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Deepfakes: Neue Studie zeigt Chancen und Risiken für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf

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Eine neue Studie des Fraunhofer ISI im Auftrag von TA-SWISS widmet sich
dem Themenkomplex »Deepfakes«: Dabei wurde zunächst der technologische und
forschungsseitige Stand mit Blick auf Deepfakes zusammengetragen und deren
Wahrnehmung in der Schweizer Bevölkerung untersucht. Darüber hinaus
analysierte die Studie mögliche Auswirkungen im Journalismus, Recht,
Politik und Wirtschaft und leitet daraus Handlungsempfehlungen für diese
Bereiche ab.

Dass »Deepfake«-Technologien künftig einen festen Platz in der
Alltagskultur haben dürften, stellt die Studie »Deepfakes und manipulierte
Realitäten« gleich zu Beginn ihres Fazits klar und spricht mit Blick auf
die täuschend echten Fälschungen in Audio- oder Videoform von einer in
Zukunft »veränderten medialen Realität«. Allerdings kommen Deepfakes bzw.
»synthetische Medien« momentan noch relativ selten vor, weshalb die Studie
zunächst über den aktuellen technologischen Stand von Deepfake-
Technologien aufklärt und den Wissenstand hierzu in der Schweizer
Bevölkerung näher untersucht.

Erstellung von Deepfake-Inhalten ist bereits heute möglich

Die technische Herstellung von Deepfakes hat in den vergangenen Jahren
beachtliche Fortschritte gemacht und dürfte sich in den kommenden Jahren
rasant verbessern. So ist schon heute eine breite Palette an Deepfake-
Inhalten mittels KI-basierter Text-, Bild- oder Audiogeneratoren
herstellbar – vorausgesetzt ausreichendes Datenmaterial (zum Beispiel
Sprachsamples oder Gesichtsfotos) und genügend Computerleistung sind
vorhanden. Damit lassen sich dann Sprechweise, Gesichtsausdruck und sogar
Körperbewegungen eines Menschen nachahmen. Deepfake-Audioinhalte mit hoher
Qualität sind auch aktuell schon mit vergleichsweise geringem Aufwand
produzierbar. Die Erstellung von Deepfake-Videos ist heute noch mit
größerem Aufwand verbunden – rasante Fortschritte in der Entwicklung von
KI-Videogeneratoren werden künftig jedoch auch die einfache Erstellung von
glaubwürdigen Deepfake-Videos ermöglichen.

Mittels einer repräsentativen Befragung von über 1.300 Personen
untersuchte die Studie, wie die Schweizer Bevölkerung Deepfakes wahrnimmt,
welche Erfahrungen sie hiermit sammelte und wie sie Chancen und Risiken
von Deepfake-Technologien beurteilt. Die Studienergebnisse zeigen, dass
»Deepfake« für viele der Befragten ein noch unbekannter Begriff ist –
lediglich etwa die Hälfte hat schon davon gehört oder bereits selbst
Deepfakes gesehen. Nur eine sehr kleine Minderheit konnte bereits
Erfahrungen mit dem Erstellen (2%) und Verbreiten (3%) von Deepfakes
sammeln. Ein Versuch im Rahmen der Studie verdeutlichte, dass die
befragten Personen Deepfakes kaum von realen Videos unterscheiden konnten,
insbesondere dann nicht, wenn diese von guter bis sehr guter Qualität
waren. Auch assoziierten die befragten Personen Deepfakes stark mit
Risiken und weniger mit Chancen. Allerdings bestimmte die gewählte
Begrifflichkeit auch die Richtung des Diskurses: War von »synthetischen
Medien« die Rede, fielen die Bewertungen durch die Befragten positiver aus
als wenn von »Deepfakes« die Rede war.

Deepfakes werden in erster Linie als Risiko betrachtet

Weiterhin untersuchte die Studie auch die aktuelle und zukünftige Rolle
von Deepfakes im Justizwesen, Journalismus, in der Politik sowie in der
Wirtschaft, wobei hier mit Vertreter:innen der jeweiligen Bereiche Expert
:innen-Interviews und Umfragen geführt oder Literaturrecherchen
durchgeführt wurden. Im Journalismus und in der Politik werden Deepfakes
in erster Linie als Risiko betrachtet und häufig auch dem Themenkomplex
Desinformation zugeordnet. Die interviewten Journalist:innen betonten
besonders die Wichtigkeit einer Sensibilisierung des Publikums für
Deepfakes sowie die Notwendigkeit der Wissensvermittlung zur Überprüfung
von Inhalten und ihrer Echtheit. Schweizer Parlamentarier:innen und
Angehörige der Bundesverwaltung äußerten in einer separaten Umfrage die
Sorge, dass Deepfakes negative Auswirkungen auf die Funktionsträger:innen
selbst, die Demokratie und die politischen Institutionen nehmen könnten
und es gegenwärtig nur selten konkrete Schutzmaßnahmen gibt.

Dass Deepfakes aber mehr als nur Risiko und Desinformation sein können,
zeigen die Analysen zu den Bereichen Recht und Wirtschaft: Während einige
Anwendungsfälle von Deepfake-Technologien klar ins rechtlich Unerlaubte
fallen, sind Deepfakes in anderen Fällen von der Meinungs-, Informations-
und Kunstfreiheit oder dem Urheberrecht geschützt. Insbesondere beim Blick
auf den Einsatz von Deepfake-Technologien in der Wirtschaft macht die
Studie deutlich, dass diese auch enormes kreatives und ökonomisches
Potenzial besitzen. Dennoch sehen die befragten Personen aus der
Wirtschaft durchaus die Gefahr, die von Deepfakes ausgehen und weisen auf
Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Wirtschaftskriminalität wie
Identitätsbetrug und Identitätsdiebstahl, Rufschädigung von Unternehmen,
Täuschung von Mitarbeitenden oder Einsatzzwecke im Rahmen der Wirtschafts-
und Industriespionage hin.

Studie benennt vier zentrale Empfehlungen

Dr. Murat Karaboga, Autor der Deepfake-Studie am Fraunhofer ISI, leitet
die folgenden Handlungsempfehlungen aus der Studie ab: »Unsere Studie
zeigt, dass zur Adressierung der durch Deepfakes verursachten oder
verstärkten Herausforderungen eine Verknüpfung unterschiedlicher Maßnahmen
erforderlich ist. Dabei müssen Staat, Bevölkerung, Organisationen sowie
Medien Hand in Hand vorgehen. Eine erste Empfehlung unserer Studie lautet
daher, dass das Vorantreiben der staatlichen Bemühungen zur
Plattformregulierung, die auch eine Löschung oder Sperrung gemeldeter
Deepfakes sowie ein Meldesystem rechtswidriger Inhalte inklusive
entsprechender Transparenzvorgaben umfassen, unerlässlich für einen
nachhaltigen Umgang mit Deepfake-Technologien in der Schweiz sind.
Zweitens sollte die Selbstverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern durch
entsprechende Bildungsangebote verbessert werden, wobei der Unterstützung
von Opferberatungsstellen und der Förderung und Vermittlung von
Medienkompetenz eine besondere Rolle zukommt. Drittens sollten sich
Organisationen in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen
auf die zunehmende Allgegenwart von Deepfakes vorbereiten und etwa interne
Risikoabschätzungen vornehmen und präventive sowie reaktive Maßnahmen
eruieren. Eine vierte Empfehlung zielt auf den Journalismus ab, der durch
das Hochhalten journalistischer Standards zur besseren Erkennung von
Deepfakes und ihrer unmittelbaren Aufklärung der Bevölkerung über
gefälschte Inhalte beitragen kann. Wichtig ist schließlich auch:
Angesichts der enormen Geschwindigkeit der technologischen
Weiterentwicklung sollten sich die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
dieser Dynamik bewusst werden und darauf einstellen, neue Entwicklungen zu
erkennen und mit adäquaten weiteren Schritten und Maßnahmen zu reagieren.«