Warum Katzen in Video-Meetings die Kommunikation verändern
Zoom-Meetings gelten als langweilig und distanziert. HM-Promovendin Galina
Gostrer zeigt in ihrer Dissertation, wie Alltagsmomente Nähe schaffen und
Gespräche menschlicher machen. Ein Kind platzt ins Meeting, eine Katze läuft über den Schreibtisch, im
Hintergrund liegt ein Gymnastikball. Was nach Ablenkung klingt, gehört
längst zum Alltag virtueller Konferenzen.
HM-Promovendin Galina Gostrer
von der Fakultät für Studium Generale und Interdisziplinäre Studien an der
HM untersuchte in ihrer Dissertation, wie Teilnehmende auf solche
Situationen reagieren – und wie daraus Nähe und Beziehungen entstehen.
Alltagsmomente als Forschungsgegenstand
Im Zentrum ihrer Arbeit stehen sogenannte Noticing-Sequenzen: kurze
Episoden, in denen Teilnehmende etwas außerhalb des gemeinsamen
Arbeitskontextes bemerken und ansprechen, etwa eine Katze, ein Kind oder
einen ungewöhnlichen Hintergrund. „Solche Momente verleihen virtuellen
Meetings eine persönliche Nähe“, sagt Gostrer. „Plötzlich sind wir mehr
als Kolleginnen, wir sind (Katzen-)Mütter oder (Katzen-)Väter und können
über diese Rollen eine neue Art und Tiefe von Beziehung herstellen.“ Auch
Möbel oder andere sichtbare Details im Bild zeigen laut Gostrer, dass
virtuelle Interaktion nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern immer
in konkrete Lebenswelten eingebettet ist.
Ursprünglich wollte die Promovendin untersuchen, wie Teams mit
unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Hintergründen in virtuellen
Arbeitskontexten kommunizieren. Dabei fiel ihr auf, dass die Verständigung
trotz dieser Herausforderungen und der räumlichen Distanz überraschend gut
funktionierte: „Die Teilnehmerinnen hatten entgegen der weit verbreiteten
Auffassung von vermeintlich langweiligen und monotonen Videokonferenzen
offensichtlich Spaß miteinander.“ So kam die Forscherin auf Noticing-
Sequenzen, ein Phänomen, das in diesem Kontext bislang kaum
wissenschaftlich untersucht wurde.
Nähe entsteht durch kleine Unterbrechungen
Für ihre Analyse zeichnete Gostrer zwischen März 2021 und Mai 2022
insgesamt 44 virtuelle Meetings zweier Teams auf und wertete diese mit der
multimodalen Konversationsanalyse aus. Diese sozialwissenschaftliche
Methode rekonstruiert Gespräche sehr detailliert, um zu verstehen, wie
Teilnehmende einen Austausch gemeinsam strukturieren: Wer spricht wann?
Worauf wird reagiert? Dazu transkribierte und analysierte Gostrer
ausgewählte Videosequenzen. Im Fokus standen nicht nur gesprochene Worte,
sondern auch Mimik und Gestik, etwa wie sich Teilnehmenden vor der Kamera
bewegen oder am Bildschirm orientieren.
Die Ergebnisse zeigen: Noticing-Sequenzen treten an unterschiedlichen
Stellen im Meeting auf – etwa als Small Talk zu Beginn oder am Ende, in
kurzen Pausen oder zur Entschärfung unangenehmer Situationen. Auffällig
war zudem, wie flexibel Teilnehmende Körperlichkeit ins Digitale
übertragen: Sie winken einander oder Haustieren zu, imitieren Bewegungen
oder beschreiben körperliche Empfindungen. So gleichen sie fehlende
körperliche Nähe teilweise aus.
Wie man virtuelle Meetings bewusst gestaltet
Diese Erkenntnisse sind auch für die Praxis sehr relevant: „Virtuelle
Meetings sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Gostrer. In Unternehmen und
Hochschulen können Noticing-Sequenzen bewusst genutzt werden, um Nähe und
soziale Struktur in digitalen Meetings zu fördern. Unterbrechungen müssen
nicht als Störung verstanden werden. Richtig genutzt, können sie
Beziehungen stärken und das soziale Miteinander fördern.
Galina Gostrer ist Absolventin des Masterstudiengangs „Interkulturelle
Kommunikation und Kooperation“ der Hochschule München und war während
ihrer Promotionszeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät
für Studium Generale und Interdisziplinäre Studien tätig. Betreut wurde
die Arbeit von HM-Professorin Prof. Dr. Katharina von Helmolt und Prof.
Dr. Kirsten Nazarkiewicz von der Hochschule Fulda.
Ihre Dissertation mit dem Titel „Celia, sitzt du auf einem Ball?
Aushandlung von Beziehung und Raum mittels Noticings kopräsenter Phänomene
in virtuellen Meetings“ erscheint im Juni bei De Gruyter Brill.
