EU-Wahl 2024: "Wir müssen aufpassen, dass Medizin und Wissenschaft nicht politisiert oder instrumentalisiert werden."
Anlässlich der heute beginnenden EU-Wahl 2024 erklärt der Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin
(DGKL), Harald Renz, warum Brüssel in Zukunft auf mehr Transparenz setzen
muss - und weswegen Medizin und Wissenschaft das Thema "Dual Use" ganz
oben auf die Agenda setzen sollten. Der Mediziner Renz ist Direktor sowie
Professor am Institut für Labormedizin und Pathobiochemie, Molekulare
Diagnostik der Philipps Universität Marburg.
DGKL News: Herr Prof. Renz, gehen Sie am 9. Juni zur Wahl?
Renz: Selbstverständlich, das ist demokratische Ehrensache!
DGKL News: Wählen zu gehen, ist zweifelsohne wichtig, nur: Warum sollte
man das als Labormediziner aus Deutschland tun?
Renz: Neben vielen anderen Gründen müssen wir realisieren, dass auch die
Labormedizin zunehmend EU-weit geregelt wird. Lösungen auf nationaler
Ebene nehmen ab. Auch deswegen ist EU für uns wichtig.
DGKL News: Trotzdem kann man den Eindruck gewinnen, die EU kümmere sich im
Bereich der Gesundheitspolitik eher marginal um die Belange der Branche.
Die Zahlen jedenfalls sprechen für sich: Ende 2020 hat die Europäische
Kommission beschlossen, die sogenannte Gesundheitsunion aufzubauen.
Finanziert wird das Vorhaben durch das Programm EU4Health. Dafür stehen
zwischen 2021 und 2027 gerade Mal 5,3 Milliarden Euro zur Verfügung. Wie
kommt Ihnen diese Summe, verglichen mit anderen Ausgaben der EU, vor?
Renz: Ehrlich gesagt, ist selbst für mich schwer in Erfahrung zu bringen,
was die EU alles fördert, plant und unterstützt. Wir brauchen eine bessere
Transparenz und Übersicht über jene Themen, welche die EU abdeckt. Bei den
Programmen, die EU-weit auferlegt werden, verhält es sich ähnlich.
DGKL News: Warum können wir auf Transparenz nicht verzichten?
Renz: Ganz einfach: Wir benötigen mehr Transparenz um zu erkennen, wie
diese Programme konkret genutzt werden können, um bestimmte Projekte in
der Labormedizin auch hierzulande voranzubringen.
DGKL News: Was den meisten Politikern gar nicht bewusst ist, dürfte die
Systemrelevanz der Labormedizin sein. Was passiert konkret, wenn - rein
theoretisch - EU weit alle Medizinlabore für eine ganze Woche ausfallen
würden?
Renz: Stellen Sie die nächste Frage, denn daran möchte ich gar nicht
denken! Eine Woche europaweit keine in-vitro-Diagnostik, unvorstellbar!
Das System der Gesundheitsversorgung, auch in der Notfallmedizin, würde
zusammenbrechen.
DGKL News: Nun ist das sicherlich lediglich ein Worst-Case-Szenario. Doch
welche Forderung hätten Sie an die Adresse der EU-Kommission, um den
Blackout im Gesundheitswesen zu verhindern?
Renz: Um einen Blackout zu verhindern, braucht es Vorsorge. Das haben wir
in der Pandemie gesehen. Hier muss natürlich kritisch diskutiert werden,
bis zu welchem Grad Vorsorge betrieben werden kann und muss. Aber allein
schon diese Diskussion wäre extrem hilfreich, denn auch hier werden
deutschlandweite Insellösungen nicht weiterhelfen.
DGKL News: Problematisch dürfte sein, dass die EU-Kommission derzeit viel
mit sich selbst zu tun hat. Die EU-Generalanwältin Laura Kövesi ermittelt
gegen Ursula von der Leyen, wobei auch hier natürlich zunächst die
Unschuldsvermutung gilt. Trotzdem: Hat die Kommissionschefin durch die
SMS-Affäre nicht die gesamte Gesundheitsbranche in eine peinliche Lage
gebracht?
Renz: Was diese SMS-Affäre anbelangt, muss zunächst einmal die Faktenlage
geklärt werden. Ich möchte mich hier mit einer Bewertung vorerst
zurückhalten, bis auch hier mehr Transparenz und Klarheit existiert.
DGKL News: Schwärzungen von Dokumenten oder verschwundene SMS dienen nicht
dem Interesse der Pharmahersteller, sondern in erster Linie dem
Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Was sollte die EU nach der Wahl in
diesem Bereich besser machen?
Renz: Eine Art Verhaltenscodex gibt es ja schon für Parlamentarier, deren
Mitarbeiter und für EU-Beamte. Jedoch – und das ist genauso der Fall auf
Ebene des Deutschen Bundestages - muss das Ganze transparent gehandhabt
werden.
DGKL News: Das klingt sehr theoretisch….
Renz: …was es nicht ist. Denn für die Bevölkerung müssen die
Entscheidungen und Vorgänge völlig durchsichtig sein. Brüssel ist für die
meisten Menschen „weit weg“. Da kann es schon mal sein, dass die Prozesse
in Brüssel „zu Hause“ gar nicht in der Öffentlichkeit ankommen.
DGKL News: Was von der Öffentlichkeit als Selbstverständlichkeit
wahrgenommen wurde und wirklich bestens funktionierte, war die
Labordiagnostik während der Pandemie. Wie haben Sie das als Branche
geschafft, neben Millionen von Coronatests auch noch die "normale"
Labordiagnostik zu stemmen?
Renz: Die Pandemie hat in der Labormedizin zu einer drastischen
Umorientierung geführt. Die Vorgänge waren komplex. Natürlich stand
zunächst einmal die Akutversorgung der Erkrankten mit Labortests,
einschließlich Corona-Tests, im Mittelpunkt. Dann haben wir beispielsweise
in den Krankenhäusern gesehen, dass bestimmte Patientengruppen weniger zu
Untersuchungen kamen. Dadurch fiel in diesen Bereichen weniger Diagnostik
an. Zudem mussten wir auch mit den eigenen Personalausfällen kämpfen.
DGKL News: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Renz: Dass wir innerhalb der Labormedizin als medizinische Fachdisziplin
äußerst versatil und agil sind. Wir sind außerordentlich beweglich
aufgestellt und können uns in kürzester Zeit auf neue Herausforderungen
einstellen. Das erfüllt mich mit enormen Stolz für unsere Fachgruppe!
DGKL News: Müsste dann nicht ein Vertreter oder eine Vertreterin der
Labormedizin in Brüssel sitzen?
Renz: Wir brauchen in Brüssel sicherlich noch ein besseres Lobbying. Hier
müssten wir auch als Deutsche Fachgesellschaft - das merke ich ganz
selbstkritisch an - uns noch besser aufstellen. Natürlich gemeinsam mit
der Europäischen Fachgesellschaft.
DGKL News: Derzeit stehen ja wichtige Vorhaben auf der Agenda. Der
europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) beispielsweise. Wie tangiert der
die Labormedizin?
Renz: Zu den wichtigsten Gesundheitsdaten zählen die Labordaten. Diese
verfügbar zu machen, ist eine Herkulesaufgabe. Das sehen wir, wenn es
darum geht, Labordaten aus einzelnen Forschungsprojekten
standortübergreifend innerhalb von Deutschland auf einen Nenner zu
bringen. Dieser Aufgabe sollten wir uns stellen.
DGKL News: Die EU wäre aber nicht die EU, wenn sinnvolle Vorhaben nicht
durch eine enorme Bürokratie flankiert würden. Haben Labormediziner im
Alltag die Zeit, um alle Vorschriften lesen zu können?
Renz: Die einzelnen Labormediziner sind damit sicherlich überfordert. Und
haben auch gar nicht die Zeit oder die Ressourcen dafür. Woher soll man
also all diese Informationen beziehen?
DGKL News: Ihre Frage ist gut. Also stellen wir sie: Woher sollen
Labormediziner die nötigen Informationen beziehen? Der Web-Auftritt der EU
bereitet selbst uns als investigative Journalisten gewisse
Schwierigkeiten. Schnell findet man dort so gut wie nichts.
Renz: Ich könnte mir vorstellen, dass wir hier über die DGKL ein
Informationsportal mittelfristig aufbauen könnten.
DGKL News: Wenn wir uns heute die politische Landschaft in Deutschland und
in der EU ansehen, erkennen wir vor allem eine Spaltung. Gibt es auch
innerhalb der Labormedizin Fissuren?
Renz: Bisher nehme ich keine Spaltung in der Labormedizin wahr. Aber
natürlich gibt es auch innerhalb der Labormedizin bestimmte Gruppen, die
bestimmte Interessen verfolgen. Das ist legitim. Wichtig dabei ist, dass
wir einen guten Interessensausgleich hinbekommen. Beispielsweise zwischen
Laborärzten, die mehr im Krankenhaus sind und jenen, die mehr in der
Praxis tätig sind. Ein weiterer Aspekt: Wir müssen auch den kleineren,
labormedizinischen Einheiten noch „Luft zum Atmen“ lassen, und auf eine
starke Regionalisierung setzen.
DGKL News: Wir gehören, ebenso wie Sie, einer Generation an, die den
Kalten Krieg bewusst miterlebte. Wir selbst auf der einen Seite des
damaligen Eisernen Vorhangs, Sie auf der anderen. Heute haben wir das
Gefühl, das man damals - trotz aller Bedrohungen und Kriege - zumindest
auf wissenschaftlicher und medizinischer Ebene stets einen respektvollen
Dialog führte, und zwar jenseits von Ideologien und Grenzen. Was ist heute
schiefgelaufen?
Renz: Wir müssen aufpassen, dass Medizin und Wissenschaft nicht
politisiert oder instrumentalisiert werden. Natürlich ist es bedauerlich,
dass der internationale Austausch mit bestimmten Ländern nicht mehr so
funktioniert, wie wir das noch vor ganz kurzer Zeit kannten. Ich denke
dabei beispielsweise an China und Russland, aus naheliegenden Gründen.
DGKL News: Worauf müssen Mediziner heute im Umgang mit diesen Staaten
achten?
Renz: Ich möchte auf eine wichtige Thematik hinweisen: Der „ Dual-Use“ von
Forschungsergebnissen. Als Wissenschaftler muss man selbstkritisch die
Frage stellen, ob die eigenen Forschungsergebnisse gegebenenfalls von
anderen zweckentfremdet und missbraucht werden könnten – etwa im Sinne
einer militärischen Anwendung. Das ist für Deutschland eine relativ neue
Diskussion, die vor allen Dingen an den Universitäten und in den
Forschungseinrichtungen geführt wird. Das halte ich für sehr wichtig.
DGKL News: Die Polarisierung der Gesellschaft hat demnach auch die
akademischen Bereiche erfasst?
Renz: Ich würde das nicht als Polarisierung bezeichnen. Es ist im Grunde
genommen die selbstbewusste Antwort auf das, was um uns herum in der Welt
passiert.
DGKL News: Wobei wir neulich darüber berichten mussten, dass Anfeindungen
gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmen. Wie wollen Sie
Menschen mit Argumenten überzeugen, wenn diese gar nicht gewillt sind, zu
reflektieren?
Renz: Anfeindungen aus ethischen, religiösen und anderen Gründen sind
strikt abzulehnen. Wir sind eine offene Gesellschaft, die auf
demokratische Grundwerte baut. Grade haben wir 75 Jahre Grundgesetz
gefeiert. Hier heißt es auch für Labormediziner: Haltung zeigen!
DGKL News: Zum Schluss noch die Bitte um eine ganz unpolitische Europa-
Prognose: Wer gewinnt die Fußball EM 2024?
Renz: Deutschland selbstverständlich!
DGKL News: Herr Prof. Renz, vielen Dank für Ihre Zeit.
Die Fragen stellten Marita Vollborn und Vlad Georgescu.
Abdruck bei Nennung der Quelle (www.dgkl.de) honorarfrei.
