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US-Philosoph Appiah über Identitäten und Lösungen religiöser Konflikte

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Der US-amerikanische Philosoph Kwame Anthony Appiah plädiert für
Pluralismus ohne Relativismus – Hans-Blumenberg-Vortrag 2024 am
Exzellenzcluster

Religiöse Konflikte lassen sich nach Einschätzung des US-amerikanischen
Philosophen Kwame Anthony Appiah durch ein pluralistisches Verständnis von
religiösen Identitäten lösen. „In Gesellschaften, die heute unvermeidlich
multireligiös sind, sollte jede Gemeinschaft und jede Person ihren eigenen
Weg in Sachen religiöse Identität gehen können“, sagte der Blumenberg-
Professor am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität
Münster am Donnerstagabend. Appiah legte jedoch Wert darauf, dass dies
nicht gleichbedeutend mit einer relativistischen Haltung sei. „Ich kann
meinen Weg für richtig halten und zugleich überzeugt sein, dass es einer
anderen Person erlaubt ist, auf ihre Art zu leben, auch wenn ich sie für
falsch halte. Das ist nach meiner Ansicht Kern einer kosmopolitischen
Haltung. Sie erfordert jedoch einen Goodwill, der nicht alltäglich ist.“

Der an der New York University lehrende Philosoph unterschied in seinem
Vortrag unter dem Titel „Ways of Belonging“ (Weisen der Zugehörigkeit)
drei Dimensionen von Religion: Glaubensüberzeugung, Praxis und Identität.
Um religiöse Konflikte zu lösen oder zu vermeiden, sei es hilfreich zu
prüfen, um welche Dimension es in einem Konflikt im Kern gehe. Appiah
illustrierte das an vielen Konflikten aus Geschichte und Gegenwart: vom
Streit um Bibel- und Koran-Auslegungen über religiöse Praktiken wie das
Kreuzzeichen im Christentum und der Tauhid-Zeigefinger im Islam bis zu
verschiedenen religiösen Haltungen etwa zu Homosexualität, Tierwohl oder
Gewalt. Er zeigte Konflikte zwischen Religionen auf und auch zwischen
ihren Strömungen, etwa innerhalb von Christentum, Islam und Hinduismus.

Glaubensüberzeugungen sind nach den Worten des Blumenberg-Professors keine
unveränderlichen Wahrheiten, vielmehr hätten sie sich stets
weiterentwickelt. „Die Geschichte der heiligen Texte war immer auch die
Geschichte ihrer Leserschaft: mit wechselnden Interpretationen.“ Heute
erfolgten Auslegungen zunehmend im Dialog mit anderen religiösen
Traditionen. In diesem Miteinander ließen sich, wo möglich, mehr
Übereinstimmungen in der Textauslegung finden als zuvor. Das könne zur
Konfliktbeilegung beitragen. „Wer allerdings Menschen mit anderer
religiöser Identität bereits feindlich gesinnt ist, wird versucht sein, an
einer Auslegung festzuhalten, die die Möglichkeiten eines Kompromisses
einschränkt.“

„In religiösen Gemeinschaften ist oft Streit, wer dazugehört und wer
nicht“

Noch wichtiger sei die alltägliche religiöse Praxis, die meist losgelöst
von Überzeugungen sei, sagte Appiah. Ob Kreuzzeichen oder Tauhid-
Zeigefinger: Schon an geringfügigen Unterschieden etwa der Gebetspraxis
ließen sich Mitglieder einer bestimmten Konfession oder Gemeinschaft
erkennen, oder auch Eindringlinge aus einer anderen. Damit bestimme die
Praxis die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe und werde zum Marker
der religiösen Identität eines Menschen. Welche Praktiken und Normen eine
Gruppe kennzeichnen und welche nicht, sei oft Streitthema. „In vielen
Gemeinschaften besteht Uneinigkeit, wer dazugehört und wer nicht.“

Entscheidend sei es, dass religiöse Identitäten nicht unveränderliche
Glaubensvorstellungen, sondern „wandelbare Praktiken innerhalb von
Gemeinschaften“ seien. So würden Veränderungen möglich und Konflikte
vermeidbar. Auf die Blumenberg-Professur beruft der Exzellenzcluster
Persönlichkeiten aus der internationalen Spitzenforschung, die innovative
Impulse nach Münster bringen. Am Freitag diskutiert Appiah mit Forschenden
des Exzellenzclusters auch über seine Auffassung von Kosmopolitismus und
seinen Ansatz zur Dekonstruktion von Identitäten des Glaubens, der
Hautfarbe und der Klassenzugehörigkeit. (vvm/tec)

Hans-Blumenberg-Professor Kwame Anthony Appiah

Der vielfach ausgezeichnete Kwame Anthony Appiah wurde 1954 in London
geboren und wuchs in Ghana auf. Nach dem Studium der Philosophie und der
Promotion in Cambridge lehrte er an den Universitäten Yale, Cornell, Duke
und Harvard, bevor er 2002 an die Princeton University wechselte. Seit
2014 ist er Professor für Philosophie und Recht an der New York
University. Zu den in deutscher Sprache verfügbaren Werken Appiahs zählen
Bücher wie „Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums“ (C.H. Beck
2009) und „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ (Hanser Berlin
2019).

Hans-Blumenberg-Professur für Religion und Politik

Die „Hans-Blumenberg-Professur für Religion und Politik“ ist benannt nach
dem Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996). Auf die Professur
werden Forschende aus der internationalen Spitzenforschung berufen, die
innovative Impulse nach Münster bringen, in den vergangenen Jahren etwa
Maribel Fierro (Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Madrid,
Spanien), Sarah Stroumsa (Hebrew University of Jerusalem, Israel), Linda
Woodhead (Lancaster University, Vereinigtes Königreich), Jóhann Páll
Árnason (La Trobe University, Melbourne, Australien) und Mark
Juergensmeyer (University of California, Santa Barbara, USA).