Aktionstag gegen den Schmerz: DGAI setzt sich für Behandlung von Schmerzpatienten ein
Anlässlich des heutigen bundesweiten „Aktionstages gegen den
Schmerz“ betont die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und
Intensivmedizin e.V. (DGAI) die bedeutende Rolle der Schmerzmedizin
innerhalb des Fachgebiets der Anästhesiologie. Die Schmerzmedizin, eine
der fünf Säulen des Fachgebiets, hat eine lange Tradition in der
Anästhesiologie, aus der sie maßgeblich entstand und in der sie
kontinuierlich weiterentwickelt wird, um den Bedürfnissen von Patientinnen
und Patienten gerecht zu werden. Dennoch wird das aufgrund der
gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger.
Chronische Schmerzen betreffen in Deutschland Millionen von Menschen und
haben erhebliche Auswirkungen auf deren Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit
und Existenzgrundlage. Konkret berichten 23 Millionen Deutsche, also rund
28 Prozent der Bevölkerung, von chronischen Schmerzen. Legt man den Grad
der Beeinträchtigung durch diese Schmerzen als Maßstab an, erfüllen sechs
Millionen Deutsche die Kriterien für chronische, nicht tumorbedingte,
beeinträchtigende Schmerzen. Immerhin 2,2 Millionen Deutsche sind
schmerzbedingt zudem erheblich psychisch belastet.
Nicht zuletzt deshalb erfordern chronische Schmerzen spezialisierte und
interdisziplinäre Therapieansätze, die maßgeblich von Fachärztinnen und
Fachärzten für Anästhesiologie vorangetrieben werden. In Deutschland
stellen sie dementsprechend den größten Anteil der ärztlichen Spezialisten
in schmerzmedizinischen Praxen, Schmerzambulanzen sowie in stationärer und
teilstationärer Behandlung im Rahmen interdisziplinärer, multimodaler
Therapieprogramme. Entscheidend für den Erfolg der Schmerzbehandlung ist
dabei das Zusammenwirken der verschiedenen Therapieverfahren und
beteiligten Fachdisziplinen. Notwendig ist deshalb ein strukturierter
Austausch über jeden Patienten in den Behandlungsteams, um gemeinsame
Therapieziele festzulegen und die Behandlung koordiniert und individuell
abgestimmt auszurichten.
Schmerztherapeut frühzeitig einbinden, um Chronifizierung zu vermeiden
Ein entscheidender Aspekt bei der Behandlung chronischer Schmerzen ist
zudem die frühe Einbindung von Schmerztherapeuten. Die möglichst zeitige
Behandlung von wiederkehrenden Schmerzen, bevor sie chronisch werden, ist
entscheidend. Im Idealfall sollten hier präventive Konzepte, die auf einem
ganzheitlichen Ansatz aus Medizin, Psychologie und Physiotherapie beruhen,
zum Einsatz kommen. „Es ist wichtig, Personen mit einem erhöhten Risiko
für die Entwicklung einer chronischen Schmerzerkrankung frühzeitig zu
identifizieren und gezielt schmerzmedizinisch zu behandeln“, betont Prof.
Dr. Joachim Erlenwein, Sprecher der Sektion Schmerzmedizin der DGAI.
Die DGAI als Fachgesellschaft, die Sektion Schmerzmedizin sowie der
Wissenschaftliche Arbeitskreis Schmerzmedizin innerhalb der DGAI setzen
sich gemeinsam mit ihren Partnerverbänden dafür ein, dass Patientinnen und
Patienten Zugang zu solchen hochwertigen und individualisierten
Schmerztherapien haben – und machen auf Probleme aufmerksam: Insgesamt
besteht ein erheblicher Bedarf an mehr niedergelassenen
Schmerztherapeutinnen und Schmerztherapeuten. Bezogen auf die maximale
Zahl der Fälle, die durch derzeit ca. 1.200 niedergelassene spezialisierte
ärztliche Schmerztherapeutinnen und -therapeuten behandelt werden, ist
bestenfalls eine Versorgung von ca. einer halben Million Betroffener
gewährleistet.
Der Bedarf ist jedoch deutlich höher. Hinzu kommt, dass gerade die
derzeitige gesundheitspolitische Diskussion rund um die Krankenhausreform
mit ihrer unklaren Perspektive für die Schmerzmedizin und die
Insolvenzwelle von Krankenhäusern dazu führt, dass schmerzmedizinische
Versorgungsangebote bedroht sind oder geschlossen werden.
Zu wenige ambulante Angebote in der Fläche
Berücksichtigt man außerdem, dass die Patientinnen und Patienten durch
ihre Belastung meist auch in der Mobilität eingeschränkt sind, wird
besonders deutlich, dass für die zukünftige Planung der Versorgung von
Schmerzpatientinnen und -patienten auch die realistische Erreichbarkeit
der Angebote betrachtet und diskutiert werden muss. Vollstationäre
interdisziplinäre multimodale Schmerzbehandlung sei zwar aktuell in ca.
380 Einrichtungen verfügbar, so Professor Erlenwein, es müsse aber bedacht
werden, dass für den Großteil der Menschen mit chronischen Schmerzen
sicherlich keine medizinischen Gründe eine vollstationäre Behandlung
rechtfertigen würden.
Ein Blick auf die Zahlen der alternativen Angebote verdeutlicht das
Dilemma: Für Deutschland besteht die größte regionale
Versorgungsheterogenität in der Verfügbarkeit von Schmerztageskliniken.
Von den etwa gut 90 Schmerztageskliniken liegen immerhin 45 Prozent in
Bayern. Für Menschen aus etwa 50 Prozent der Wohnorte in Deutschland ist
es schon aufgrund der Entfernung schlicht nicht möglich, täglich eine
Schmerztagesklinik zu erreichen.
Auch die gesundheitspolitische Diskussion einer Ambulantisierung sei für
die schmerzmedizinische Versorgung ein zweischneidiges Schwert, so
Professor Erlenwein. Auf der einen Seite könnten mehr regional verteilte
Anbieter die Erreichbarkeit verbessern. Allerdings liefe dies sämtlichen
Bemühungen anderer medizinischer Bereiche entgegen – und natürlich auch
den Zielen der aktuellen Krankenhausreform, für die gilt: Qualität vor
Masse.
Politik muss aktiver handeln, um Schmerzpatienten nicht allein zu lassen
„Für mich persönlich ist es völlig widersprüchlich, dass man in einem
Versorgungsangebot mit hochkomplexen Patientinnen und Patienten und
hochkomplexer therapeutischer Versorgung diskutiert, eine Ambulantisierung
anzustreben und damit mehr in die Breite zu gehen, während man in anderen
Bereichen eher auf Qualität durch Routine und häufige Umsetzung von
Therapieverfahren setzt“, erklärt Erlenwein und fragt: „Warum geht man
nicht eher den Weg, Lösungen zu finden – zum Beispiel, die Betroffenen in
weniger, aber dafür hochspezialisierte und routinierte Zentren zu bringen,
um eine möglichst gute Versorgungsqualität zu erreichen?“ Wenn
Sektorengrenzen überwunden und Übernachtungen im Krankenhaus reduziert
werden sollten, könnte man auch andere Wege gehen, Menschen eine
Unterbringung nahe des Behandlungsstandorts zu ermöglichen.
Zudem wäre es sinnvoller, wirklich flächendeckend Schmerztageskliniken
anzubieten. Die Politik, so der Schmerzexperte, müsse hier deutlich
aktiver handeln, um die vielen betroffenen Menschen nicht mit ihrem Leid
alleine zu lassen.
Gerne stehen die Expertinnen und Experten der Sektion Schmerzmedizin der
DGAI für Rückfragen und vertiefende Informationen zur Verfügung.
Kontaktieren Sie uns und wir vermitteln gern Kontakt zu bundesweiten
Schmerzexpertinnen und -experten für Ihre Fragen.
Um die schmerzmedizinische Fortbildung und Forschung voranzutreiben,
veranstaltet die DGAI ihre Wissenschaftlichen Arbeitstage Schmerzmedizin
am 7. und 8. Juni 2024 in Göttingen.
