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Familien in Wohnungsnot – eine wenig beachtete Lebenslage

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Ein landesweites Forschungsprojekt der Hochschule Esslingen hat die
Situation von wohnungslosen Familienhaushalten betrachtet und fünf
Handlungsempfehlungen aufgestellt. Öffentlicher Fachtag am 18. Juni mit
rund 200 Expertinnen und Experten

Das Statistische Bundesamt meldete im Jahr 2023, dass in Baden-Württemberg
76.510 wohnungslose Personen in Kommunen untergebracht wurden. In Zeiten
von Inflation, Kriegen und nicht vorhandenem bezahlbarem Wohnraum sind
immer häufiger Familienhaushalte von Wohnungslosigkeit betroffen. Dabei
ist die Unterkunftssituation wohnungsloser Familien alarmierend: Knapp 60
Prozent leben bei Familienangehörigen, Partnern und Bekannten in prekären
Mit-Wohnverhältnissen. Die zweite Wohnmöglichkeit sind Notunterkünfte bzw.
eine ordnungsrechtliche Unterbringung, zu der alle Gemeinden verpflichtet
sind. Die Hälfte der dort untergebrachten Personen ist unter 25 Jahre alt,
Tendenz steigend.

In einem Forschungsprojekt hat sich die Hochschule Esslingen seit Dezember
2021 mit „Familien in Wohnungslosigkeit“ beschäftigt und ein gleichnamiges
Förderprogramm des baden-württembergischen Ministeriums für Soziales,
Gesundheit und Integration wissenschaftlich begleitet.

Ziel der wissenschaftlichen Begleitung unter der Leitung von Professorin
Dr.in Claudia Daigler ist es, Erkenntnisse zur Lebens- und
Versorgungssituation von Familien in Wohnungslosigkeit zu gewinnen. Zudem
möchten die Wissenschaftler:innen Aussagen dazu zu treffen, welche Impulse
durch das Förderprogramm in verschiedenen Kommunen gegeben werden konnten.

Was sind die Ergebnisse?

Das Projektteam hat fünf Handlungsempfehlungen gegeben:

1.      Prävention ist sehr wichtig: Kommunen sollten sich verstärkt
bemühen, Wohnraum zu erhalten und zu sichern.
2.      Niederschwellige Angebote werden benötigt – dazu gehören
beispielsweise Sozialarbeiter:innen, die in Unterkünfte gehen.
3.      Die Wohnungsnotfall-Hilfe muss sich für die Zielgruppe Familien
öffnen.
4.      Die Jugendhilfe ist bisher außen vor. Sie müsste gerade in
Notunterkünften viel präsenter sein und niederschwelliger helfen.
5.      Die Nachhaltigkeit der Angebote muss gesichert sein. Dazu gehören
eine besser ausgestattete Sozialplanung in den Kommunen ebenso wie mehr
bezahlbarer Wohnraum.

Wie sind die Wissenschaftler:innen vorgegangen?

In dem 2,5 Jahre dauernden landesweiten Forschungsprojekt, das das
Sozialministerium mit 115.000 Euro gefördert hat, haben die
Wissenschaftler:innen mit 20 Kommunen zusammen gearbeitet. Dazu gehören
große Städte wie Stuttgart und Mannheim. Aber auch mittlere und kleine
Städte waren dabei wie beispielsweise Kirchheim/Teck, Ostfildern,
Ludwigsburg, Böblingen, Reutlingen, Tübingen und Offenburg.

Die Professorin und ihr Team haben Gruppen-Interviews geführt, Fragebögen
ausfüllen lassen, Austauschforen organisiert und zudem mit vielen
Akteurinnen und Akteuren persönlich gesprochen. Im Projekt waren
Studierende der Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege der Hochschule
Esslingen eingebunden. Zudem hat die studentische Mitarbeiterin Maja
Mörgenthaler bei dem Projekt unterstützt.

Welche Gründe gibt es für Wohnungslosigkeit von Familien?

Die Gründe sind vielfältig: Trennung, Scheidung, Flucht, Arbeitslosigkeit
und Krankheit gehören genauso dazu wie Verschuldung oder
Eigenbedarfskündigungen.

„Wichtiges Thema rückt in den Fokus der Öffentlichkeit“

Prof. Christof Wolfmaier, Rektor der Hochschule Esslingen: „Es ist
erschreckend, dass in unserem reichen Land so viele Familien in prekärer
Situation leben und diese Lebenslage bisher so wenig betrachtet wird. Umso
wichtiger ist es, dass wir als Hochschule Esslingen mit einer stark
aufgestellten Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege ein
Förderprogramm wissenschaftlich begleiten. Mit unserer Forschung rücken
wir das wichtige Thema Familien in Wohnungsnot ein großes Stück mehr in
den Fokus der Öffentlichkeit.“

Professorin Dr.in Claudia Daigler, Projektleiterin: „Mit unserer Forschung
ist es uns gelungen, nicht nur wichtige Antworten zu erhalten und ein
Förderprogramm auszuwerten. Sondern wir haben auch viele Akteurinnen und
Akteure an einen Tisch bekommen. Denn für die Lösung des Problems sind
gesamtheitliche Konzepte in den Kommunen notwendig. Dazu gehören eine
politisch gestärkte, ausreichend ausgestattete Sozialplanung, die mit
Stadt- und Bauplanung, mit Jugendhilfeplanung, Gesundheitswesen und
Immobilienwirtschaft zusammenarbeitet.“

Wie geht es weiter?

Das Projekt wird an dem Fachtag „Familien in Wohnungsnot“ der
Öffentlichkeit vorgestellt. Dieser findet am Dienstag, 18. Juni, von 9:30
bis 17:00 Uhr, an der Hochschule Esslingen, Campus Esslingen
Flandernstraße, Gebäude 1, Aula, statt. In einem umfangreichen Programm
mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden sprechen Lehrende,
Studierende und Expert:innen über das Thema.