Hildesheimer Forscherinnen beraten tagesschau-Redaktion zu Einfacher Sprache
Die LEO-Studie des Jahres 2018 hat ergeben, dass 16,8 Millionen Erwachsene
in Deutschland im Alter von 18 bis 64 Jahren nicht hinreichend lesen und
schreiben können. Für diese Personen sind Informationsangebote oft
schwierig zu verstehen. Eine Beratung der tagesschau-Redaktion durch die
Wissenschaftlerin Dr. phil. Isabel Rink von der Universität Hildesheim
soll nun einen Beitrag zur „Teilhabe an der Informationsgesellschaft“
leisten.
In §26 des Medienstaatsvertrags vom 1. Januar 2024 steht: „Die öffentlich-
rechtlichen Rundfunkanstalten haben die Aufgabe, ein Gesamtangebot für
alle zu unterbreiten. Bei der Angebotsgestaltung sollen sie dabei die
Möglichkeiten nutzen, die ihnen aus der Beitragsfinanzierung erwachsen,
und durch eigene Impulse und Perspektiven zur medialen Angebotsvielfalt
beitragen. Allen Bevölkerungsgruppen soll die Teilhabe an der
Informationsgesellschaft ermöglicht werden. Dabei erfolgt eine angemessene
Berücksichtigung aller Altersgruppen, insbesondere von Kindern,
Jugendlichen und jungen Erwachsenen, der Belange von Menschen mit
Behinderungen und der Anliegen von Familien.“
Demgegenüber steht, dass 16,8 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64
Jahren in unserer Gesellschaft nicht hinreichend lesen und schreiben
können. Dies hat die LEO-Studie des Jahres 2018, in der Forschende die
Literarisierung der erwachsenen deutschen Bevölkerung untersuchten,
ergeben. Sie fallen in die Kategorien Alpha 1-4, wobei Alpha 1 die
Literarisierung auf Buchstabenebene beschreibt und Alpha 4 das nicht-
Beherrschen grundsätzlicher Rechtschreibung, wie sie gemäß dem Standard
bis Ende der Grundschulzeit vorhanden sein sollte. Im Vergleich zu den
Ergebnissen der ersten LEO-Studie aus dem Jahr 2010 haben sich die Zahlen
etwas verbessert, damals waren es 20,8 Millionen Erwachsene; häufige
Gründe für die eingeschränkte Alphabetisierung können ein geringer
sozioökonomischer Status, Flucht und Migration oder Behinderung sein.
Die genannte Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen ist bislang nicht
vollumfänglich gegeben. Um diese künftig bei ihren Nachrichtenformaten zu
erweitern, berät Isabel Rink gemeinsam mit ihrer Kollegin Rebecca Schulz –
beide forschen zu Einfacher und Leichter Sprache – die Redaktion der
tagesschau. Den generierten Mehrwert erläutert Isabel Rink wie folgt:
„Gesellschaftliche Vielfalt zeigt sich nun auch in einem medialen Angebot:
Die tagesschau in Einfacher Sprache ist ein zusätzliches und freiwilliges
Angebot für alle, die die komplexen Nachrichten, die uns täglich umgeben,
schlicht niedrigschwellig brauchen. Sprache ist Teilhabe und hier erfolgt
eine Öffnung in die breite Gesellschaft hinein. Das Angebot ist ein
wichtiger Beitrag, der Menschen dazu befähigt, an der
Informationsgesellschaft teilhaben zu können.“ Es gilt, zu prüfen,
inwiefern die theoretischen Annahmen in der Praxis anwendbar sind.
Konkret bedeutet dies, dass die Redaktion der tagesschau ab dem 12. Juni
2024 erst einmal für eine Ausgabe pro Tag eine zweite Version der Sendung
erstellt: Diese wird täglich um 19 Uhr über tagesschau24 ausgestrahlt und
ist auch auf tagesschau.de verfügbar. Deren Kennzeichen ist einfachere
Sprache bei gleichbleibender Qualität: Zentrale Fakten werden mehrfach
wiederholt, Zusammenhänge mehr betont. Die Wissenschaftlerin Dr. phil.
Isabel Rink hofft auf positive Stimmen zum neuen – zugänglicheren –
Angebot: „In Zeiten der Informationsflut wird das auf Grundlage der
Forschungsergebnisse angepasste Material für die Breite der Bevölkerung
konsumierbarer und somit zielgruppenspezifischer. Das Angebot in Einfacher
Sprache lebt von Freiwilligkeit: Es bietet jeder Privatperson die Chance,
genau die Formate zu konsumieren, die für sie selbst die richtigen sind,
sodass die individuelle Bildungssituation nicht mehr vertuscht werden
muss. Auch wenn anfangs Potential für Kritik besteht, ist die Prognose,
dass die neuen Formate mit der Zeit zugänglicher, akzeptierbarer und
konsumierbarer werden.“
Von Seiten der Forscherinnen ist dieses Projekt unabhängig vom
Evaluationsergebnis ein Gewinn: Selbst dann, wenn die Umsetzung wenig
angenommen werden sollte, bleibt das Projekt eine Möglichkeit,
hinzuzulernen. Im Grundsatz hat sich jetzt bereits ein großes Interesse an
Einfacher Sprache ergeben. Isabel Rink und Rebecca Schulz profitieren
davon, dass wissenschaftliche Ergebnisse greifbarer werden.
Joachim Knuth, Intendant des NDR, kommentiert das Vorhaben letztendlich
wie folgt: „Wir haben den Auftrag, mit unseren Sendungen und Programmen
allen Menschen in Deutschland ein Informationsangebot zu machen. Dazu
gehören auch diejenigen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz, die
komplizierten Texten nicht immer folgen können oder die Deutsch nicht auf
muttersprachlichem Niveau beherrschen. Mit der tagesschau in Einfacher
Sprache vergrößern wir unser barrierefreies Angebot um tägliche
Fernsehnachrichten. Es ist gut und wichtig, dass sich nun noch mehr
Menschen bei der tagesschau fundiert über die Geschehnisse in Deutschland
und der Welt informieren und somit auch am öffentlichen Diskurs teilhaben
können.“
