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Essstörungen – zwischen Kontrolle und Kontrollverlust

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Essstörungen sind ernste psychische Erkrankungen, die
bei Jugendlichen häufiger auftreten als in anderen Altersgruppen.
Insbesondere die Magersucht hat ihren Beginn zumeist im jugendlichen Alter
und betrifft Mädchen deutlich häufiger als Jungen. Im Jahr 2024 waren rund
20 von 1.000 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren betroffen.

Das
entspricht etwa 23.000 weiblichen Jugendlichen in dieser Altersgruppe. Die
Fallzahlen sind seit der Zeit vor der COVID-19-Pandemie auf einem
ähnlichen Niveau geblieben. Zudem hat sich die Zahl der
Krankenhausbehandlungen aufgrund von Magersucht bei Mädchen und jungen
Frauen im Alter von 10 bis 17 Jahren innerhalb von 20 Jahren verdoppelt.

Wenn Essen zur Belastung wird: Formen und Verläufe

Essstörungen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer,
psychischer und sozialer Faktoren. Besonders häufig beginnen sie in der
Pubertät, einer Lebensphase, die von körperlichen Veränderungen, sozialen
Unsicherheiten und einem starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit geprägt ist.
Für Eltern ist wichtig zu wissen, dass hinter auffälligem Essverhalten
mehr als eine vorübergehende Phase stecken kann. Zu den zentralen
Krankheitsbildern im Kindes- und Jugendalter zählen die Magersucht
(Anorexia nervosa), die Bulimie (Bulimia nervosa) sowie die Binge-Eating-
Störung. Magersucht ist durch eine stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme
und deutliches Untergewicht gekennzeichnet, während bei Bulimie
wiederkehrende Essanfälle auftreten, die durch Maßnahmen wie Erbrechen
oder exzessiven Sport ausgeglichen werden. Die Binge-Eating-Störung äußert
sich ebenfalls in Essanfällen, jedoch ohne solche Gegenmaßnahmen, was oft
zu Übergewicht führt.
In der Praxis zeigen sich diese Störungen oftmals nicht in Reinform. Viele
Jugendliche entwickeln Mischformen oder durchlaufen verschiedene Stadien.
Häufig treten zusätzlich psychische Symptome wie Depressionen oder
Angststörungen auf, die den Verlauf erschweren.

Überwiegend Mädchen und junge Frauen betroffen

Dass Mädchen deutlich häufiger an Essstörungen erkranken als Jungen, zeigt
sich im Zahlenverhältnis. Bei der Magersucht liegt es bei etwa 1 zu 10 bis
1 zu 12 zugunsten der weiblichen Jugendlichen.
Priv.-Doz. Dr. Katharina Bühren, Kinder- und Jugendpsychiaterin und
Vorstandsmitglied der Stiftung Kindergesundheit, erklärt, dass sowohl
gesellschaftliche als auch biologische Faktoren eine Rolle spielen.
Mädchen neigen demnach eher zu sogenannten nach innen gerichteten
Belastungsreaktionen wie Essstörungen oder Depressionen, während Jungen
häufiger nach außen gerichtete Verhaltensweisen zeigen. Für Eltern
bedeutet das jedoch nicht, dass Jungen nicht von Essstörungen betroffen
sind. Ihre Probleme werden oft später erkannt, da sie sich anders äußern
können, etwa durch exzessiven Sport mit Fokus auf Muskelaufbau.

Mehr Fälle, längere Verläufe: Essstörungen nehmen an Schwere zu

Die Daten verdeutlichen die Dimension des Problems. Während der
COVID-19-Pandemie sind die Fallzahlen deutlich gestiegen und haben sich
seither auf einem erhöhten Niveau gehalten. „Die Zahl stationärer
Behandlungen wegen Magersucht hat deutlich zugenommen“, betont Bühren. So
hat sich die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen Magersucht bei Mädchen
und jungen Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren innerhalb von 20 Jahren
verdoppelt. Von rund 3.000 Fällen im Jahr 2003 stieg die Zahl der
Betroffenen auf etwa 6.000 im Jahr 2023. Es zeigt sich dabei eine
Verschiebung hin zu jüngeren Erkrankten.
Nicht selten nehmen Essstörungen einen längeren Verlauf. Viele Jugendliche
benötigen über viele Monate oder Jahre hinweg eine Behandlung.
Bühren betont: „Die Therapie von Essstörungen ist kein Sprint, sondern ein
Marathon und bedeutet für Familien häufig eine erhebliche Belastung über
einen langen Zeitraum hinweg.“

Die Folgen können dramatisch sein

Die körperlichen Auswirkungen von Essstörungen sind vielfältig und teils
schwerwiegend. Bei Nahrungsmangel stellt sich der Körper auf Energiesparen
um, was zu Schwäche, Frieren, ausbleibender Menstruation, niedrigem
Blutdruck und Konzentrationsproblemen führen kann. Immunsystem, Hormone
und Organe werden belastet, in schweren Fällen können auch das Gehirn und
das Herz-Kreislauf-System betroffen sein.
Elektrolytstörungen, insbesondere ein Mangel an Kalium, kann gefährliche
Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand auslösen. Erbrechen und
der Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmitteln führen zu
Nährstoffverlusten. Der Stoffwechsel, Organe und Zähne können geschädigt
werden.

Warnzeichen erkennen: Worauf das Umfeld achten sollte

Essstörungen entwickeln sich meist schleichend und werden von den
Betroffenen häufig verborgen. Umso wichtiger ist es, auf Veränderungen im
Alltag zu achten.
Man sollte aufmerksam werden, sobald Kinder oder Jugendliche deutlich
weniger essen, kalorienreiche Lebensmittel meiden oder sich sehr einseitig
ernähren. Manche wirken bei gemeinsamen Mahlzeiten unauffällig, ziehen
sich danach jedoch zurück, was ein Warnsignal sein kann.
Auch in der Stimmung können sich Veränderungen zeigen. Anhaltende
Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder sozialer Rückzug können Hinweise
auf eine Essstörung sein. Ebenso kann ein plötzlicher Leistungsabfall in
der Schule oder ein nachlassendes Interesse an Hobbys ein Zeichen für
diese Entwicklung sein.
Weitere Warnsignale sind exzessiver Sport, das Verbergen des Körpers durch
weite Kleidung, eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien und
Gewicht sowie eine negative Selbstwahrnehmung.
Vor allem Eltern, aber auch die weitere Familie, die Schule und der
Freundeskreis spielen eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung erster
Veränderungen. Eltern und Geschwister erleben betroffene Kinder und
Jugendliche im Alltag und können früh bemerken, wenn sich Verhalten oder
Stimmung auffällig verändern.
Da einige dieser Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können,
ist eine fachliche Abklärung wichtig.

Muskelsucht: Ein oft übersehenes Risiko

Bei Jungen äußern sich Probleme mit dem Körperbild häufig anders. Ein
zunehmendes Thema ist die sogenannte Muskelsucht. Betroffene streben nach
einem möglichst muskulösen Körper und empfinden sich selbst dann als
unzureichend, wenn sie bereits deutlich sichtbar Muskeln aufgebaut haben.
Ihr Alltag ist dann oft geprägt von intensivem Training, strengen
Ernährungsregeln und einem Rückzug aus anderen Lebensbereichen. Für Eltern
ist dies oft schwer einzuordnen, da sportliches Verhalten zunächst
gesundheitsfördernd erscheint.
Kennzeichnend für die Muskelsucht ist ein zunehmend zwanghaftes
Trainingsverhalten, das oft mehrmals täglich stattfindet. Hinzu kommen
strenge, auf Muskelaufbau ausgerichtete Ernährungsweisen mit betont
eiweißreicher Kost. Das veränderte eigene Verhalten wird häufig
verheimlicht oder verharmlost. In manchen Fällen greifen Betroffene zu
leistungssteigernden Substanzen wie anabolen androgenen Steroiden
(Anabolika) oder Wachstumshormonen. Diese Stoffe können gravierende
körperliche und psychische Folgen verursachen.
Fachleute sehen bei der Entwicklung einer Muskelsucht Parallelen zu
Essstörungen, besonders im Hinblick auf die Aspekte Körperwahrnehmung und
kontrolliertes Essverhalten.

Behandlungsmöglichkeiten: Hilfe ist nötig

Viele Betroffene hoffen, ihre Probleme allein in den Griff zu bekommen. Da
die Magersucht eine schwerwiegende Erkrankung mit körperlichen und
psychischen Symptomen ist, ist professionelle Unterstützung entscheidend.
Ohne Behandlung besteht die Gefahr, dass die Erkrankung chronisch wird
oder nach symptomfreien Phasen zurückkehrt.
Eine erfolgreiche Therapie setzt die Bereitschaft voraus, Hilfe
anzunehmen. Die erste Anlaufstelle sollte der Kinderarzt sein. Ist die
Erkrankung bereits weiter fortgeschritten, sind Fachärzte für Kinder- und
Jugendpsychiatrie die richtige Adresse. Die Behandlung erfolgt in der
Regel in enger Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Ärztliche
Betreuung sichert die körperliche Gesundheit, Psychotherapie arbeitet an
Ursachen und Verhaltensmustern, und Ernährungstherapie stabilisiert das
Essverhalten. Ergänzend können sozialpädagogische Maßnahmen, etwa zur
Wiedereingliederung in Schule oder Ausbildung, sinnvoll sein.
Je nach Schweregrad erfolgt die Behandlung ambulant oder stationär.
Besonders bei schweren Verläufen, etwa bei starkem Untergewicht oder
körperlichen Problemen, ist oft eine stationäre Behandlung notwendig.

Vorbeugung: Welche Schutzfaktoren Kinder und Jugendliche stärken

Da Essstörungen durch viele Faktoren beeinflusst werden, gibt es auch
verschiedene Ansatzpunkte zur Vorbeugung.
„Stabile Beziehungen sowie eine positive Vorbildfunktion ohne Bewertung
des Aussehens des eigenen oder anderer Körper sind wichtig. Auch eine
entspannte Esskultur im Alltag wirkt vorbeugend“, erklärt Bühren.
„Auch Schule und Freundeskreis können unterstützend wirken, indem sie
aufmerksam bleiben und ein wertschätzendes Miteinander fördern.
Freundschaften, Hobbys und soziale Einbindung tragen zusätzlich zur
psychischen Stabilität bei. Nicht zuletzt ist es wichtig, dass Kinder und
Jugendliche lernen, Schönheitsideale und Inhalte aus sozialen Medien
kritisch zu hinterfragen. Dazu können Eltern, aber auch die Schule
maßgeblich beitragen. Die Prävention von Essstörungen ist eine bedeutsame
gesellschaftliche Herausforderung, für die es mehr zielgerichtete Schritte
und entsprechende Mittel bräuchte.“

Früh reagieren: Unterstützung im Umfeld

Nahe Bezugspersonen sind häufig die ersten, die Veränderungen bemerken.
Ein offenes Gespräch ist ein wichtiger erster Schritt. Dabei sollten
Beobachtungen aus der eigenen Perspektive geschildert und Vorwürfe
vermieden werden.
Wichtig ist, Verständnis zu zeigen und die betroffene Person ernst zu
nehmen. Gleichzeitig ist es ratsam, sich selbst Unterstützung zu holen,
etwa durch Beratungsstellen oder Selbsthilfeangebote.

Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige:

Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG):
https://essstoerungen.bioeg.de/
ANAD e.V. – Versorgungszentrum Essstörungen: www.anad.de
Bundesfachverband Essstörungen (BFE):
www.bundesfachverbandessstoerungen.de
Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS): www.dgess.de
TelefonSeelsorge (kostenfrei, anonym, rund um die Uhr):
www.telefonseelsorge.de
Nummer gegen Kummer: www.nummergegenkummer.de

Online-Beratung für suizidgefährdete Jugendliche und junge Erwachsene:

www.u25-deutschland.de
www.youth-life-line.de
www.neuhland.de