Würzburgs Antikenschätze in Gefahr: Museum startet Spendenaufruf
Der Antikensammlung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg
droht der Verlust zahlreicher bedeutender Leihgaben. Aus diesem Grund
haben die Verantwortlichen jetzt eine Spendenaktion gestartet.
Es ist ein Szenario, das kein Museumsleiter erleben möchte: Ein
Sammlerpaar hat seinem Museum über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder
kostbare Stücke als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Jetzt – nach
dem Tod der beiden – meldet sich ein Nachkomme und verlangt die Objekte
zurück. Er möchte sein Erbe zu Geld machen; dem Museum räumt er großzügig
ein Vorkaufsrecht ein.
Jochen Griesbach-Scriba hat genau das erlebt. Griesbach-Scriba ist
Direktor der Antikensammlung des Martin von Wagner Museums der Universität
Würzburg. Die entsprechende Nachricht hat er vor gut einem Jahr erhalten –
keine gute Nachricht. „Es wäre ein enormer Verlust für die
Antikensammlung, den ich nicht kompensieren kann“, sagt er. Viele dieser
Dauerleihgaben würden als Schlüsselobjekte für kulturelle Zusammenhänge in
Ausstellungen und Führungen gezeigt, von manchen von ihnen gibt es
weltweit nur ein weiteres Exemplar zu sehen.
Eine Million Euro für gut 80 Objekte
Das Problem dabei: Das Martin von Wagner Museum verfügt über keinen Etat
für Ankäufe. Dementsprechend kann Griesbach-Scriba nicht mal eben einen
Scheck ausstellen und den Erben quasi „ausbezahlen“. Aus diesem Grund hat
die Antikensammlung jetzt eine Spendenaktion gestartet. Ziel ist es, mit
der Hilfe vieler Unterstützerinnen und Unterstützer den Ausverkauf zu
verhindern, damit die Leihgaben weiterhin in Würzburg der Öffentlichkeit
präsentiert werden können.
Die Hürde ist allerdings hoch: Rund eine Million Euro könnten die gut 80
Objekte einbringen, würden sie über den freien Kunstmarkt veräußert,
schätzt Griesbach-Scriba. Doch auch wenn die Spendenaktion nur einen Teil
dieser Summe zusammenträgt, wäre der Antikensammlung geholfen. Je nach
Höhe der Spenden wird Griesbach-Scriba versuchen, zuerst die Objekte, die
auf seiner Prioritätenliste weit oben platziert sind, dem Erben
abzukaufen.
Italienische Funde mit griechischen Wurzeln
Weinamphoren, Trinkgefäße, kleine Skulpturen und Alltagsobjekte aus Marmor
und Bronze bilden den Großteil der Leihgaben, ergänzt von einer Hand voll
Gemälden und Preziosen, die in der Gemäldegalerie des Martin von Wagner
Museums aufbewahrt werden. Der genaue Fundort ist in den meisten Fällen
unbekannt. Der Großteil dürfte jedoch aus dem heutigen Italien stammen, wo
sie als Grabbeigaben Verwendung fanden. Dass vor allem die Keramiken in
Griechenland hergestellt wurden, verrät viel über den Transfer von Gütern
und Ideen im Mittelmeerraum in der Zeit vom 7. Jahrhundert vor bis ins 4.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.
Solch eine griechische Keramik steht auch auf Jochen Griesbach-Scribas
Liste ganz oben: eine Schale, die um etwa 540 vor Christus hergestellt
wurde. Der Form nach gleicht sie einer Obstschale, die dekorativ in der
Tischmitte Platz findet. Tatsächlich handelt es sich um ein Trinkgefäß,
dessen Innenseite ringsum mit einer Reihe von Kriegsschiffen bemalt war.
Gefüllt mit Wein, schienen die Schiffe darauf zu schwimmen.
Überraschung am Boden der Trinkschale
„Solche Trinkschalen gingen beim griechischen Symposion von Mund zu Mund“,
erklärt Griesbach-Scriba. Erst beim letzten Schluck präsentierte sich eine
Überraschung: Dann nämlich taucht am Boden der Schale ein sogenanntes
„Gorgoneion“ auf – der Kopf der Gorgo, hierzulande vermutlich besser
bekannt unter ihrem Namen Medusa. Sie verwandelt der Sage nach jeden zu
Stein, der ihr in die Augen schaut. Den Wert allein dieser Trinkschale
taxiert Griesbach-Scriba auf 40.000 Euro.
Der Verkauf der antiken Objekte an private Sammler würde nicht nur für das
Martin von Wagner Museum einen schmerzhaften Verlust bedeuten. Auch der
Öffentlichkeit gingen dann wertvolle Einblicke in das Leben und Denken in
der Antike verloren. „Wenn solche Stücke in einer Privatsammlung landen,
hat niemand mehr etwas davon“, sagt Griesbach-Scriba. Nur in Museen sei
garantiert, dass alle Interessierten sie in Augenschein nehmen können –
dreidimensional und in echt.
Diese Chance haben im vergangenen Jahr rund 10.000 Besucherinnen und
Besucher der Antikensammlung genutzt – viele davon aus dem Ausland
angereist. Ihren Besuch in Würzburg haben sie mit Einblicken in die antike
Welt verbunden, wie sie nur an wenigen Orten zu bekommen sind. Jochen
Griesbach-Scribas Hoffnung ist, dass dies auch in Zukunft so bleibt – dank
der großzügigen Unterstützung zahlreicher Spenderinnen und Spender.
Spendenkonto
Wer den Ankauf der Dauerleihgaben mit seiner Spende unterstützen möchte,
kann dies mit einer Überweisung auf folgendes Konto tun: Julius-
Maximilians-Universität Würzburg, IBAN DE09 7905 0000 0000 0988 22, BIC:
BYLADEM1SWU, Kennwort „Antike“.
