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Neue Daten zeigen: Schmerzmedizin in Deutschland oft unerreichbar - Millionen Menschen mit Schmerz unterversorgt

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Eine noch unveröffentlichte Analyse hat erstmals sämtliche Standorte teil-
und vollstationärer schmerzmedizinischer Angebote in Deutschland kartiert.
Das Ergebnis ist ernüchternd: Für viele chronische Schmerzpatientinnen und
-patienten bleibt eine adäquate Versorgung unerreichbar. Auf der heutigen
Pressekonferenz zum Aktionstag gegen den Schmerz präsentierten Experten
der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. die wichtigsten Daten aus der
Studie und ordneten die Erkenntnisse daraus in die derzeitigen Pläne der
Krankenhausreform ein.

Chronisch Schmerzkranke sind oft stark in ihrer Mobilität eingeschränkt.
Die tägliche Fahrt zur Therapie wird zur unüberwindbaren Hürde, die die
ohnehin schon belasteten Patientinnen und -patienten zusätzlich erschöpft
und die Therapieerfolge konterkariert. „Viele Betroffene können ein
interdisziplinär multimodales Therapieangebot (IMST) nicht in Anspruch
nehmen, wenn sie zu weit weg wohnen, kein Auto haben, zu wenig Geld für
tägliche Anfahrten und Parkgebühren, keine angmessen Anbindung an den
öffentlichen Nahverkehr haben, oder schlichtweg im Rahmen ihrer Erkrankung
zu erschöpft sind, um häufige Fahrten zu schaffen“, gibt Professor Dr.
med. Frank Petzke, Präsidiumsmitglied der Deutschen Schmerzgesellschaft
e.V., zu bedenken. „Zur Überprüfung der realistischen Versorgungslage ist
es daher wichtig, Daten zu erheben, die nicht nur die
Versorgungsstrukturen, sondern auch realistische Erreichbarkeit
entsprechender Einrichtungen aus Patientenperspektive aufzeigen.“ Das sei
mit der aktuellen noch unveröffentlichten Studie gelungen.

Unerreichbare und zu wenige Therapiezentren – ein Versorgungsproblem

In der Untersuchung wurden für 1.000 Modellpatienten in Deutschland die
Fahrzeiten zu den nächstgelegenen schmerzmedizinischen Einrichtungen
analysiert. Hier ergaben sich besonders für teilstationäre Einrichtungen
wie Schmerztageskliniken und universitäre Schmerzambulanzen erschreckende
Zahlen. Insbesondere mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für 68 bis 75
Prozent der Betroffenen der Weg nur unrealistisch zu bewältigen.

Wesentliche Zahlen der Studie im Überblick:

•Universitäre Schmerzambulanzen: Etwa 48 km einfache Anfahrtsstrecke, bis
maximal 161 km. Für die Anfahrt mit dem Auto in 70 Prozent kritisch und in
49 Prozent nicht realistisch, bei Anreise mit ÖPV in 80 Prozent kritisch,
in 68 Prozent nicht realistisch.
•388 vollstationäre Einrichtungen (davon 259 mit >75 Patienten/Jahr
analysiert): Durchschnittlich 26 km vom Wohnort entfernt, mit Extremwerten
bis zu 244 km. Für Anfahrt mit dem Auto in 39 Prozent kritisch und in 14
Prozent nicht realistisch, bei Anreise mit ÖPV in 61 Prozent kritisch, in
48 Prozent nicht realistisch. Hier stellt sich auch das Problem der
Begründung für die Notwendigkeit einer vollstationären Behandlung, die
nicht für alle Patienten mit dringlichem Therapiebedarf gegeben ist.
Fehlende Erreichbarkeit von Alternativen ist keine ausreichende
Begründung.
•93 teilstationäre Schmerztageskliniken (fast die Hälfte davon liegt in
Bayern): Im Durchschnitt 51 km entfernt, maximal 237 km. Für Anfahrt mit
dem Auto in 68 Prozent kritisch und in 49 Prozent nicht realistisch, bei
Anreise mit ÖPV in 83 Prozent kritisch, in 75 Prozent nicht realistisch.
•1.089 ambulante spezialisierte schmerzmedizinische Einrichtungen: Im
Durchschnitt 13 Minuten bzw. 13 km entfernt.

Die ambulante, spezialisierte Basisversorgung ist bei weitem zahlenmäßig
nicht ausreichend, um die Menge der Schmerzpatienten ambulant
„aufzufangen“. Im Zuge der Versorgungsengpässe haben die kassenärztlichen
Vereinigungen die Fallzahlen in der Versorgung von niedergelassenen,
ambulant tätigen spezialisierten Schmerzmediziniern schon sehr großzügig
nach oben gesetzt – auch wenn dies die Behandlungsqualität einschränkt.
Rechnet man auf die  identifizierten Behandelnden diese erhöhten
Fallzahlen hoch, würde dies in Deutschland die Versorgung von maximal rund
einer halben Million Menschen mit chronischen Schmerzen ermöglichen. „Doch
tatsächlich haben wir bis zu  6 Millionen Betroffene, die eine
hochspezialisierte ambulante Schmerztherapie benötigen. Daran wird das
Versorgungsdefizit sehr deutlich“, erklärt Petzke, Leiter der Abteilung
Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum
Göttingen.. Zur oft schlechten Erreichbarkeit komme also noch das
mangelhafte Versorgungsangebot in der Fläche hinzu. Eine ambulante
leitliniengerechte Therapie ist somit oft nicht oder nur schwierig
umsetzbar. Insbesondere interdisziplinär ausgerichtete ambulante
Behandlungsangebote sind in der aktuellen Versorgungsstrultur gar nicht
vorgesehen. Bis zu 60 Prozent der aktuell niedergelassenen
Schmerztherapeutinnen und-therapeuten werden in den nächsten 10 Jahren aus
der Versorgung ausscheiden.

Auch die Krankenhausreform der Bundesregierung wird hier, wie es derzeit
aussieht, leider zu keiner positiven Veränderung beitragen. Im Gegenteil:
„Da Schmerz keine eigenen „Leistungsgruppe“ mit eigenen Vorhaltepauschalen
und einer Planungsperspektive in der aktuellen Krankenhausreform wird,
drohen insbesondere nötige spezialisierte Zentren weiter wegzufallen und
sich die ohnehin schon sehr ausgedünnte Versorgung für Schmerzpatientinnen
und -patienten weiter zu verschlechtern“, so  Petzke. Es fehlen gute
Versorgungsstrukturen und eine flächendeckende Schmerzexpertise.

Auf dieses Problem weist auch der aktuelle Beschluss des Deutschen
Ärztetages (Mainz 7.05. bis 10.05.2024) hin: „…in den Plänen der
Bundesregierung zur Klinikreform ist eine Förderung der spezialisierten
Schmerzmedizin bisher nicht vorgesehen. Eine interdisziplinäre
multimodale Schmerztherapie wird aktuell in rund 450 Kliniken
durchgeführt. Aktuell kommt es bereits zu Schließungen
schmerzmedizinischer Einrichtungen, Neuplanungen werden eingestellt (…)
Die teil- und vollstationäre schmerzmedizinische Versorgung ist ebenso
wie eine umfassende ambulante Betreuung unerlässlich für eine
Gewährleistung der Versorgungssicherheit von chronischen Schmerzpatienten
in Deutschland.“

„Die Zahl der Schließungen schmerzmedizinischer Einrichtungen und die
fehlende Planungsperspektive sind alarmierend in Anbetracht steigender
Zahlen von Betroffenen und der notwendigen Sicherung der Ausbildung
zukünftiger Schmerzspezialisten", kritisiert Petzke. „Wir fordern die
Bundesregierung, die Fraktionen des Deutschen Bundestags und alle an der
Krankenhausreform beteiligten Akteure auf Bundes- und Landesebene dazu
auf, die Strukturen der Schmerzmedizin zu stärken, statt zu schwächen“
ergänzt Petzke. „Dazu bedarf es unter anderem die Einführung einer eigenen
Leistungsgruppe der `Interdisziplinären multimodalen Schmerzmedizin‘ mit
entsprechenden Qualitätsvorgaben und Vorhaltepauschalen bei der
Krankenhausreform!“

Zur Deutschen Schmerzgesellschaft e. V.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. ist mit über 3500 persönlichen
Mitgliedern die größte wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft im
Bereich Schmerz in Europa. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. ist
Mitglied der IASP (International Association for the Study of Pain) sowie
der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften). Sie ist zudem die interdisziplinäre
Schmerzdachgesellschaft von derzeit 19 mitgliederstarken weiteren
medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften im Bereich Schmerz.
Diese Perspektive wird zudem erweitert durch die institutionelle
korrespondierende Mitgliedschaft der Vereinigung aktiver Schmerzpatienten
SchmerzLOS e. V. in der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V.
Die Mitglieder der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. sind
interdisziplinär und interprofessionell aufgestellt und bestehen aus
Schmerzexpertinnen und -experten aus Praxis, Klinik, Psychologen, Pflege,
Physiotherapie u. a. sowie wissenschaftlich ausgewiesenen
Schmerzforscherinnen und -forschern aus Forschung, Hochschule und Lehre.