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Nach dem Ende Roms: Wie die Bevölkerung Mitteleuropas entstand

Anthropologische Untersuchung eines frühmittelalterlichen Skeletts an der Staatsammlung für Anthropologie in München (SNSB-SAM)  Quelle: K. Hagemann  Copyright: SNSB
Anthropologische Untersuchung eines frühmittelalterlichen Skeletts an der Staatsammlung für Anthropologie in München (SNSB-SAM) Quelle: K. Hagemann Copyright: SNSB
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Eine internationale Studie mit bayerischen Funden zeigt: Die Bevölkerung
Süddeutschlands entwickelte sich nach dem Zusammenbruch des Römischen
Reiches durch die schrittweise Vermischung unterschiedlicher Gruppen und
regionale Mobilität – nicht durch einzelne große Wanderungsbewegungen. Die
Studie erschien nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature.

In der Zeit zwischen Antike und Frühmittelalter entstanden viele Dörfer
und Städte im Süden Deutschlands auf ehemals römischem Boden oder in
unmittelbarer Nähe des Limes, der einstigen Reichsgrenze Roms. Bisher
interpretierte man diese Besiedelungsphase nach dem Ende des Weströmischen
Reiches als Ergebnis großräumiger Invasionen durch germanische Stämme.
Neue genomische Analysen zeigen nun, dass die Besiedelung Süddeutschlands
nicht durch einzelne große Eroberungszüge, sondern durch schrittweise,
kleinere Migrationsprozesse erfolgte. Ein internationales Forschungsteam
aus Anthropologen, Historikern und Archäologen hat die Genome von Menschen
aus der Zeit zwischen 400 und 700 n. Chr. analysiert. Untersucht wurden
Skelettfunde aus Reihengräberfeldern Süddeutschlands, darunter bayerische
Fundstellen wie Weilheim, Ergoldsbach, Burgweinting und das Gräberfeld von
Essenbach-Altheim im Landkreis Landshut. Frühmittelalterliche Friedhöfe
wie diese waren ab Mitte des 5. Jahrhunderts in Süd- und Westdeutschland
verbreitet und durch ihre Lage nahe des Donau-Limes für die Forschenden
von großem Interesse.

Die Daten zeigen, dass sich nach Auflösung der römischen
Verwaltungsstrukturen zunächst genetisch klar unterscheidbare Gruppen
miteinander vermischten. Dabei trafen Menschen mit nördlichen Wurzeln auf
Bevölkerungen aus römisch geprägten Stadt- und Militärsiedlungen, deren
Herkunft selbst vielfältig war. Die genetische Durchmischung vollzog sich
durch die Migration kleinerer Gruppen innerhalb weniger Generationen. Nach
nur 150 Jahren ähnelte die Bevölkerung südlich des Limes in ihren Genen
bereits heutigen Mitteleuropäern. Die rasche Durchmischung führen die
Forschenden auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund zurück:
Womöglich spielten die Lebensart und Traditionen der spätrömischen
Gesellschaft eine verbindende Rolle. Die Rekonstruktion von
Familienstrukturen zeigt: Die Gesellschaft war überwiegend durch
Kernfamilien geprägt, Ehen waren monogam, Ehen zwischen nahen Verwandten
wurden vermieden. Erbliche Rechte konnten sowohl über Töchter als auch
über Söhne weitergegeben werden.

Die Anthropologinnen Michaela Harbeck und Maren Velte von den Staatlichen
Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) waren maßgeblich an der
Studie beteiligt. Neben der Bereitstellung zentraler Fundbestände wurden
an der anthropologischen Staatssammlung in München osteologische und
isotopenanalytische Untersuchungen durchgeführt. „Unsere Analysen der
Knochenstruktur und spezieller chemischer Signaturen der Knochen lieferten
ergänzende Informationen zu Mobilität und Herkunft der Menschen zu der
Zeit. Diese bestätigen die genetischen Ergebnisse“, erläutert Maren Velte,
Gastwissenschaftlerin an den SNSB.

„Unsere Sammlungsbestände ermöglichen es, grundlegende Fragen zur
Bevölkerungsentwicklung im Übergang von der Antike zum Mittelalter auf
einer belastbaren Datenbasis zu untersuchen. Die Studie verdeutlicht, wie
eng biologische und kulturelle Entwicklungen miteinander verknüpft sind“,
so PD Dr. Michaela Harbeck, Kuratorin der anthropologischen Sammlung der
SNSB. „Wir sehen klar, wie sich gesellschaftliche Strukturen über
politische Umbrüche hinweg fortgesetzt haben.“

Archäologen und Restauratoren des Bayerischen Landesamtes für
Denkmalpflege (BLfD) be-gleiteten die Ausgrabungen der untersuchten
Gräberfelder in Bayern fachlich und bereiteten das Fundmaterial für die
archäologische Auswertung auf. Die populationsgenetischen Untersuchungen
ergänzen die Ergebnisse der Archäologie und deren wissenschaftliche
Interpretation nun maßgeblich. Jochen Haberstroh, stellvertretender Leiter
der Abteilung Bodendenkmalpflege am BLfD, sagt: „Altbayern ist ein
hervorragendes Labor, um den Übergang von der Antike ins Mittelalter zu
untersuchen. Wir sehen an dem Projekt das große Potenzial der Erforschung
bayerischer Bodendenkmäler im Austausch mit naturwissenschaftlicher
Spitzenforschung.“

Die Studie wurde initiiert von Forschenden der Eberhard Karls Universität
Tübingen, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie den Staatlichen
Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und des Bayerischen Landesamtes
für Denkmalpflege. Beteiligt waren zudem Populationsgenetiker der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz sowie der Universität Freiburg, Schweiz. Die
Forschung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen
der Tübinger Kolleg-Forschungsgruppe 2496 „Migration und Mobilität in
Spätantike und Frühmittelalter“ und durch den Schweizerischen
Nationalfonds (SNF) gefördert.