Landleben neu gestalten mit RURASMUS
Mit einem Auslandsemester bringen viele Studis vibrierende Metropolen und
kulturelle Epizentren in Verbindung. Doch statt dem Rausch der Großstadt
können sie auch die idyllische Stille eines Kulturzentrums wählen und
dafür Einblicke erhaschen, die es sonst nirgends gibt: Studierende der
Hochschule Coburg arbeiten in einer „Aufs Land Woche“ des RURASMUS-
Programms an Wohnkonzepten der Zukunft.
von Andreas Wolf
Ein Hochschul-Semester auf dem Land ist nicht nur was für Naturverliebte.
Für elf Studierende der Hochschule Coburg im 6. Semester Bachelor
Architektur ist es auch ein Lehr- und Gestaltungsauftrag. Dafür sind sie
aktuell für fünf Tage im Rahmen des „RURASMUS“-Programms zur Workshop-
Woche in der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl im
Salzkammergut. Der Projektname setzt sich aus den Worten „rural“
(ländlich) und „ERASMUS“, dem Förderprogramm der EU für
Auslandsaufenthalte von Studierenden, zusammen.
Doch statt an Universitäten und Hochschulen in großen Städten haben die
internationalen Studis ganz gezielt den Weg aufs ruhige Land gewählt, denn
genau dort finden sie die Probleme, die sie lösen lernen möchten:
leerstehende Gebäude, Mehrgenerationen-Wohnen, mangelnde Wohnmöglichkeiten
oder explodierende Wohnkosten sowie Tourismusorientierung im
Abwanderungsgebiet. „Neues Wohnen in ländlichen Räumen“ heißt das Projekt.
Wohnen wo sie wegziehen
Der Auftrag sei, Konzepte zu entwickeln, wie das Wohnen auf dem Land sich
weiterentwickeln muss, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken,
erklärt Mario Tvrtkovic, Professur für Städtebau und Entwerfen an der
Fakultät Design der Hochschule Coburg: „Das Aufs-Land-Semester verknüpft
die universitäre Ausbildung mit der Praxis und Aufenthalt in ländlichen
Räumen.“ Tvrtkovic war bereits mit einer anderen Studierendengruppe im
Salzkammergut. „Es ist eine Chance, das Leben im ländlichen Europa zu
verbessern. Ich habe mich sehr über den Austausch mit den Studierenden aus
den deutschen und österreichischen Universitäten und Hochschulen gefreut.
Die Eindrücke und Erfahrungen, wie wir zukunftsweisende Transformationen
in der Region leisten können, war inspirierend!“ Tvrtkovic ist Initiator
und Vorsitzende des Forschungsinstituts zur Förderung neuer Perspektiven
für das ländliche Europa.
Studis mitten im Gemeindeleben
Anders als in klassischen Auslandssemestern arbeiten die Studierenden eng
mit den Kommunen vor Ort zusammen und bekommen Einsichten und
Möglichkeiten, die es sonst nicht geben würde. Sie werden in das
Gemeindeleben eingebunden und erfahren so, wie durch Eigeninitiative Ideen
schnell umgesetzt werden können. Dabei setzen sie sich mit realen
Problemstellungen in einem Praxisprojekt mit betroffenen Menschen
auseinander.
Das ist dann für die Studierenden auch gleich zu Hause von Nutzen, sagt
Tarek Hansen: „Da ich selbst auf dem Land wohne, betrifft mich die
Thematik von RURASMUS und ich finde es spannend wie die Studierenden vor
Ort aufgenommen wurden. Ich wollte die Kommilitonen, die Menschen vor Ort
und die Region kennenlernen und konkret das Potenzial der dortigen
Sichelbauernhofstrukturen weiter ausnutzen und in diese neuen Wohnformen
etablieren.“
Für Jana Will war der Besuch eine Möglichkeit, das Thema Mehrgenerationen-
Wohnen oder ländliches Wohnen praktisch zu analysieren: „Vor Ort konnten
wir direkt mit den Bewohnern und Ansprechpersonen in einen Austausch
kommen und das Salzkammergut kennenlernen. Wir möchten bestehende
Strukturen auf ihre Chancen und Herausforderungen prüfen und diese mit
unserem Entwurf ergänzen und verbessern.“
Langfristig rural studieren
Für die Coburger war es der erste – aber noch nicht letzte Besuch: Die
Abschlusspräsentation findet am 30. Juni 2024 in Bad Ischl statt. Dort
werden die Ergebnisse des Workshops zusammen mit den Studierenden aus
anderen Hochschulen veröffentlicht, die ebenfalls das Salzkammergut
besucht haben. Dieser Kulturraum befindet sich in Österreich, am Nordrand
der Alpen. Die Kurstadt Bad Ischl ist mit nur 15.000 Einwohnern die
kleineste Kulturhauptstadt in diesem Jahr. Der Titel wird von der EU
jährlich an drei Städte vergeben, die sich durch besondere Vielfalt und
kulturelle Kreativität auszeichnen. Erstmalig haben sich jedoch mehrere
Gemeinden zusammengeschlossen, um diesen Titel zu tragen. Acht davon sind
Teil des RURASMUS-Projekts „Wohnen der Zukunft“ und somit Studienorte für
die Coburger Gäste. Dazu gehören neben der Kurstadt Altmünster, Bad
Mitterndorf, Ebensee, Gosau, Grundlsee, Steinbach am Attersee und St.
Konrad.
Professor Tvrtkovic hofft nun, dass diese Form des Auslandsemesters
langfristig ein fester Bestandteil des Studiums werden wird. Die Aussicht,
dass die jungen Architektur- und Design-Expertinnen und -Experten bald in
ländliche Kommunen aus ganz Europa reisen könnten, eröffne ein größeres
Spektrum an Bildungs-, Forschungs- und Projektmöglichkeiten.
