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Deutsche Herzstiftung befürwortet Gesundes-Herz-Gesetz

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Herzstiftung begrüßt Maßnahmen zur Stärkung der Prävention von Herz-
Kreislauf-Erkrankungen: bisher unbehandelte Risikokrankheiten könnten
früher erkannt werden

Die Deutsche Herzstiftung begrüßt die geplanten Maßnahmen, die der
Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland dienen, wie sie
dem aktuellen Referentenentwurf des Gesetzes zur Stärkung der
Herzgesundheit (Gesundes-Herz-Gesetz - GHG) zu entnehmen sind. Ein
gesunder Lebensstil mit Nikotinverzicht, regelmäßiger Bewegung und
ausgewogener Ernährung ist für die Prävention von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen von entscheidender Bedeutung. „Prävention ist unverzichtbar
und sie muss bereits bei den Kindern in Kita und Schule beginnen. Dafür
setzen wir uns seit vielen Jahren mit Bewegungs- und
Rauchpräventionsprogrammen in Schulen ein“, betont Prof. Dr. med. Thomas
Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Allerdings
sind nahezu 50 Prozent aller Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-
Erkrankungen, allen voran die koronare Herzkrankheit (KHK), nicht allein
durch eine Lebensstiländerung beeinflussbar, sondern bedürfen zusätzlich
einer medikamentösen oder interventionellen Therapie.“ Die hohe
Krankheitslast und Sterblichkeit durch die KHK mit über 120.000
Todesfällen pro Jahr zeigen, dass sich weite Teile der Bevölkerung
Deutschlands nicht in ausreichender therapeutischer Versorgung befinden
oder gar nicht versorgt sind. Anreize für eine Verbesserung der Situation
hält der Kardiologe für dringend notwendig. „Das im Gesetzentwurf
formulierte Maßnahmenbündel ist die notwendige Reaktion auf die bisherigen
Versäumnisse. Das Gesunde-Herz-Gesetz dürfte effektiv dazu beitragen, die
Herzgesundheit in der Bevölkerung zu verbessern und die Krankheitslast und
Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken“, betont der
Herzstiftungs-Vorsitzende. Ernüchternd falle eine Bestandsaufnahme
Deutschlands aus: „Die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen
bewegt sich in Deutschland weiterhin auf einem sehr hohen Niveau und in
der Lebenserwartung befinden wir uns in Westeuropa unter den
Schlusslichtern.“
Die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geplanten Maßnahmen
umfassen unter anderem die gezielte Früherkennung von kardiovaskulären
Risikofaktoren bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Für Patienten
mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördert das neue
Gesetz die Sekundärprävention durch das Stärken von Disease Management
Programmen (DMP). Es soll die Möglichkeit geschaffen werden, auch
Versicherten mit hohem kardiovaskulärem Risiko vor Auftreten eines
Ereignisses wie zum Beispiel Herzinfarkt oder Schlaganfall den Zugang zu
DMP-Angeboten zu erleichtern. Rauchen ist ein bedeutsamer Risikofaktor für
Herzinfarkt, Schlaganfall und für die periphere arterielle
Verschlusskrankheit (pAVK). Konsequenterweise ist im Gesetzesvorschlag die
Intensivierung der medikamentösen Tabakentwöhnung und deren
Erstattungsfähigkeit integriert.

Lücke in der Herz-Vorsorge: „Schützende Maßnahmen kommen nicht bei allen
an“
Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen unter allen Ursachen jedes Jahr zu den
meisten Krankenhausaufnahmen und Sterbefällen. Allein wegen der KHK, der
Grunderkrankung des Herzinfarkts, werden in Deutschland jährlich über
550.000 Menschen stationär aufgenommen. Über 45.000 Menschen sterben am
Herzinfarkt. Zahlen, die nicht so hoch ausfallen müssten, denn über 50
Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen und Männern sind auf
modifizierbare Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte
Cholesterinwerte, Rauchen und Diabetes mellitus zurückzuführen. Das neue
Gesetz könnte helfen, das Bewusstsein für diese Risikofaktoren zu
intensivieren. „Viele Menschen sind sich dieser Risikofaktoren gar nicht
bewusst. Schützende Maßnahmen wie Lebensstiländerung, aber auch
medikamentöse oder interventionelle Therapiemaßnahmen kommen somit leider
nicht bei allen Betroffenen in unserem Lande an“, so Prof. Voigtländer.

„Überfällig“: Stärkung von Früherkennung und Prävention im Kindesalter
Dass Vorsorgemaßnahmen bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen sollen,
ist ein „besonders wichtiger und überfälliger Schritt“, so Prof. Dr. med.
Heribert Schunkert, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen
Herzstiftung. Das Thema Herzgesundheit müsse auch über die im Herz-Gesetz
geplanten Maßnahmen hinaus schon in den Grundschulen viel mehr Gewicht
bekommen, fordern die Vorsitzenden der Herzstiftung. Neben dem Rauchen ist
Bewegungsmangel, und damit einhergehend Übergewicht, ein Problem, das sich
mitunter schon sehr früh zeigt. „Die Grundlagen für den Herzinfarkt
entstehen bereits im Kindesalter, dem müssen wir durch Bewegungsprogramme
und gesunde Ernährungsangebote in Kitas und Schulen gegensteuern“, so der
Kardiologe Prof. Voigtländer, Ärztlicher Direktor des Agaplesion
Bethanien-Krankenhauses in Frankfurt am Main. Unter den Kindern ist nach
Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) etwa jedes sechste Kind, unter den
11- bis 13Jährigen sogar jedes fünfte, von Übergewicht oder Adipositas
betroffen.
Besondere Bedeutung hat die Verbesserung der Früherkennung der familiären
Hypercholesterinämie (FH), wie sie das Gesunde-Herz-Gesetz vorsieht. Die
FH ist eine erbliche Stoffwechselkrankheit, bei der LDL-Cholesterin nicht
richtig abgebaut wird, was schon im mittleren Lebensalter zu
Arteriosklerose und Herzinfarkten führen kann. „Etwa eines von 250 Kindern
wird in Deutschland mit FH geboren. Mit Hilfe einer einfachen Blutentnahme
im Rahmen eines Lipid-Screenings beim Kinderarzt konnten wir zum Beispiel
in Bayern in nur drei Jahren mehr als 200 Familien mit einer FH
identifizieren und ihnen wichtige Informationen zur Krankheitsvorbeugung
an die Hand geben und eine leitliniengerechte Therapie anbieten – die vor
frühen Infarkten schützt“, erklärt Prof. Schunkert, Direktor der Klinik
für Herz- und Kreislauferkrankungen am Deutschen Herzzentrum München.

Hebel gegen hohe Dunkelziffer bei Herzerkrankungen
Die Deutsche Herzstiftung begrüßt die im Gesetzesvorschlag formulierten
Check-ups auch schon bei jüngeren Erwachsenen, um unbehandelte
Risikokrankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes
und Adipositas frühzeitig zu erfassen. So kann bei Betroffenen auch eine
effektive Behandlung früh erfolgen. Das beinhaltet neben
Lebensstilmaßnahmen auch die medikamentöse Therapie zu hoher Blutdruck-,
Blutzucker- und Lipid-Werte.
In der Gesetzesvorlage wird insbesondere die Therapie der
Hypercholesterinämie adressiert. Dies begrüßt der Vorsitzende der
Deutschen Herzstiftung, Prof. Voigtländer, ausdrücklich. Die Schwelle, ab
wann eine Behandlung mit cholesterinsenkenden Medikamenten (Statinen) zum
Schutz vor schweren kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt und
Schlaganfall angeraten ist, soll geändert werden. Grundlage der
Empfehlungen ist der SCORE 2-Risikorechner der Europäischen Gesellschaft
für Kardiologie. Dieser ermittelt das Risiko für das Auftreten von
tödlichen und nichttödlichen kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt
und Schlaganfall. Es werden Alter, Geschlecht, HDL-Cholesterin, LDL-
Cholesterin und Nikotinkonsum zugrunde gelegt. Das Vorliegen anderer
Risikofaktoren bleibt unberücksichtigt. Derzeit muss das Zehn-Jahres-
Risiko für das Auftreten eines solchen (ersten) kardiovaskulären
Ereignisses mindesten 20 Prozent betragen, damit ein Statin
verordnungsfähig ist. Künftig sollen hier niedrigere Grenzwerte abhängig
vom Alter gelten, nämlich:

•       ≤ 50 Jahre: bei einem Zehn-Jahres-Risiko von 7,5 Prozent
•       51–70 Jahre: bei einem Zehn-Jahres-Risiko von 10 Prozent
•       ≥ 71 Jahre: bei einem Zehn-Jahres-Risiko von 15 Prozent
•       bei bestätigter familiärer Hypercholesterinämie: bei Kindern ab
sechs Jahren

Auch wenn es so explizit nicht im Gesetzesvorschlag steht, muss
selbstverständlich die Verordnung von cholesterinsenkenden Medikamenten
durch Lebensstilmaßnahmen flankiert werden. Bei der Verordnung der
Medikamente muss durch den behandelnden Arzt immer auch die individuelle
Situation des einzelnen Patienten berücksichtigt werden.
„Insbesondere den niederschwelligen Ansatz, Check-Ups anzubieten und sich
auf lebensstilbezogene Faktoren und die gefährliche Kombination aus
Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes und zu hohe Blutfette zu fokussieren,
werten wir als sehr positiv“, betont Prof. Voigtländer. „Ein wichtiger
Punkt ist, dass sich durch konsequente Prävention von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen Lebensqualität und Lebenszeit gewinnen lassen“, ergänzt der
Herzstiftungs-Vorsitzende. „Denn wir haben es selbst in der Hand, Risiken
früh zu erkennen und zu behandeln.“

Literatur
- Deutsche Herzstiftung (Hg.), Deutscher Herzbericht 2022, Frankfurt a. M.
2023.
- Magnussen C, Ojeda FM, Leong DP, et al. Global Effect of Modifiable Risk
Factors on Cardiovascular Disease and Mortality. N Engl J Med.
2023;389(14):1273-1285. doi:10.1056/NEJMoa2206916.
- Schienkiewitz A, Damerow S, Schaffrath Rosario A, Kurth B-M, Body-Mass-
Index von Kindern und Jugendlichen: Prävalenzen und Verteilung unter
Berücksichtigung von Untergewicht und extremer Adipositas: Ergebnisse aus
KiGGS Welle 2 und Trends. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung
Gesundheitsschutz. 2019;62(10):1225-1234. doi:10.1007/s00103-019-03015-8.