Quo vadis Hochschulgovernance? Werte sind ein wichtiger Teil der Antwort
Die Steuerung von Hochschulen wandelt sich grundlegend: Modelle wie das
New Public Management (NPM) verlieren an Erklärungskraft. Stattdessen
rücken Werte und ihre gesellschaftliche Aushandlung in den Mittelpunkt.
Das zeigt Prof. Dr. Bernd Kleimann vom Deutschen Zentrum für Hochschul-
und Wissenschaftsforschung (DZHW) in einer Lecture an der Universität
Zürich.
Hannover, Zürich 30.04.2026. In seinem Vortrag „Quo Vadis
Hochschulgovernance?“ im Rahmen der UZH Leadership and Governance Academy
zeigt Kleimann, dass sich ein neues Governanceregime herausbildet: Eine
„wertezentrierte Hochschulgovernance“. Diese sei sowohl als reales
soziales Phänomen als auch als analytischer Zugang zur Beschreibung
aktueller Entwicklungen zu verstehen.
Der Forschungsaufenthalt erfolgte vom 8.4. bis 15.4.26 auf Einladung des
CHESS der Universität Zürich (Center for Higher Education and Science
Studies). Neben der Lecture sowie Gesprächen mit Mitgliedern des CHESS
wurden drei Workshops mit Mitgliedern der Universität Zürich und weiteren
Schweizer Hochschulen durchgeführt. Diese setzten sich im Hinblick auf die
wertezentrierte Governance mit folgenden Themen auseinander:
Wertezentrierte Governance – Lancierung eines Forschungsprogramms; Umgang
universitärer „Werte-Stakeholdern“ mit konfligierenden Werten; Governance
als Thema universitärer Weiterbildung und Beratung.
„Die Hochschulsteuerung lässt sich heute nicht mehr allein über Effizienz,
Wettbewerb und Outputorientierung erklären“, so Kleimann. „Entscheidend
ist, welche Werte in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen
verhandelt werden und wie sie sich in Strukturen und
Entscheidungsprozessen niederschlagen.“
Über Jahrzehnte hinweg habe das NPM mit seinen „instrumentellen“
Leitwerten – etwa Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Rechenschaftspflicht
– die Hochschulreformen geprägt. Heute werde dieses Modell jedoch nicht
einfach abgelöst, sondern in Teilen fortgeführt, überlagert und
transformiert. Kleimann spricht von einer „dreifachen Aufhebung“:
Bestehende Elemente bleiben erhalten, neue Werte treten hinzu, und
insgesamt entsteht ein veränderter „Wertemix“.
Ein Treiber dieser Entwicklung ist die sogenannte „Third Mission“ der
Hochschulen. Neben Forschung und Lehre werden Hochschulen zunehmend
aufgefordert, aktiv zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen
beizutragen, etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, soziale Innovation oder
Wissenstransfer. Damit verbunden ist eine wachsende Erwartung, dass
Hochschulen nicht nur reagieren, sondern selbst als gesellschaftliche
Akteur*innen auftreten.
Die Folge ist eine Pluralisierung und Verdichtung von Wertediskursen im
Hochschulkontext. Zu den zentralen Bezugspunkten zählen unter anderem
Wissenschaftsfreiheit, Exzellenz, Diversität, Nachhaltigkeit, Demokratie,
Chancengleichheit, Forschungssicherheit oder Internationalisierung. Diese
Werte prägen nicht nur Leitbilder, sondern halten Einzug in Governance-
Mechanismen wie Wettbewerb, Hierarchie, Verhandlung oder Netzwerke sowie
in hochschulische Organisationsstrukturen – von Studienangeboten über
Forschungsprogramme bis hin zu Zielvereinbarungen und
Finanzierungsmodellen.
Gleichzeitig entstehen neue Konfliktlagen. „Werte sind
interpretationsoffen und enthalten keine Regeln für ihren Ausgleich“,
betont Kleimann. Spannungen ergeben sich etwa zwischen Exzellenz und
Inklusion, Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit oder unterschiedlichen
Erfolgsindikatoren wissenschaftlicher Leistung. Hinzu kommen
gesellschaftliche Einflussfaktoren wie Wissenschaftsskepsis, politische
Polarisierung oder nationale Interessen, die den Druck auf
wissenschaftliche Werte erhöhen.
Vor diesem Hintergrund plädiert Kleimann für ein stärkeres Bewusstsein für
die Rolle von Werten in der Hochschulgovernance. Für Politik und
Hochschulleitungen bedeute dies, sich strategisch in vielfältigen und
teils widersprüchlichen Diskursarenen zu positionieren. Für die
Hochschulforschung eröffne sich ein erweitertes Analysefeld, das
Governance als Zusammenspiel von Diskursen, Werten, Akteuren und
institutionellen Strukturen begreift.
Die Aufzeichnung der Lecture ist online verfügbar:
https://www.chess.uzh.ch/de/ve
and-Governance-Academy-lecture
