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Flüchtling‘ – die ambivalente Karriere eines umstrittenen Begriffs

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Projekt der Uni Osnabrück zeigt Entwicklung von Begriffen in
Migrationsdebatten: Bis in die 1960er Jahre bezog sich der Begriff
‚Flüchtling‘ vor allem auf geflüchtete Deutsche, erst danach auf als
nicht-deutsch geltende Migrantinnen und Migranten. Je nachdem, wer mit dem
Begriff bezeichnet wurde, war er mal negativ und mal positiv besetzt.
Begriffe sind keine reinen Buchstabenfolgen, sondern drücken politische
Macht aus und entwerfen oder verwerfen Zukunftsvorstellungen. Wie und
warum sich die Bedeutung von Begriffen verschiebt, zeigt das ‚Inventar der
Migrationsbegriffe‘, das am Osnabrücker Institut für Migrationsforschung
und Interkulturelle Studien (IMIS) erarbeitet wird.

Im Mittelpunkt der aktuellen Debatten in Politik, Öffentlichkeit und
Medien über Flucht und Migration steht der oft kritisierte Begriff
‚Flüchtling‘. Ein Blick in das 20. Jahrhundert zeigt jedoch, dass
unterschiedliche Menschen und Gruppen als ‚Flüchtlinge’ bezeichnet und
bewertet wurden. Der kürzlich im ‚Inventar der Migrationsbegriffe‘
erschienene Beitrag des Migrationsforschers Prof. Dr. Jochen Oltmer von
der Universität Osnabrück und der Historikerin Prof. Dr. Isabella Löhr vom
Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam, beleuchtet die
Karriere dieses Begriffs. Der Beitrag ist aus der Arbeit des seit Anfang
2024 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten
Sonderforschungsbereichs ‚Produktion von Migration‘ am IMIS
hervorgegangen.

„Der Erste Weltkrieg löste große Fluchtbewegungen aus: Bis in die 1920er
Jahre waren in Europa 13 Millionen Schutzsuchende auf der Flucht. In
dieser Zeit ging der damals neue Begriff ‚Flüchtling’ in den allgemeinen
Sprachgebrauch ein“, erklärt Prof. Dr. Oltmer und ergänzt:

„In der Weimarer Republik kam es dann zur Abwanderung aus den Gebieten des
Deutschen Reiches, die aufgrund des Friedensvertrages von Versailles
abgetreten werden mussten.“ Als ‚Flüchtlinge’ wurden in der Regel deutsche
Staatsangehörige oder ‚Volksdeutsche’ bezeichnet, die u.a. aus Elsass-
Lothringen, Posen oder Westpreußen zuwanderten.

Prof. Dr. Isabella Löhr fährt fort: „Angesichts der im Zweiten Weltkrieg
ab 1944 vorrückenden sowjetischen Armee wurde der Begriff ‚Flüchtling‘
populärer und bezog sich vor allem auf die aus Osteuropa fliehenden
Deutschen. In der frühen Nachkriegszeit wurde der Begriff ‚Flüchtling‘
dann skeptisch bis ablehnend gebraucht. Gleichzeitig konkurrierten
verschiedene Begriffe wie Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte
in öffentlichen Debatten und Gesetzestexten. Sie waren politisch umkämpft
und transportierten unterschiedliche Vorstellungen von Flucht.“ 1954 nahm
der Brockhaus als wichtigste deutschsprachige Enzyklopädie das Wort
‚Flüchtling‘ erstmals auf und bezog es vor allem auf deutsche
Staatsangehörige: Von ‚Ostflüchtlingen‘ oder ‚Heimatvertriebenen‘ war nun
die Rede.

Prof. Dr. Oltmer ergänzt: „Ende der 1960er Jahre vollzog sich dann ein
grundlegender Wandel: Der Begriff ‚Flüchtling‘ wurde zunehmend für
Migrantinnen und Migranten verwendet, die nicht als Deutsche galten. Der
Schwerpunkt lag nun auf den ‚ausländischen Flüchtlingen‘, die aber als ein
Problem dargestellt wurden, mit dem sich internationale Organisationen zu
beschäftigen hätten, nicht deutsche Stellen.“

Prof. Dr. Isabella Löhr erklärt: „In den 1970er Jahren stieg die Zahl der
Asylsuchenden, was zu kontroversen Debatten über Migration führte.
Zwischen 1976 und 1980 verzehnfachte sich die Zahl der Asylgesuche nahezu.
Insgesamt war der Begriff ‚Flüchtling‘ in den 1970er und 1980er Jahren
meist positiv besetzt und auf Menschen bezogen, die im Kontext das
sogenannten Kalten Krieges aus Osteuropa kamen und die Überlegenheit des
Westens zu symbolisieren schienen.“

Prof. Dr. Oltmer setzt hinzu: „Schutzsuchende aus anderen Teilen der Welt,
vor allem jene aus dem Globalen Süden, hingegen wurden oft angefeindet.
Sie wurden mit dem extrem negativ besetzten Begriff des ‚Asylanten‘
bezeichnet.“ Davon zeugen unter anderem die vielen negativen
Wortschöpfungen wie ‚Asylproblem‘, ‚Asylbetrüger‘ oder ‚Asyltourismus‘
oder katastrophendrohende Begriffe wie ‚Asylantenstrom, -schwemme, -druck,
-flut, -lawine, -zeitbombe‘. „Es wurde also rassistisch sortiert“, so
Prof. Oltmer weiter. „Wer aus Osteuropa kam, war eher ‚Flüchtling‘, wer
aus Asien oder Afrika kam, wurde eher als ‚Asylant‘ abgewertet.“

Im Jahr 2015 wurde das Wort ‚Flüchtling‘ zum Wort des Jahres gewählt.
Dabei war schon lange kritisiert worden, dass ‚Flüchtling‘ durch die
Endung ‚-ling‘ negativ konnotiert sei. Seit Anfang der 2010er Jahre
etablierte sich daher der Alternativbegriff ‚Geflüchteter‘. „Der
Bedeutungsverlust von ‚Flüchtling‘“, so Prof. Löhr, „und die Karriere
anderer Bezeichnungen sind jedoch wissenschaftlich nicht hinreichend
erklärt. Zumal die Endung ‚-ling‘ laut Sprachwissenschaft keineswegs
überwiegend negativ konnotiert ist.“ Nicht das Wort sei das Problem,
sondern welche Bedeutung ihm in gesellschaftlichen Aushandlungen
zugewiesen wird.

Das „Inventar der Migrationsbegriffe“ ist ein interdisziplinäres
Nachschlagewerk für zentrale Begriffe aktueller und historischer
Migrationsdebatten. Es zeigt, wie sich Begriffe wie ‚Flüchtling‘,
‚Asylsuchender‘ oder ‚People of Color‘ entwickelt haben, wie sie benutzt
und gemacht worden sind. Es will keine eindeutigen Definitionen liefern,
sondern Perspektiven aufzeigen – und damit Bewusstsein und Verantwortung
für Sprache fördern. Das Inventar wurde Anfang 2022 von der
Nachwuchsgruppe ‚Die wissenschaftliche Produktion von Wissen über
Migration‘ am IMIS ins Leben gerufen und ist unter
www.migrationsbegriffe.de kostenfrei einsehbar.