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Mit Algorithmen zum Tor: Hochschule Coburg und VfL Wolfsburg über Datenanalysen im Fußball (mit Podcast)

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Verwandelte Standardsituationen, Passerfolg, Ballbesitz: So etwas wird
schon lange analysiert. Aber im Profi-Fußball wird heute in allen
Bereichen Datenanalyse und KI eingesetzt – von der Suche nach neuen
Talenten über die Live-Analyse während eines Spiels bis zum Merchandising.
Damit befassen sich Studierende der Hochschule Coburg gemeinsam mit zwei
Profis des VfL Wolfsburg. Diese Profis des Bundesliga-Vereins sind keine
Spieler. Es sind Daten-Spezialisten mit viel Liebe zum Ballsport.

Wenn Benjamin Hoppenz über den „Data Lake“ des VfL Wolfsburg spricht,
strahlt er genauso wie wenn er von großen sportlichen Erfolgen erzählt.
Die Studierenden im Masterstudiengang Data Science der Hochschule Coburg
bekommen regelmäßig Besuch von Praxispartnerinnen und -partnern, die aus
dem Alltag in der Welt der Daten berichten. Aber dieser Vortrag kurz vor
Start der Fußball-Europameisterschaft ist schon besonders. Hoppenz leitet
als Koordinator Sport auch das Sports Analytics Technology Lab, die
Abteilung, die beim VfL Wolfsburg alles zum Thema Daten weiß. Sein Kollege
Lennart Wingerath kommt aus dem Scouting, der Abteilung, die passende
Talente für den Verein findet – am besten, bevor sie große Stars sind.

„Tempo" als Key Performance Indicator des Innenverteidigers

Die beiden Mitarbeiter des niedersächsischen Bundesligisten sind ins
fränkische Coburg gekommen, um zu erklären, wie KI und Daten bei so etwas
helfen. Hoppenz erzählt den Studierenden, wie der Verein auf diese Weise
zum Beispiel Micky van de Ven entdeckte: „Wir hatten fußballerisch den
Ansatz, relativ hoch mit der Abwehr zu stehen, also relativ weit weg vom
eigenen Tor.“ Die Wölfe brauchten also einen Innenverteidiger, der
ziemlich schnell ist. Normalerweise ist die zweite holländische Liga nicht
der Bereich, in dem sie als erstes suchen – aber mit Hilfe der Daten
fanden sie hier einen jungen Spieler, der beim Key Performance Indicator
(KPI) „Tempo“ außergewöhnliche Werte aufwies. „Zu einem Transfer gehören
viele Komponenten. Daten sind dabei ein großes Puzzleteil.“ Aber gerade
bei der ersten Filterung sind sie sehr hilfreich. „Unsere Philosophie ist,
junge, entwicklungsfähige Spieler zu holen und weiterzuentwickeln“, sagt
Hoppenz. Bei van de Ven hat das sehr gut funktioniert. Er konnte für eine
überschaubare Ablöse verpflichtet werden und entwickelte sich zu einem der
schnellsten Spieler der Bundesliga. Als der dann 22-Jährige 2023 nach zwei
Jahren zu Tottenham Hotspur wechselte, belief sich die Ablösesumme
Medienberichten zufolge auf bis zu 50 Millionen Euro.

Software fürs Daten-Scouting von Absolventen der Hochschule Coburg

Fußballvereine nutzen Datenanalysen, machen aber nicht die Software dafür.
Der VfL Wolfsburg arbeitet zum Beispiel mit Produkten von Vebasoft, einem
Unternehmen aus Rödental bei Coburg, das webbasierte Datenanalyse- und
Organisationssoftware im Sportbereich anbietet – und von einem BWL- und
Informatik-Absolventen der Hochschule Coburg gegründet wurde. So kam auch
der Kontakt zur Hochschule zustande. Jetzt hören die Studierenden des
Masterstudiengangs Data Science gespannt zu, wie KI und Daten nicht nur
beim Scouting, sondern zum Beispiel auch in der medizinischen Reha
eingesetzt werden. „Unsere Abteilung Datenanalyse ist übergreifend über
allen Bereichen angesiedelt“, sagt Hoppenz. „Männerfußball, Frauenfußball
und die Akademie: Jeder Fachbereich hat KPIs, die für seine Arbeit
besonders wichtig sind.“ Bei der Spielanalyse unterstützen die Algorithmen
die Trainer zum Beispiel dabei, die Mannschaften, einzelne Spieler und
ihre Spielweise live zu analysieren. „Auf jeder Trainerbank gibt‘s ein
Tablet. Dahinter steht ein Team, das die Daten so in den Kontext bringt,
dass sie den Trainern bei ihren Entscheidungen helfen.“

Von KI mit Deep Learning über Machine Learning und Data Mining bis zu
Visualisierung und Cloud Computing

„Datenanalyse, Daten-Handling, Künstliche Intelligenz: Das Thema hat man
heute überall“, sagt Prof. Dr. Thomas Wieland, der den Masterstudiengang
Data Science an der Hochschule Coburg leitet. Oft gehe es zu Beginn darum,
das Data Engineering aufzusetzen, also die Daten aus den verschiedenen
Quellen erst einmal zusammenzuführen, zu bündeln und überhaupt für die
Analyse verfügbar zu machen. Künstliche Intelligenz mit Deep Learning,
Machine Learning und Data Mining, aber auch Visualisierung und Cloud
Computing gehören zu den Inhalten, die seine Studierenden lernen. Über die
technischen Hintergründe und ein hohes wissenschaftliches Niveau hinaus
wird in dem Masterstudiengang außerdem vermittelt, wie Datenanalysen
praktisch angewendet werden. Dabei sind die Praxispartner der Hochschule
Coburg entscheidend. „Den einen geht’s darum, online Zäune zu
konfigurieren, andere kommen aus der Versicherungsbranche oder der
Energieversorgung – das ist schon ein Unterschied.“ Um das jeweilige
Problem zu verstehen, braucht es also nicht nur einen Zugang zur Welt der
Daten – sondern auch zum Thema. Der Master Data Science der Hochschule
Coburg ist deshalb offen für Bachelor-Absolventinnen und -absolventen aus
verschiedenen Ingenieurwissenschaften, Betriebswirtschaft oder einer
Naturwissenschaft. „Es ist eben nicht das Gleiche, ob ich ein Getriebe
untersuche oder Veränderungen in der Laufdynamik eines Fußballers“, sagt
Wieland.

Jeder Trainer hat seine Spieltaktik – und jeder Verein eine Datenstrategie

Für die Daten im Fußball gibt es viele Quellen – und nicht jeder Verein
nutzt sie gleich. Beispielsweise sammeln Vereine während eines Spieles
Trackingdaten, teils auch biometrische Daten wie die Herzfrequenz und
Schweißkonzentrationen mit Hilfe spezieller Westen. Wer Live-Spiele im
Fernsehen schaut, kann das beim Trikotwechsel manchmal sehen. Der VfL
Wolfsburg hat sich aber zum Beispiel dafür entschieden, während des Spiels
vor allem Video-Daten zu nutzen. Dabei wird die Position jedes Spielers
und des Balls in jedem Moment einer Fußballpartie getrackt. Mit Videodaten
der Deutsche Fußball Liga (DFL) kann in jedem Stadion sehr schnell jede
Bewegung berechnet werden. Jeder Trainer hat seine Spieltaktik – und jeder
Verein seine Datenstrategie. „In den letzten Jahren hat sich das rasant
entwickelt sowohl in quantitativer Hinsicht als auch in qualitativer
Hinsicht. Die Datenqualität hat sich erhöht. Die generellen Daten, die zur
Verfügung stehen, sind immer mehr geworden.“ Sie seien eine große Hilfe.
Hoppenz lächelt: „Aber am Ende stehen 22 Jungs oder Mädels auf dem Platz
und dort entscheidet sich, wie das Spiel ausgeht.“

Podcast

Mehr zur Datenstrategie im Fußball gibt’s im neuesten Podcast der
Hochschule Coburg mit Benjamin Hoppenz vom VfL Wolfsburg und Prof. Dr.
Thomas Wieland von der Hochschule Coburg. Und die beiden verraten auch,
auf welche Mannschaften sie bei der Europameisterschaft 2024 tippen: Hier
geht's zum Podcast auf Spotify: www.hs-coburg.de/daten-und-fussball

Text: Natalie Schalk