Mehr ausländische Fachkräfte dank Chancenkarte zum 1. Juni? Warum Deutschland dennoch unattraktiv bleibt
Dem Fachkräftemangel möchte die Bundesregierung mit der Chancenkarte
entgegenwirken. Doch kann sie dadurch die Zuwanderung von Fachkräften
fördern? "Die Chancenkarte ist der Einstieg in ein Punktesystem nach
kanadischem Vorbild und daher positiv zu bewerten“, sagt VDI-
Arbeitsmarktexperte Ingo Rauhut. „Es bleibt aber dabei:
Zuwanderungswillige Fachkräfte sehen sich mit einer Reihe hoher
bürokratischer Hürden konfrontiert, die eine Zuwanderung nach Deutschland
für sie nicht gerade attraktiv macht.“ Mit VDI-Xpand entwickelt der Verein
Deutscher Ingenieure in einem Pilotprojekt beispielhafte Wege, wie
zugewanderte Ingenieurinnen und Ingenieure dabei unterstützt werden
können.
Im täglichen Leben ist es überall spürbar: In Deutschland fehlen
Fachkräfte an allen Ecken und Enden. Die Gefahr ist groß, dass Unternehmen
deshalb wirtschaftliche Chancen nicht nutzen können, denn gerade bei
Fachkräften aus akademischen Berufen wie Ingenieurinnen und Ingenieuren
ist die Kluft zwischen Bedarf und Mangel besonders eklatant. So schwankt
die Zahl offener Stellen in den klassischen Ingenieurberufen laut VDI/IW-
Ingenieurmonitor um 160.000 - Tendenz steigend.
Expertinnen und Experten sehen in der qualifizierten Zuwanderung einen
wichtigen Baustein, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die
Bundesregierung hat nun entsprechend reagiert und mit der Chancenkarte
Voraussetzungen geschaffen, die die qualifizierte Zuwanderung erleichtern
sollen. Ab dem 1. Juni 2024 ist es für zuwanderungswillige Fachkräfte aus
Drittstaaten möglich, diese Chancenkarte zu beantragen.
Auf Grundlage der im Jahr 2019 erfolgten Novellierung des
Fachkräfteeinwanderungsgesetze
qualifizierte Zuwanderung aus Drittstaaten berufsübergreifend um bis zu
65.000 Personen pro Jahr gesteigert werden, so das erklärte Ziel der
Bundesregierung.
Punkte sammeln für den Erfolg
Wer die Chancenkarte beantragen möchte, muss bestimmte Voraussetzungen
erfüllen: Eine ausländische berufliche oder akademische Qualifikation, die
in Deutschland voll anerkannt ist, alternativ ein in Deutschland
erworbener Hochschul- oder Berufsabschluss oder eine im Herkunftsland
erfolgreich abgeschlossene, staatlich anerkannte berufliche oder
akademische Ausbildung von mindestens zweijähriger Dauer.
Kommen einfache Deutsch- oder gute Englischkenntnisse hinzu, besteht die
Möglichkeit, für weitere Kriterien, wie Anerkennung der Qualifikationen in
Deutschland oder Berufserfahrung mit Deutschlandbezug Punkte zu sammeln.
Andere Länder, wie beispielsweise Kanada praktizieren ein solches
Punktesystem schon erfolgreich - je mehr Punkte zusammenkommen, desto
größer sind die Erfolgsaussichten. Die Chancenkarte gilt zunächst für
maximal ein Jahr. In dieser Zeit muss der Lebensunterhalt nachweislich
gesichert sein.
Qualifizierung, Job oder Selbständigkeit
Mit der Chancenkarte sucht die zuwanderungswillige Fachkraft eine
Arbeitsstelle oder gründet eine selbstständige Existenz. In dieser Phase
sind mehrere Nebentätigkeiten, aber auch Probebeschäftigungen zulässig,
sofern sie dem Ziel dienen, eine qualifizierte Beschäftigung, Ausbildung
oder Qualifizierungsmaßnahme zu finden. Für Zugewanderte, die nach einem
Jahr noch nicht über einen anderen Aufenthaltstitel im Sinne des
Aufenthaltsgesetzes verfügen, aber ein Angebot für eine qualifizierte
Beschäftigung haben, kann die Chancenkarte um weitere zwei Jahre
verlängert werden.
„Die Chancenkarte ist der Einstieg in ein Punktesystem nach kanadischem
Vorbild und daher positiv zu bewerten“, sagt VDI-Arbeitsmarktexperte Ingo
Rauhut. „Es bleibt aber dabei: Zuwanderungswillige Fachkräfte sehen sich
mit einer Reihe hoher bürokratischer Hürden konfrontiert, die eine
Zuwanderung nach Deutschland für sie nicht gerade attraktiv macht.“
Mit VDI-Xpand die nächsten Hürden nehmen
Ist der neue Job gefunden oder die Selbstständigkeit auf den Weg gebracht,
stehen zugewanderte Fachkräfte vor der nächsten Herausforderung: der
Integration in Arbeitswelt und Gesellschaft.
Mit VDI-Xpand entwickelt der VDI in einem Pilotprojekt beispielhafte Wege,
wie zugewanderte Ingenieurinnen und Ingenieure dabei unterstützt werden
können. Kernstück ist ein Mentoring-Programm, in dem qualifizierten
Zugewanderten berufserfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure aus dem Kreis
der VDI-Mitglieder zur Seite gestellt werden. Das Mentoring wird nach
fachlichen Kriterien gematcht und findet überwiegend online statt. Weitere
ergänzende Angebote erhalten die Zugewanderten vor Ort in den VDI-
Bezirksvereinen.
Das Pilotprojekt VDI-Xpand ist Teil des Regionalen Integrationsnetzwerks
IQ RIN NRW-West im Förderprogramm „IQ - Integration durch Qualifizierung“.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union
fördern dieses Netzwerk aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF
Plus). Partner bei der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung
und Forschung und die Bundesagentur für Arbeit, die Verwaltung liegt beim
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
