das sind nur einige der wichtigen Funktionen von
Wäldern, die die Politik mitdenken muss.

Was wir in unserem Bericht auch kritisch sehen, ist der Klimadiskurs, der
im Bereich der Wald-Governance sehr viel Raum einnimmt. Weil Wälder ein
wichtiger Speicher von CO2 sind, wird Aufforstung oft fälschlich als eine
einfache Win-Win-Geschichte verkauft, nach dem Motto: Pflanze einen Baum
und rette damit die Welt – oder wenigstens das Klima. Damit wird uns aber
suggeriert, wir müssten uns nicht viele Gedanken um unsere Emissionen
machen. Wir könnten den CO2-Ausstoß einfach kompensieren, indem irgendwo
Wälder gepflanzt werden. Diese Vorstellung begegnet uns immer wieder im
Alltag, manchmal wird es dabei besonders absurd: In einer Werbung wurde
angepriesen, dass beim Kauf eines Autoreifens ein Baum gepflanzt wird!
Auch in der internationalen Waldpolitik wird diese Idee unterstützt,
sicher auch, da eine Kompensation durch neue Wälder politisch attraktiver
ist als die Forderung, den Konsum zu reduzieren. Unser Report
verdeutlicht, dass es in der internationalen Waldpolitik keine einfachen
Win-Win Lösungen gibt. Es muss mitgedacht werden, dass die Flächen, auf
die Bäume gepflanzt werden, in vielen Fällen von Menschen schon auf andere
Weise zum Lebensunterhalt genutzt werden.

Warum gibt es international bislang keine Wald-Governance, die auch
soziale Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und weitere Aspekte
einbezieht?

Zunächst ist die internationale Wald-Governance extrem komplex, weil der
Wald an so vielen Stellen zum Gegenstand von Politik wird und so viele
alte und neue Akteure mitreden. Noch Ende der 1980er- und Anfang der
1990er-Jahre war Waldpolitik in erster Linie ein Gegenstand
internationaler Abkommen zwischen Staaten. Die Vereinten Nationen
behandeln Forstfragen in verschiedenen Bereichen, etwa im Pariser
Klimaabkommen oder in der Konvention zur biologischen Vielfalt. Aber
inzwischen sind neben Staaten zunehmend auch Firmen, NGOs und andere
Stakeholder in die Waldpolitik involviert, dadurch nimmt die Komplexität
zu.
Hinsichtlich der sozial gerechten Nutzung des Waldes spielen Machtfragen
und finanzielle Interessen eine große Rolle, auch darauf gehen wir in
unserem Bericht ein. Die Nutzung von Wäldern als Kohlenstoffspeicher und
der Handel mit CO2-Zertikaten führt häufig zu einer Perspektive, bei der
kurzfristige Gewinne im Vordergrund stehen. Die langfristige
Nachhaltigkeit der Wälder und die Effekte für das Wohlbefinden der
Menschen, die in unmittelbarer Nähe der Wälder wohnen und von ihnen
anhängig sind, verliert man dabei aber aus den Augen. Die Stimmen dieser
Menschen, insbesondere im Globalen Süden, werden international bislang
nicht laut genug gehört. Wir stellen in unserem Bericht daher die Frage,
wer eigentlich definieren darf, was das waldpolitische Problem ist und was
nicht. Wer bestimmt zum Beispiel, ob ein Waldstück als „degradiert“
angesehen und daher restauriert werden sollte? Die lokale Bevölkerung vor
Ort sieht das vielleicht anders und setzt andere Prioritäten. Diese
bestehenden Machtasymmetrien stellen wir in unserem Bericht dar.

Welche Wirkung wünschen Sie sich, wenn Sie Ihren Bericht zur Wald-
Governance beim Waldforum der Vereinten Nationen York vorstellen?

Seit dem Erscheinen des letzten Reviews zur internationalen Wald-
Governance 2010 hat sich viel getan. Daher haben die Vereinten Nationen
uns, das heißt den Internationalen Verband Forstlicher Forschungsanstalten
(IUFRO), um einen Folgebericht gebeten, der die Entwicklungen der
vergangenen 14 Jahre zusammenfasst. Ich würde mich freuen, wenn unser
Bericht dazu beiträgt, dass in der internationalen Waldpolitik weniger auf
einfache Zahlen fokussiert wird – etwa zur Entwaldung oder zur
Aufforstung. Denn solche quantitativen Ergebnisse mögen schön darstellbar
sein, sie sagen qualitativ aber wenig bis gar nichts aus. Stattdessen
sollten wir stärker die Bedürfnisse der Menschen einbeziehen, insbesondere
derjenigen, die ohnehin verwundbar sind und durch Krisen besonders
gefährdet: Wer gewinnt durch das waldpolitische Handeln – und wer
verliert? Man sollte sich die Effekte politischer Entscheidungen klarer
vor Augen führen, insbesondere die nicht intendierten, die dann dennoch in
Kauf genommen werden.

Im Juni werden Sie die neue Präsidentin von IUFRO. Welche Ziele setzen Sie
sich in Ihrem Amt?

Die IUFRO ist eine mehr als einhundert Jahre alte, historisch gewachsene
Organisation, in der sehr viele verschiedene Wissenschaftler*innen aus
einem breiten Spektrum von Disziplinen zusammenarbeiten, vom
praxisbezogenen Waldbau bis hin zur sozialwissenschaftlich ausgerichteten
Erforschung von Waldpolitik. Unsere Mitglieder kommen aus allen Teilen der
Welt, aber dort liegt auch eine Herausforderung: Während Forschende aus
Europa und Nordamerika sehr präsent sind, wünsche ich mir eine noch viel
stärkere aktive Beteiligung aus anderen Regionen, wie beispielsweise
Südamerika und Afrika. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass wir ein
besseres Verständnis für die Themen und wissenschaftlichen Probleme
anderer Weltregionen entwickeln können. Es wird daher eine große Aufgabe
sein, eine aktive Beteiligung insbesondere von Forschenden aus dem
globalen Süden und aus bislang unterrepräsentierten Ländern zu erreichen.

Auch beim Austausch mit der Politik müssen wir der Tatsache Rechnung
tragen, dass sich die Wald-Governance stark regionalisiert hat. Das
bedeutet, dass IUFRO neben der internationalen Ebene auch auf regionaler
Ebene verstärkt in Interaktion mit der Politik treten muss. Das wird uns
ermöglichen, viel zielgerichteter wissenschaftsbasierte Informationen für
die Wald-Governance in verschiedenen Weltregionen anzubieten. Damit kann
dann auch den unterschiedlichen waldpolitischen Prioritäten in den
verschiedenen Regionen Rechnung getragen werden.

Faktenübersicht:

•       Prof. Dr. Daniela Kleinschmit ist seit 2014 Professorin für Forst-
und Umweltpolitik an der Universität Freiburg. Von 2021 bis März 2024 war
sie zudem Prorektorin für Nachhaltigkeit und Internationalisierung an der
Universität. Sie ist derzeit Vizepräsidentin des Internationalen Verbandes
Forstlicher Forschungsanstalten (IUFRO). Beim kommenden IUFRO-Weltkongress
(23. bis 29. Juni 2024 in Stockholm) wird sie zur neuen Präsidentin des
Verbandes ernannt werden. Kleinschmit ist zudem Principal Investigator der
Exzellenzclusterinitiative „Future Forests: Adapting complex social-
ecological forest systems to global change“.

•       Der Bericht „International Forest Governance: A Critical Review of
Trends, Drawbacks, and New Approaches“ wird bei der 19. Sitzung des
Waldforums der Vereinten Nationen (UNFF19) am 10. Mai vorgestellt.

Daniela Kleinschmit steht gerne für Medienanfragen zur Verfügung.