Hacker-Alarm im Krankenhaus
Fraunhofer SIT trainiert Kliniken für den Ernstfall - Planspiel für
Cyberkrisen und Forschungsprojekt
Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) bietet
besonders realitätsnahe Cyber-Krisen-Planspiele speziell für Krankenhäuser
an. In ganztägigen Übungen trainieren Teams aus Technik, Medizin und
Verwaltung gemeinsam, wie sie einen Cyberangriff erkennen, kommunizieren
und bewältigen.
Erste Erfahrungen mit Kliniken zeigen: Die Teilnehmenden
machen deutliche Fortschritte, und das unter echtem Druck. Die Ergebnisse
fließen außerdem in ein Forschungsprojekt ein, damit auch andere aus den
Planspielen lernen können.
Ransomware verschlüsselt Patientendaten, die Telefonanlage bricht
zusammen, Journalisten stehen im Eingangsbereich des Krankenhauses, und
der Krisenstab muss dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft. Genau
solche Szenarien simulieren die neuen Cyber-Krisen-Planspiele des
Fraunhofer SIT. Das Besondere: Es geht nicht um reine Folien-
Präsentationen oder Theorie. „Wir machen keine PowerPoint-Games", sagt Dr.
Markus Willing, einer der Projektleiter und selbst
Informationssicherheitsbeauftr
Je nach Krankenhausgröße nehmen 10 bis 20 Personen teil – darunter die
technische Leitung, die medizinische Leitung, die Geschäftsführung sowie
Mitarbeitende aus der IT-Abteilung. Zu Beginn erhält das IT-Team eine
digitale Arbeitsumgebung und erste Hinweise auf einen möglichen Vorfall.
Was genau passiert ist und wie gravierend die Lage ist, wissen sie nicht.
Sie müssen selbst entscheiden, wann und wie sie den Krisenstab
einschalten.
Das Trainer-Team aus drei bis vier Fachleuten heizt die Situation gezielt
an und setzt das Klinik-Team unter Stress: mal mit einer kleinen
technischen Fehlermeldung, mal mit dem Ausfall der ganzen Telefonanlage.
„Für Ärztinnen und Ärzte ist das maximal anstrengend, denn das Telefon ist
für sie ein zentrales Instrument zum Besprechen von Diagnosen und
Behandlungsplänen", erklärt Willing. Manchmal bauen er und seine Kollegen
auch lokale Besonderheiten ein – zum Beispiel simulierte Medienvertreter
der örtlichen Presse im Foyer oder zusätzliche medizinische oder andere
Ausnahme-Situationen. Der Effekt: Schon nach kurzer Zeit entsteht echter
Stress, obwohl alle in ihrer gewohnten Umgebung und Rolle bleiben.
Eine zentrale Herausforderung für die Teilnehmenden ist die Kommunikation
zwischen IT und Krisenstab. Die technischen Mitarbeitenden müssen komplexe
Vorgänge für Personen ohne IT-Hintergrund verständlich machen. „Da der
Krisenstab zum großen Teil aus IT-Laien besteht, ist hier eine enorme
Übersetzungsleistung nötig, die das IT-Personal oft nicht gewohnt ist", so
Willing. Genau diese Überschneidung aus Technik, Medizin und Organisation
macht das Konzept des Fraunhofer SIT einzigartig.
Die Übung dauert rund sechs Stunden und endet mit einem direkten
Debriefing. Alle Ergebnisse fließen in einen wissenschaftlichen Report
ein, denn jedes Planspiel ist Teil eines Forschungsprojekts, das den Stand
vor und nach der Übung dokumentiert. Das Projekt erforscht, wie gut
Krankenhäuser auf Cybervorfälle vorbereitet sind und wie sie auf einen
Cyberangriff reagieren. Ferner soll geklärt werden, ob sich bestimmte
Charakteristika von Krankenhäusern identifizieren lassen, die sich positiv
oder negativ auf die Dauer und Qualität der Reaktion während eines
Cyberangriffs auswirken. Gleichzeitig erfahren die Kliniken, wo es
Unterschiede zwischen den dokumentierten Notfallprozessen und dem
tatsächlichen Vorgehen im Falle eines Cyberangriffs gibt. Willing bringt
es auf den Punkt: „Alles, was vorbereitet ist, entlastet die handelnden
Personen mental, damit sie sich ganz auf die aktuelle Krisensituation
konzentrieren können."
Für Krankenhäuser ist das Thema nicht nur sinnvoll, es ist verpflichtend.
Das NIS2-Umsetzungsgesetz schreibt die Erstellung eines
Betriebskontinuitätskonzeptes und eine regelmäßige Wirksamkeitsüberprüfung
z. B. durch Krisensimulationen vor. Auch verstärkt die geopolitische
Situation die Relevanz von ganzheitlichen Krisensimulationen erheblich.
Weitere Informationen zum Angebot des Fraunhofer SIT sowie
Kontaktmöglichkeiten für interessierte Kliniken finden sich unter:
www.sit.fraunhofer.de .
