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Den Zustand liberaler Gesellschaften verstehen:

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Das Exzellenzcluster SCRIPTS stellt Datensatz seiner globalen
Meinungsumfrage PALS der Öffentlichkeit zur Verfügung

Liberale Gesellschaften stehen weltweit unter Druck: Von innen erodiert
durch rechtspopulistische Wahlerfolge und wachsende wirtschaftliche
Ungleichheit, von außen herausgefordert durch das Machtspiel
autokratischer Regierungen. Die globale Umfrage „Public Attitudes towards
the Liberal Script“ (PALS), durchgeführt in 30 Ländern mit über 60.000
Teilnehmenden, bietet eine wichtige Grundlage für künftige Forschungen.
Der daraus resultierende Datensatz ermöglicht Einblicke in Einstellungen
zu liberalen Prinzipien und Institutionen und steht nun der Öffentlichkeit
zur Verfügung.

Die von der SCRIPTS-Forschungsgruppe „Comparative Survey“ zwischen
Dezember 2021 und Februar 2023 durchgeführte Meinungsumfrage „Public
Attitudes towards the Liberal Script“ (PALS) untersucht, wie Menschen zu
den zentralen Werten, Prinzipien und Institutionen des liberalen Drehbuchs
(„Script“) stehen. Die Umfrage untersuchte die Einstellungen von mehr als
60.000 Menschen in 30 Ländern zu liberalen Grundbausteinen wie
Selbstbestimmung, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit.

„PALS will ermöglichen, aus einer globalen Perspektive besser zu
verstehen, was die Menschen über das liberale Gesellschaftsmodell denken,
um nach entscheidenden Mustern zu suchen – hinsichtlich der Unterschiede
zwischen Ländern, aber auch gesellschaftlichen Gruppen ", so Dr. Heiko
Giebler, Leiter der Forschungsgruppe „Comparative Survey“. Die Datensätze
und die Dokumentation zur ersten und zweiten Welle der Befragung sind
jetzt über das Refubium-Portal der Freien Universität Berlin für die
nicht-kommerzielle Nutzung und für eigene Auswertungen frei zugänglich.

Erste Erkenntnisse

Erste Untersuchungen deuten auf spannende Ergebnisse hin. Für eine frühe
Analyse entwickelte das Forschungsteam einen Index, der die Unterstützung
der Befragten für Kernsäulen des liberalen Skripts misst. Ein höheres
sozioökonomisches Entwicklungsniveau geht zwar mit stärkerer Zustimmung
einher, aber traditionell liberale Länder wie Frankreich, Großbritannien
und die USA landen eher im Mittelfeld. Autoritäre Werte und das Gefühl,
gesellschaftlich abgehängt zu sein, führen in allen Ländern zu einer
Ablehnung des liberalen Skripts.

In einer Frage, bei der aus einer Liste von verschiedenen Themen jene
ausgewählt werden sollten, welche die Befragten als eine wesentliche
Bedrohung für ihr jeweiliges Land und seine Bevölkerung betrachten wurden
global betrachtet Probleme wie Geschlechterungleichheit und Einwanderung
deutlich weniger häufig gewählt als wirtschaftliche Ungleichheit oder
Hunger und Armut. Hier deutet sich an, dass die oft im Mittelpunkt des
Medienberichterstattung stehenden Themen zumindest damals nicht unbedingt
die tatsächlichen Anliegen der Bevölkerung widerspiegeln.

Laufende Studien

Karoline Estermann, Doktorandin an der Berlin Graduate School for Global
and Transregional Studies (BGTS) nutzte die PALS-Daten bereits, um
liberale Einstellungsmuster zu typologisieren. Zwei Fragestellungen leiten
ihre Studie: Werden die Demokratie und ihre Prinzipien wie
Selbstbestimmung, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Fortschritt global
als erstrebenswert wahrgenommen? Welche Freiheiten sprechen Menschen ihren
Mitmenschen zu? Die vorläufigen Ergebnisse wertet sie als überraschend:
„Während mich weltpolitische Krisen eher illiberale Haltungen und
Polarisierung vermuten ließen, spiegelt das Stimmungsbild moderate
Meinungsverschiedenheiten neben einer verbreiteten Befürwortung
demokratischer Grundprinzipien.“

Bereits für eine eigene Forschung fruchtbar machen konnten die PALS-Studie
auch Lukas Antoine und Rasmus Ollroge, Doktoranden und Mitglieder der
Forschungsgruppe „Comparative Survey“. Für seine Untersuchung zur
Akzeptanz staatlicher Überwachungsmaßnahmen, die sich zu einem großen Teil
auf PALS-Daten stützt, schätzt Antoine insbesondere „die globale
Bandbreite von PALS, die mit Ländern des Globalen Südens mehr als nur ‚die
üblichen Verdächtigen‘ umfasst.“ Ollroge, der die Daten für seine
Promotion zu Globalisierungsgewinnern und -verlierern nutzt, hebt neben
der hohen Stichprobenqualität insbesondere die methodische Transparenz
hervor und beschreibt das Open-Source-Projekt in dieser Hinsicht als
„richtungsweisend für zukünftige Forschung“.

SCRIPTS ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2019
gefördertes multidisziplinäres Exzellenzcluster. Er untersucht warum das
liberale Modell trotz seiner politischen, ökonomischen und sozialen
Errungenschaften in die Krise geraten ist und welche Konsequenzen sich
daraus für die globalen Herausforderungen unserer Zeit ergeben.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Heiko Giebler ist Leiter der SCRIPTS-Forschungsgruppe „Comparative
Survey“ und des „Data Methodology Center“ (DMC) des Clusters. E-Mail:
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Lukas Antoine forscht als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SCRIPTS zu
Privatsphäre und Überwachung. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Rasmus Ollroge arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SCRIPTS u.
a. zu Kommunitarismus, Kulturellem Kapital, Lebensstilen sowie Politischer
Soziologie. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Karoline Estermann forscht als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei SCRIPTS
zu Politischer Soziologie, Rechtssoziologe sowie Normen und
Glaubenssystemen. E-Mail: karoline.estermann@fu-berlin.de