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Studie der PFH: Psychische Belastung des Gesundheitspersonals auch nach Pandemie-Ende unverändert hoch

Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie  PFH Göttingen
Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie PFH Göttingen
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Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie  PFH Göttingen
Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie PFH Göttingen

Die psychische Belastung von Fachkräften im Gesundheitswesen
ist auch nach der Corona-Pandemie konstant hoch. Besonders
Pflegefachkräfte weisen erhöhte Symptome von Stress, Angst und Depression
auf. Dabei fühlen sich die Befragten subjektiv am meisten betroffen von
strukturellen Problemen wie Personalmangel und unzureichende
Wertschätzung. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie des
Fachbereiches Psychologie der PFH Private Hochschule Göttingen. Die
Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten medizinischen
Fachzeitschrift BMJ Open veröffentlicht.

„Die Ergebnisse sind besorgniserregend, auch angesichts des weiter
zunehmenden Mangels an Pflegefachkräften“, sagt Prof. Dr.  Stephan
Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren
der Studie. Laut aktueller Berechnungen des Statistischen Bundesamts
(Destatis) liegt die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte bereits im Jahr
2034 um 90 000 unter dem erwarteten Bedarf. Infolge der Alterung der
Gesellschaft werden in Deutschland bis zum Jahr 2049 voraussichtlich
zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.

Für die Studie hat ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
der PFH Göttingen, der Universität Wien und der Fernuniversität Hagen die
psychische Gesundheit von Gesundheitsfachkräften in Deutschland und
Österreich während der COVID-19-Pandemie über die Jahre 2020 bis 2022
untersucht. Dabei wurden Daten von 421 Fachkräften aus dem
Gesundheitswesen mit früheren Umfragen aus den Jahren 2021 (N=639
Befragte) und 2020 (N=300 Befragte) verglichen. Die Ergebnisse zeigen,
dass die psychische Belastung des Gesundheitspersonals im Verlauf der
Pandemie konstant geblieben ist, ohne Anzeichen von Gewöhnung an die
belastende Situation oder die neuen Umstände.

Pflegepersonal am stärksten belastet

„Beim Vergleich der drei Berufsgruppen Ärztinnen und Ärzte, Rettungskräfte
und Krankenschwestern sowie -pflegern war in unserer Studie das
Pflegepersonal zu jedem Zeitpunkt am stärksten psychisch belastet, d. h.
es zeigte deutlich mehr Symptome von Angststörungen und Depression und
hatte insgesamt eine schlechtere psychische Gesundheit als die anderen
Teilnehmenden, erläutert Dr. Julia Reiter, Co-Autorin der Studie und
wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Arbeits-,
Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Wien. Während
beispielsweise 24 Prozent der Ärztinnen und Ärzte von mittleren oder
schweren Symptomen von Depression berichteten, waren es bei den
Pflegekräften 36 Prozent. Die aktuellen Erkenntnisse der Studie
untermauern die Ergebnisse anderer Studien, in denen festgestellt wurde,
dass das Pflegepersonal im Vergleich zu anderen Berufsgruppen im
Gesundheitswesen stärker belastet ist.

„Dabei waren insbesondere die Symptome von Angst und Depression sowie die
psychische Belastung insgesamt bei diesen Fachkräften im Vergleich zur
Zeit vor der Pandemie deutlich erhöht“, so Reiter. Die psychische
Belastung der Pflegekräfte hat sich gegenüber den beiden ersten Erhebungen
in der Anfangszeit der Pandemie 2020 und 2021 leicht erholt, ist aber nach
wie vor auf sehr hohem Niveau. Um die genannten Zahlen besser einschätzen
zu können, hilft der Blick auf eine repräsentative Vergleichsstichprobe
(N=2512), die vor der Pandemie mit demselben Fragebogeninstrument erhoben
wurde: Damals zeigten nur fünf Prozent der Bevölkerung mittlere oder
schwere Symptome von Depression.

Hilfe trotz Bedarf nicht in Anspruch genommen

Obwohl die Bereitschaft, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen,
während des Untersuchungszeitraums gestiegen ist, stehen die begrenzte
Verfügbarkeit von Unterstützungsleistungen und Zeitmangel aufgrund hoher
Arbeitsbelastung dem Hilfegesuch häufig entgegen. Zudem hatten 42,5
Prozent der Befragten, die so stark psychisch belastet waren, dass sie
psychologische Unterstützung benötigten, nicht die Absicht, Hilfe in
Anspruch zu nehmen. „Selbst wenn psychologische Unterstützung vorhanden
ist, hatten die Beschäftigten aufgrund der höheren Arbeitsbelastung oft
keine Zeit, sie in Anspruch zu nehmen“, so Weibelzahl.

Anhaltende strukturelle Probleme im Gesundheitswesen

Die Arbeitsanforderungen, von denen sich die Teilnehmenden subjektiv am
stärksten betroffen fühlten, bezogen sich nicht auf die Pandemiesituation,
sondern auf existierende strukturelle Probleme. Auf einer Skala von 0 bis
4 bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Personalmangel
(Mittelwert M=3,30) und unzureichende Wertschätzung ihrer Arbeit (M=2,96)
als besonders beeinträchtigend. Ein weiterer struktureller Faktor, der
etwas niedriger (M=2,41), aber immer noch am oberen Ende der Skala
rangiert, sind lange Arbeitszeiten. „Dieses Problem ist bis zu einem
gewissen Grad ein ständiges Merkmal medizinischer Berufe, wird aber auch
durch Personalmangel verschärft, der dazu führt, dass mehr Schichten
übernommen werden müssen und während dieser Schichten mehr Aufgaben
anfallen“, so Weibelzahl.

Effektive Unterstützungsmaßnahmen der Arbeitgebenden erforderlich

Insgesamt unterstreicht die Studie die dringende Notwendigkeit für
Arbeitgebende, effektive Maßnahmen zur Unterstützung der psychischen
Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu implementieren und eine unterstützende
Arbeitskultur zu fördern. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die
wahrgenommene Arbeitskultur eine Rolle für die psychische Gesundheit und
das Hilfesuchverhalten der Mitarbeitenden spielt. Mitarbeitende benötigen
eine Kultur, die offene Kommunikation und Anerkennung der Arbeitsbelastung
fördert, mit einer geringeren psychischen Belastung verbunden ist und
erleichtert, die Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Prof. Dr. Weibelzahl.
Je positiver die Teilnehmenden die Arbeitskultur in ihrer Organisation
bewerteten, desto geringer war ihre psychische Belastung. „Eine positive
Arbeitskultur ist auch angesichts des sich weiter verschärfenden
Fachkräftemangels dringend geboten“, schlussfolgert Weibelzahl.

Über die Studie

Die Studie wurde von Mitte Juni bis Mitte August 2022 unter Mitarbeitenden
des Gesundheitswesens in staatlichen und privaten Einrichtungen des
Gesundheitswesens, wie Arztpraxen, Krankenhäusern und Rettungsdiensten, in
Deutschland und Österreich online durchgeführt (n=421).

Die Ergebnisse der Studie wurden in BMJ Open veröffentlicht, eine von
Experten begutachtete, frei zugängliche medizinische Fachzeitschrift, die
sich der Veröffentlichung medizinischer Forschung aus allen Disziplinen
und Therapiebereichen widmet. Reiter Julia, Weibelzahl Stephan, Duden
Gesa: Would’ve, could’ve, should’ve: a cross-sectional investigation of
whether and how healthcare staff’s working conditions and mental health
symptoms have changed throughout 3 pandemic years. BMJ Open 2024;
https://bmjopen.bmj.com/content/14/3/e076712.info